Ryan Lee (l.), Elle Fanning and Joel Courtney spielen in "Super 8" Kinder, die einen Super-8-Zombiefilm drehen wollen. © Kevin Winter/Getty Images

Der Produzent, Autor und Regisseur J. J. Abrams, Jahrgang 1966, ist für die Vergnügungsindustrie heute ungefähr das, was Steven Spielberg für die der achtziger und neunziger Jahre war: der Wunderknabe, der alles, was er anfasst, in Rendite verwandelt. Nach dem Erfolg seiner TV-Serien Alias und Lost wurden Abrams zwei große Kinoprojekte – Mission: Impossible und Star Trek – anvertraut, und als Schöpfer des cleveren Monstermovies Cloverfield hat er Punkte in der Szene der Medienfans gemacht. Sein neuer Film Super 8 erzählt, wie so etwas anfängt: in der amerikanischen Provinz, mit einer Hobbykamera, selbst gebastelten Requisiten und einer Vision.

Wir schreiben das Jahr 1979, George A. Romero hat gerade den zweiten Teil seiner Zombie -Trilogie gedreht, und in der Kleinstadt Lillian, Ohio, sind sechs Mittelschüler, allesamt ein bisschen exzentrisch und mit häuslichen Problemen geschlagen, emsig dabei, einen Horrorfilm im Hardcorestil herzustellen. Das kleine Team um den selbstbewussten Regisseur Charles (Riley Griffiths) und den melancholischen Maskenbildner Joe (Joel Courtney) weiß recht gut, was es tut. Der Zombie-Darsteller wankt vorschriftsmäßig blöde, mit herausquellenden Augen durch die Kulisse, die Effektsequenzen sind smart geschnitten; Charles hat soeben noch eine Liebesgeschichte ins Drehbuch geschrieben, weil ihm klar geworden ist, dass es in seinem Film auch ein bisschen menscheln muss, wenn das Publikum mitgehen soll. Die Crew zieht ins Gelände, zu einem alten Bahnhof, und dort geraten die Kinder in ein echtes Mystery-Szenario. Mitten in einer romantischen Abschiedsszene kollidiert ein heranrasender Zug mit einem Lieferwagen und entgleist auf die dramatischste Weise. Die Kids können sich knapp in Sicherheit bringen, die umgestürzte Kamera läuft weiter.


Was sie filmt, erfährt der Zuschauer erst sehr viel später. Aber es ist nicht schwer, sich das auszurechnen. Aus einem der aufgebrochenen Container quellen rätselhafte technische Objekte, das Militär ist verdächtig schnell zur Stelle, um die Spuren des Desasters zu beseitigen, in der Nachbarschaft verschwinden Mikrowellen, Haustiere, Menschen, und irgendwann wütet in einer Tankstelle etwas sehr Großes, möglicherweise Böses, angeblich Fremdes. Ein "It", zweifellos, ein "Ding aus einer anderen Welt", das aus dem fruchtbaren Schoß der amerikanischen Alien-Folklore gekrochen ist. Im weiteren Verlauf legen Kids und Kleinstadtcops sich mit den brutalen Militärs an, Joe muss sich um die hübsche Alice (Elle Fanning) kümmern, in die er sich im Verlauf der Dreharbeiten verliebt hat, und Charles versucht, seine kaum begonnene Karriere zu retten. Der Jungregisseur ist zwar nicht die Hauptfigur, aber in gewisser Weise das Kraftzentrum des Films: der Vertreter aller Hollywood-Wunderkinder.

Wieder wühlt das Unheimliche eine friedliche Kleinstadt auf

J. J. Abrams, heißt es, hat selbst als Jugendlicher mit Freunden ein Super-8-Festival in Los Angeles organisiert – und wurde von Steven Spielberg "entdeckt", der dem aufstrebenden Talent die Restaurierung seiner eigenen, ganz frühen Super-8-Filme auftrug. Jetzt ist der Meister als Produzent mit im Spiel, und gemeinsam drehen die beiden die Bildkultur durch die Mangel. Super 8, das ist, als würde man ein Spiegelkabinett betreten: Phantome, Erscheinungen, Schatten und Reflexionen überall.

George Romero, der am Ende auch namentlich aufgerufen wird, hat den Film nicht nur mit Zombies infiziert: Wenn in Super 8 die Militärs schließlich die Stadt evakuieren und ihre hysterisierten Bewohner in Lagern zusammentreiben, stammt das wohl aus Romeros Seuchenszenario Crazies. Auch an die Kleinstadterzählungen und den Maschinenhorror des Bestsellerautors Stephen King könnte man denken, an seine Vorlage zu Stand By Me, an Es und Rhea M . Aber die linksliberale Haltung dieser beiden Genrespezialisten, deren Horror solide im Alltag verankert ist, in den Beziehungen von Ethnien und Klassen in der amerikanischen Konsumgesellschaft, muss man Abrams nicht notwendig unterschieben. Was Super 8 etwa in der gar nicht mal herzlosen Exposition über die Leute von Lillian, über den Unfalltod von Joes Mutter oder den labilen Vater von Alice erzählt, könnte auch als "emotionale Drehbuchkomponente" von dem jungen Charles erfunden worden sein – es ist so allgemein, dass es überallhin passen würde, in jedes Land zu jeder Zeit. Insofern ist es vielleicht kein Zufall, dass auch die Chronologie etwas unscharf ist: Die Fernsehnachrichten scheinen eindeutig auf den Unfall im Kernkraftwerk Three Mile Island zu verweisen, aber es tauchen auch Dinge auf, die erst später erfunden wurden.