Geldanlage Neue Wette, altes Spiel

Viele Deutsche kaufen wieder Zertifikate – warum bloß?

Es war ein beispielloser Boom, den die Zertifikateindustrie nach dem Jahrtausendwechsel erlebte. Deutsche Anleger investierten Jahr für Jahr mehr Geld in Zertifikate, jene Anlageprodukte, mit denen sie auf die Entwicklung von Aktien, Anleihen oder Rohstoffpreisen wetteten. Im Jahr 2007 hatte die Branche den Zenit ihres Erfolgs erreicht. Das Vermögen, das hierzulande in solchen Papieren steckte, betrug in der Summe 139 Milliarden Euro – ein Allzeithoch. Deutschland war zum größten Zertifikatemarkt der Welt aufgestiegen.

Dann, im September 2008, kam der Schock: Die US-Investmentbank Lehman Brothers, ein bis dahin höchst renommierter Finanzkonzern, kollabierte. Rund 50.000 deutsche Sparer mussten erkennen, dass ihre Lehman-Zertifikate von einem Tag auf den anderen vollkommen wertlos geworden waren. Zeitungen und Fernsehsender berichteten über ältere Damen, die ihr gesamtes Erspartes verloren hatten. Auch andere Anbieter solcher Papiere wie die Deutsche Bank, die Commerzbank, die HypoVereinsbank oder die WestLB wurden zu Buhmännern. »Unsere Argumente zählten in dieser Zeit nicht«, so erinnert sich Lars Brandau, der Geschäftsführer des Deutschen Derivate Verbands (DDV), der obersten Lobbyvereinigung der Zertifikatebranche. »Wir wurden zum Teil mit unsachlichen Vorwürfen konfrontiert.« Groß war die Angst, in Massen flüchteten die Anleger aus Zertifikaten, das investierte Vermögen schmolz auf 80 Milliarden Euro zusammen. Beobachter waren sicher: Diese Krise würde das Aus für die Zertifikateindustrie bedeuten.

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Sie irrten. Heute, knapp drei Jahre nach der Lehman-Pleite, steht die Zertifikatebranche in Deutschland wieder prächtig da. Ende Mai hatten hiesige Anleger bereits wieder fast 111 Milliarden Euro in solche Papiere investiert. Zugleich ist die Zahl der angebotenen Zertifikate so hoch wie nie zuvor: Im Mai konnten Investoren in Deutschland zwischen 348.000 Produkten wählen, Tendenz steigend: Allein im Mai listeten Banken an Deutschlands Börsen mehr als 171.000 neue Papiere. Ein derartiges Comeback hatte kaum einer der Branche zugetraut. Wie war es möglich?

Emittentenrisiko

Bei Zertifikaten handelt es sich um sogenannte Inhaberschuldverschreibungen. Dabei leiht ein Anleger dem Emittenten Geld und bekommt für die Dauer der Laufzeit ein – an bestimmte Bedingungen geknüpftes – Zahlungsversprechen. Am Ende der Laufzeit erhält der Anleger einen festgelegten Betrag zurück. Wird der Emittent allerdings während der Laufzeit insolvent und kann seine Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllen, sind die Inhaberschuldverschreibungen wertlos

Zuallererst durch geschicktes Marketing. Die Banken gingen in die Offensive. Zertifikateanbieter arbeiteten in den vergangenen Jahren erfolgreich daran, Zweifel an ihrer Standfestigkeit zu zerstreuen. Der Sturz von Lehman Brothers hatte Anlegern vor Augen geführt, dass Zertifikate einem sogenannten Emittentenrisiko unterliegen. Wird die Bank, die ein Zertifikat ausgegeben hat, zahlungsunfähig, sind ihre Papiere wertlos – und die Anleger verlieren ihr gesamtes Geld. Banken betonen neuerdings deshalb gern, wie gut es um ihre Bonität bestellt sei.

So auch der französische Finanzkonzern BNP Paribas. »Wir sprechen momentan mit den Betreibern von Finanz-Internetseiten darüber, ob sie solche Informationen über die Emittenten zeigen könnten«, sagt Volker Meinel, bei BNP Paribas für das Zertifikatemarketing verantwortlich. Auch die Deutsche Bank, hierzulande Marktführer im Geschäft mit Zertifikaten, preist ihre eigene Stabilität. Auf seiner Internetseite zum Thema Zertifikate zeigt das Institut stolz, wie gut die Rating-Agenturen den Finanzkonzern bewerten. Die Bank wirbt bei Anlegern um Vertrauen.

Ein Emittentenrisiko bergen Zertifikate nach wie vor. Viele Anleger sind dennoch wieder bereit, dieses Risiko einzugehen. Bei erfahrenen Kunden können Zertifikateanbieter mit Produkteigenschaften punkten, die andere Anlageformen wie Investmentfonds nicht oder nur eingeschränkt bieten. So können Investoren zum Beispiel mit Bonus- und Discount-Zertifikaten selbst dann Geld verdienen, wenn sich die Kurse der zugrundeliegenden Aktien oder Rohstoffe nicht verändern, ja sogar dann, wenn sie leicht sinken.

Angesichts vergleichsweise magerer Zinsen für Tagesgeld und wackeliger Aktienmärkte lockt das viele Anleger an. In den vergangenen Monaten haben sie viel frisches Geld speziell in solche Zertifikate gesteckt.

Leser-Kommentare
  1. Richtig, es ist nicht nur das Emittentenrisiko. Ich habe mir 2008 bei Bonuszertifikaten die Finger verbrannt, da die zugrundeliegenden Aktien alle die untere Barriere durchbrochen hatten. Diese Zerifikate wurden in meinem Portfolio als Aktien geführt Mir wurde aber von meiner Bank nie gesagt, dass es nur Wetten auf eine bestimmte Performance der betreffenden Aktien waren, wobei ich auf eine und die Bank auf eine andere Kursentwicklung setzten und die Bank dank ihrer besseren Information am längeren Hebel sass. Also, nie wieder Zertifikate.

    • eeee
    • 30.07.2011 um 16:07 Uhr

    Das Wort "Zertifikat" selbst ist ja schon eine Lüge, da wird ja nichts "sicher gemacht". Nachdem die Lüge nun aufgeflogen ist, suchen sie ein neues Wort, das nicht mehr so sehr nach Unsicherheit klingt? Das ist doch zum Lachen.

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    • kkr
    • 30.07.2011 um 19:38 Uhr

    falls die Bank nicht pleite geht, wird entsprechend dem Prospakt gezahlt. Wer da nicht aufpasst oder zu leichtgläublich dem "Berater" bzw. "Verkäufer" auf den Leim ging, bei dem hat wieder mal das "Gier fressen Hirn" Syndrom.

    • kkr
    • 30.07.2011 um 19:38 Uhr

    falls die Bank nicht pleite geht, wird entsprechend dem Prospakt gezahlt. Wer da nicht aufpasst oder zu leichtgläublich dem "Berater" bzw. "Verkäufer" auf den Leim ging, bei dem hat wieder mal das "Gier fressen Hirn" Syndrom.

  2. nach iso 9001 (LOL)

  3. Inhaberschuldverschreibung

    Die Inhaberschuldverschreibung ist ein Wertpapier, das eine Forderung gegen einen Emittenten verbrieft und im Hinblick auf seine Übertragung als Inhaberpapier ausgestellt ist, in welchem der Besitzer der Urkunde nicht namentlich benannt wird.

    Die Rechtslage für Inhaberschuldverschreibungen ist im Gesetz ausdrücklich in den §§ 793 ff. BGB geregelt.

    http://de.wikipedia.org/w...

    Zertifikat

    Als Zertifikate werden Schuldverschreibungen bezeichnet, die über derivate Komponenten verfügen, so dass ihre Wertentwicklung von der Wertentwicklung anderer Finanzprodukte abhängt. Zertifikate zählen zu den strukturierten Finanzprodukten.

    http://de.wikipedia.org/w...

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Denn mal ehrlich: Wenn mir jemand 10% oder mehr Rendite verspricht, muss mir als Anleger doch klar sein, dass derjenige, der mir seine Schuld verbrieft, noch wesentlich tiefer in die Tasche greifen muss, damit die Anlagebetrüger auch noch ihre Provision abgreifen können. Und dann müsste ich mich als Anleger doch vorher fragen, ob ich selbst bereit wäre, für einen Hauskredit o.ä. 15% + X hinzublättern. Bzw. ob ich es könnte.
    Daher habe ich nicht wirklich Mitleid mit den geprellten Anlegern, eher Wut auf die "Berater", die den Menschen das Blaue vom Himmel versprochen haben. Dass diese "Zertifikate" nun ein Comeback erleben, zeugt für mich vor allem von einem: Die maßlose Gier der Habenden in diesem Lande wird nur noch von ihrer Dummheit übertroffen.

    • lepkeb
    • 30.07.2011 um 17:55 Uhr

    schließlich lief hier erst vor ein paar Tagen

    Leben ist Risiko - Zertifikate sind kein Teufelszeug.
    http://www.zeit.de/2011/3...

    Wer nach Lehman und der Finanzkrise als Otto-Normal Anleger immer noch so wahnsinnig ist, in Zertifikate zu investieren, dem kann nicht mehr geholfen werden. Einfach bei Investitionen den gesunden Menschenverstand benutzen und immer dran denken, Gier frisst Hirn.
    Und wenn Banken offenlegen müssten, ob sie gegenteilige Wetten abschließen, dann würde sich der Markt imho relativ schnell erledigt haben.
    Aber so etwas lässt sich ja beim Geburtstagsessen im Kanzleramt zum Vorteil der Banken regeln.

    • joG
    • 30.07.2011 um 17:56 Uhr

    Das ist doch klar. Sie sind relativ einfach zu handeln, sind kostengünstiger und besser skaliert als Realbestände und werden regulatorisch (wenn ich mich entsinne) weniger restriktiv behandelt als Futures oder Optionen. Sie haben das zusätzliche Risiko einer Anleihe aber nach Griehenland und Lehman weiß jeder, der überhaupt investieren sollte, dass dieses Risiko existiert. Aber das hätte er, kennte er die Geschichte deutscher Staatsschulden, auch wissen müssen. Man hat ja schließlich drei Male ilJ nicht bezahlt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Leicht handelbar - JA - vor allem für die sogenannten Bankberater, die von den Provisionen, die Banken von den Ausgabeaufschlägen leben.

    Zum sogenannten Emittentenrisiko wäre zu sagen, das dies gerade bei den sogenannten Garantiezertifikaten sogar doppelt sein kann.

    Denn dazu wird vom Emittenten des jeweiliegn Papiers all zu gerne eine abgezinste nachrangige Anleihe untergemischt, die bei Ablauf die Garantiesumme ganz oder teilweise sicherstellen soll.

    Vom übrigbleibenden Rest kauft der Emittent nach mathematischer Wahrscheinlichkeitsrechnung PUT- und/oder CALL-Optionen auf das (Underlay) - also dem eigentlich zugrunde liegenden Papier und stellt damit die Ober- und Unterkante der Schwellwerte her (die mit Sicherheit nach aussen anders ausschauen als nach innen, sodaß die Bank noch Reibach macht, wenn der kaufende Kunde bereits Verluste realisiert - von entgegengesetzten Wetten der Bank direkt und indirekt über ein anderes verkauftes sogenannt strukturiertes Finanzprodukt - mal ganz abgesehen.

    Wikipedia - Optionen

    Call-Option
    Put-Option

    Man darf wohl davon ausgehen, das sich 99% der Käufer dieser sogenannten "Finanzprodukte" nicht im klaren sind, wofür Sie da ihr Geld mit der Hoffnung auf "Gewinn" hergeben.
    Denn die Bank ist fast in jedem Fall der eigentliche Gewinner.

    • joG
    • 31.07.2011 um 18:51 Uhr

    ...sogenannten "Finanzprodukte" nicht im klaren sind..."

    Das ist das einzige Problem. Leute kaufen sich Dinge, die sie nicht verstehen. Das sollten sie nicht.

    Soweit es die Ausführungen zu den Optionen und Zeros angeht, führen sie hier nicht weiter. Ich beschäftige mich Beruflich seit sehr vielen Jahren mit den Risiken dieser Produkte und würde sagen, dass sie hervorragende Dienste leisten, wo sie angebracht sind und richtig verwendet werden. Zur Verbindung einzelner Produkte zu Paketen wäre zu vermerken, dass dies sinnvoll sein kann, weil die Transaktionskosten der Endanwenders hoch sind. Im Prinzip ist jedoch wahr, dass die meisten Endanwender auch in den Kapitalsammelstellen zu wenig Übersicht und Detailwissen haben um wirklich beurteilen zu können, wie die Vergleichskosten wären.

    Leicht handelbar - JA - vor allem für die sogenannten Bankberater, die von den Provisionen, die Banken von den Ausgabeaufschlägen leben.

    Zum sogenannten Emittentenrisiko wäre zu sagen, das dies gerade bei den sogenannten Garantiezertifikaten sogar doppelt sein kann.

    Denn dazu wird vom Emittenten des jeweiliegn Papiers all zu gerne eine abgezinste nachrangige Anleihe untergemischt, die bei Ablauf die Garantiesumme ganz oder teilweise sicherstellen soll.

    Vom übrigbleibenden Rest kauft der Emittent nach mathematischer Wahrscheinlichkeitsrechnung PUT- und/oder CALL-Optionen auf das (Underlay) - also dem eigentlich zugrunde liegenden Papier und stellt damit die Ober- und Unterkante der Schwellwerte her (die mit Sicherheit nach aussen anders ausschauen als nach innen, sodaß die Bank noch Reibach macht, wenn der kaufende Kunde bereits Verluste realisiert - von entgegengesetzten Wetten der Bank direkt und indirekt über ein anderes verkauftes sogenannt strukturiertes Finanzprodukt - mal ganz abgesehen.

    Wikipedia - Optionen

    Call-Option
    Put-Option

    Man darf wohl davon ausgehen, das sich 99% der Käufer dieser sogenannten "Finanzprodukte" nicht im klaren sind, wofür Sie da ihr Geld mit der Hoffnung auf "Gewinn" hergeben.
    Denn die Bank ist fast in jedem Fall der eigentliche Gewinner.

    • joG
    • 31.07.2011 um 18:51 Uhr

    ...sogenannten "Finanzprodukte" nicht im klaren sind..."

    Das ist das einzige Problem. Leute kaufen sich Dinge, die sie nicht verstehen. Das sollten sie nicht.

    Soweit es die Ausführungen zu den Optionen und Zeros angeht, führen sie hier nicht weiter. Ich beschäftige mich Beruflich seit sehr vielen Jahren mit den Risiken dieser Produkte und würde sagen, dass sie hervorragende Dienste leisten, wo sie angebracht sind und richtig verwendet werden. Zur Verbindung einzelner Produkte zu Paketen wäre zu vermerken, dass dies sinnvoll sein kann, weil die Transaktionskosten der Endanwenders hoch sind. Im Prinzip ist jedoch wahr, dass die meisten Endanwender auch in den Kapitalsammelstellen zu wenig Übersicht und Detailwissen haben um wirklich beurteilen zu können, wie die Vergleichskosten wären.

    • kkr
    • 30.07.2011 um 19:38 Uhr

    falls die Bank nicht pleite geht, wird entsprechend dem Prospakt gezahlt. Wer da nicht aufpasst oder zu leichtgläublich dem "Berater" bzw. "Verkäufer" auf den Leim ging, bei dem hat wieder mal das "Gier fressen Hirn" Syndrom.

    Antwort auf "Lug und Trug"

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