Fusionsforschung : Die Faszination ist verschwunden

Nach dem Erdbeben in Japan steht auch die Kernfusion vor neuen Problemen.

Energiewende jetzt: Die Kernschmelze in Fukushima hat hierzulande den Ausstieg aus der Atomkraft angeschoben. Doch wie wirkt sich die ferne Katastrophe auf die andere Kernenergie aus, die aus der Fusion von Atomkernen gewonnen wird? Gibt sie der alternativen Atomkraft einen neuen Impuls, oder bremst sie das Weltprojekt Kernfusion aus?

Ein Fusionsreaktor funktioniert gewissermaßen umgekehrt wie ein herkömmliches Atomkraftwerk . Statt schwere, große Atomkerne zu spalten, soll er leichte, kleine Kerne verschmelzen und auf diese Weise Energie gewinnen. So geschieht es auch in der Sonne. Der Vorteil: Die Reaktion kann nicht außer Kontrolle geraten wie die Kernspaltung. Der Nachteil: Sie ist weitaus schwieriger in Gang zu setzen. Deshalb kostet die Fusionsforschung viel Zeit und Geld. 30 bis 50 Jahre dauere es, bis die Technik Strom liefern werde, heißt es seit Jahrzehnten – Zyniker sprechen von der "Fusionskonstante".

Im vergangenen Jahr stellte sich dann heraus, dass der internationale Versuchsreaktor Iter , der seit 2010 in Cadarache in Südfrankreich gebaut wird, dreimal so viel kosten wird wie ursprünglich angenommen: 15 Milliarden Euro. Und noch immer streiten der Ministerrat der EU und das Europäische Parlament darüber, wie ein Finanzloch von 1,4 Milliarden Euro in den kommenden beiden Jahren gestopft werden soll. Läuft alles glatt, könnte Iter 2027 in Betrieb genommen werden.

Das Erdbeben in Japan und die Havarie in Fukushima belasten die Fusion nun gleich doppelt. Japan, das an Iter beteiligt ist, wird seine Bauteile nicht pünktlich liefern können; unter anderem weil eine Testanlage im Fusionsinstitut in Naka beschädigt wurde. Die japanische Regierung rechnet mit einer Verzögerung von einem Jahr. Darüber hinaus droht Fukushima jede Technik, in der das Wort "Kern" auftaucht, zu diskreditieren. In der öffentlichen Wahrnehmung könnten Kernspaltung und -fusion zu unheilvollem Klang verschmelzen. Schon haben die Grünen im Bundestag ein Moratorium für die Fusion gefordert. Es stellt sich die Frage, ob sich aus dem Protest der Politprofis ein generelles Akzeptanzproblem entwickelt.

Noch wissen die meisten Menschen kaum etwas über die Fusion. "70 bis 80 Prozent können sich darunter überhaupt nichts vorstellen", sagt Ortwin Renn , Techniksoziologe an der Universität Stuttgart und Mitglied im "Freundeskreis der Fusion", einem Klub von Befürwortern aus Industrie und Forschung. Selbst diejenigen, die angäben, schon einmal etwas von der Kernfusion gehört zu haben, seien oft wenig informiert, sagt der Risikoforscher. "Das ist wie bei einem neuen Waschmittel. Da behaupten in Umfragen auch immer 20 Prozent, es schon zu kennen, obwohl es noch gar nicht existiert."

Das Max-Planck-Institut (MPI) für Plasmaphysik will jetzt erkunden, was das Volk von der Fusion hält. Es hat Dialogik, eine gemeinnützige Gesellschaft für Kommunikationsforschung, mit einer Studie beauftragt. "Schon vor Fukushima", betont die MPI-Sprecherin Isabella Milch. Dialogik befragt keine repräsentative Auswahl an Bürgern, sondern verschiedene Fokusgruppen, die jeweils zuvor die wichtigsten Informationen über die Technik erhalten: Lehrer, Technikstudenten, Wissenschaftsjournalisten, Mütter. Die Ergebnisse sollen in einigen Wochen vorliegen.

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Kommentare

162 Kommentare Seite 1 von 14 Kommentieren

"Bitte mehr neue Waschmittel"

Sie haben natürlich vollkommen Recht. Im Grunde sind nicht die 20 %, die behaupten, das Waschmittel schon zu kennen, bemerkenswert, sondern die 80 %, denen die Werbung tatsächlich vorgaukeln kann, dass sie das Waschmittel noch nicht kennen.

Ist es die unstillbare Reinlichkeitssehnsucht der Menschen und die Macht des noch weißeren Waschens, oder die nicht ausrottbare Wundergläubigkeit des zum unbedingten Konsums erzogenen Otto/Berta Normalverbrauchers?

ITER, jedenfalls, hat als "Kraftwerk" das Problem, dass die Kernfusion bisher nicht mal im kleinen Maßstab, erntbare Energie erzeugte. Der Glaube der Techniker und Politiker, es ginge plötzlich, wenn man die Anlage nur groß genug baue, ist zum einen schon wieder süß, weil sie dem Volk zeigt, dass die Eliten keineswegs so elitär sind, wie sie sich gerne geben, und es ist brandgefährlich, weil Eliten, wenn eine Zivilisation längerfristig voran kommen soll, schon nicht nur in ihrem Habitus elitär sein sollten.

»Die Akzeptanz wird nicht so brillant sein«

statt die sonne "nachzubauen" reicht es, sie mit photovoltaik einfach zu ernten. völlig gefahr-und emissionslos, in grossindustriellem massstab hergestellt zu einem bruchteil der heutigen kosten möglich und über transeuropäische vernetzung mit weit weniger speicherbedarf als derzeit prognostiziert.

allein für die angesprochenen 15 mia lassen sich nach heutigen preisen 10 GWp leistung installieren, das wären je nach aufstellungsort 10 - 20 TWh pro jahr.

Solarzellen.

Wissen sie überhaupt wie solarzellen bzw. photovoltaikzellen hergestellt (plus verwendete chemikalien bzw. mineralien/materialien) werden? (CO2 neutralität wenn überhaupt erst nach ein paar jahren)
Wissen sie über die beschränkte lebensdauer bescheid?
Wissen sie über die noch bescheidene effizienz bescheid?
etc...

Ach und es ist ja nicht so, dass es im winter weniger sonne gibt, wir aber mehr heizen müssen. So genug "polemik".

Feuer im Ofen

"......reicht es, sie mit photovoltaik einfach zu ernten..... "

Unsinn wird durch häufige Wiederholung nicht richtiger. Für unsere Zivilisation ist es unabdingbar, auch dann Feuer im Ofen zu haben, wenn Wolken vor der Sonne sind, der Wind nicht weht und es im Winter kalt ist.
Wie war das mit der "Speichertechnik"?
Erstmal die kurzzeitige Flaute, und dann müssen ja auch noch die Kohlen für den Winter in den Keller.

Die Protagonisten der "Energiewende" haben es einfach - dank der alten Strukturen ist ja derzeit von allem genug da. Die demonrieren wir jetzt.

Die Lücken in der schönen neuen Welt sollen mit Erdgas gestopft werden. Na prost Mahlzeit. Oder mit Kohle? Igittigittigitt......

Ob nun bei der Fusion was rauskommt oder nicht - wenn nicht das dann muß was anderes ran.
die Zivilisation braucht einfach Masse im Aufkommen, und das zu bezahlbaren Preisen. Der Verweis auf die Photovoltaik ist da ein bischen armseelig.

Sagen Sie mal otto_B...

... was denken Sie, sollen wir mit den hunderten, unterirdischen Erdgasspeichern in Deutschland eigentlich machen, wenn in einigen Jahrzehnten das Erdgas nicht mehr so günstig zu haben ist?

Schütten wird diese dann einfach zu, oder lassen wir sie verfallen?

Oder nutzen wir diese einfach als bereits vorhandene Speicher für gegenwärtig mehr als 220TWh Erdgas zur Speicherung von "WindGas", egal ob das jetzt reiner Wasserstoff oder methanisiert "BioMethan" wäre? Schon seit einigen Jahren erfreut sich die Methanisierung mittels Windstrom als Speicherkonzept zunehmender Beliebtheit, zumal es da keinen Nutzungskonflikt mit dem Nahrungs- und Futtermittelanbau gibt.

220TWh Speicherkapazität existieren bereits und werden gegenwärtig sogar noch deutlich ausgebaut. Selbst für eine komplette Umstellung auf die Erneuerbaren Energien werden maximal 40-50TWh Speicherbedarf prognostiziert. Natürlich könnte man auch etliche dieser Kavernen als Druckluftspeicherkraftwerk (CAES, bzw. AA-CAES) umrüsten.

Außerdem wird der Wärmebedarf dank verstärkter Dämmung von Altbauten oder komplett wärmeoptimierten Neubauten ohnehin deutlich sinken. Dafür brauchts dann sicher keine Kohlen mehr im Keller.

Was hat das Beheizen von Gebäuden mit Photovoltaik zu tun

angesichts im Überfluss vorhandener geothermischer Energie? Heizen mit Strom ist eine (aus ökologischer Sucht irrationale) Erfindung der Großkraftwerkslobby, die damit den Stromverbrauch in Deutschland künstlich gesteigert und die dringend benötigte Last für ihre Anlagen während der Nachtstunden generiert hat. Tiefe Erdwärmesonden die von Stadtwerken und kleinen regionalen Energieversorgern betrieben würden, könnten problemlos den gesamten Heizenergiebedarf in Deutschland decken, und würden dabei noch dazu beitragen, die klammen öffentlichen Haushalte zu sanieren, anstatt die Kassen einiger Oligopolisten zu füllen. Klar dass die Großindustrie alle Hebel in Bewegung setzt, um ein solches Szenario zu verhindern, das uns Verbrauchern ein Stück Unabhängigkeit zurückgäbe und zu maximaler Preisstabilität bei den Heizkosten führen würde. Im übrigen frage ich mich, warum 30 Jahre und länger als Lebensdauer von Qualitätssolarpanels als "beschränkt" zu bewerten sein sollen. Und warum erwähnen Sie überhaupt die "Effizienz", wo es bei Photovoltaik doch nicht darum geht, aus einem fossilen Energieträger mit möglichst geringem Verlust elektrischen Strom zu erzeugen, sondern darum von der andernfalls ungenutzten Strahlungsenergie des Sonnenlichts einen Teil in technisch nutzbare Energie umzuwandeln. Wenn die Leistung einer Photovoltaikanlage in kWp spezifiziert ist, dann ist darin der Wirkungsgrad der Zellen bereits eingerechnet und die übers Jahr erzielbare "Stromernte" gut abschätzbar.

co2-Neutralität

was die co2-Neutralität angeht, so sieht jene in den anderen Kraftwerksarten deutlich übler aus (man denke an den Bau eines Atomkraftwerkes).

Abgesehen davon ist die Forschung bei der Solarenergie deutlich vielversprechender, als bei der (warmen) Fusionsenergie - was natürlich nicht heißt, daß jene aufgegeben werden müßte.

Solarzellen kommen mit immer wenigen "Giftstoffen" aus und sind nicht mehr so Wartungsintensiv, wie noch vor einigen Jahren. Zumindest ist da noch eine Menge Potential (jede Pflanze kann das besser).
Und die Solarthermie sollte man auch nicht vergessen. Ein paar größere Anlagen in tropischen und subtropischen Gebieten und der Weltstrombedarf ist erst einmal eine Weile gesichert.

Auf jeden Fall haben wir, in Anbetracht des ausgehenden Öls, nur die Wahl zwischen massiver Forschung und dem "Rückschritt" in vorindustrielle Gesellschaftsformen, denn vom heutigen Stand aus können wir ohne Öl nur noch ca. 3 Milliarden Menschen (+- 30%) ernähren, statt wie heute 9 Milliarden.

Was ist das eigentlich?......

"......Windgas......"

Ich weiß nicht so richtig, was das sein soll.

Schauen Sie mal hier:
http://mediathek.cesifo-g...
der Vortrag von Sinn, so etwa um die 21. Minute reingucken.

ein Wattenmeer für den Atomstromausstieg,
fünf für den Kohlestromausstieg.

Wo kommen die Windturbinen für den Verkehr und die für den Wärmemarkt hin?
Hans-Werner Sinn würd ich eigentlich als einen vertrauenswürdigen Zeugen ansehen.

otto_B, bei allem nötigen Respekt...

... aber Sie beantworten nicht meine Frage:

"Was denken Sie, sollen wir mit den hunderten, unterirdischen Erdgasspeichern in Deutschland eigentlich machen, wenn in einigen Jahrzehnten das Erdgas nicht mehr so günstig zu haben ist?"

Darüber hinaus sollten Sie doch nun wirklich in der Lage sein, den Begriff "Windgas" in der Wikipedia nachzulesen, obwohl ich Ihnen schon einige zusätzliche Hinweise gegeben habe.

Aber gut, hier, bitte: http://de.wikipedia.org/w...

Und bezüglich des Vortrags von Herrn Sinn... [...]

Er hätte durchaus mal etwas dazu sagen können, dass ca. 50% der aufgezeigten fossilen Energien bei der Umwandlung in die benötigte Energieformen ganz einfach verschwendet werden.

Der mittlere Wirkungsgrad der dt. Kraftwerke liegt bei ca. 42%.

Im Verkehr schauts noch viel schlechter aus, selbst unter der Einbeziehung der effizienten Diesel-LKW dürften wir da im Mittel wohl kaum über 35% kommen. E-Autos kommen auch auf ca. 60-65% Wirkungsgrad - sind also ca. 2-3 mal so effizient wie die meisten Verbrennungsmotoren.

Im Wärmebereich dürfte man sicherlich auch 50% einsparen können, alleine schon durch die Gebäudedämmung. Von Wärmepumpen ganz zu schweigen.

Und den demografischen Wandel scheint Herr Sinn auch zu ignorieren... dabei dürften wir 2050 ca. 5 Mio. weniger Einwohner in Deutschand haben.

Teil entfernt. Bitte äußern Sie Kritik anhand sachlicher Argumente und verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/wg

Buchtipp:

Charles Seife - Sun in a Bottle.

Kurz und relativ einfach geschrieben - die Anfänge der Kernfusion bis hin zu ITER...

Zumindest lässt eine Lektüre nur einen Schluss zu - es wird noch sehr lange dauern wenn es überhaupt klappt.
Dass historisch einzelne Gruppen auch immer gern zur besserwisserischen Überheblichkeit neigen (vor allem Amerikaner) hilft der Fusionsforschung auch nicht weiter, ebensowenig dass sie schon Milliarden verschlungen hat und obschon kleinen Entdeckungen hier und da im Sinne der energiegewinnenden Nutzung so ziemlich gar nichts vorzuweisen hat.