Wenn Giorgio Vasari noch einmal zur Feder greifen, wenn er noch einmal sein Werden und Wirken beschreiben könnte, jetzt, 500 Jahre nach seiner Geburt, dann wäre gewiss viel von Enttäuschung die Rede. Dass ihn noch immer alle für seine Bücher loben, ihn gar als Urvater der Kunstgeschichte preisen , das nähme er mit einiger Zufriedenheit zur Kenntnis. Aber der Künstler Vasari, der einst so begehrte Maler und Zeichner, fühlte sich verkannt. Wer weiß noch, dass er riesige Deckenfresken entwarf, halbe Städte umbaute und ein einflussreicher Architekt war? Selbst die Touristen, so müsste Vasari bitter notieren, reisen heute nach Florenz, durchschreiten voller Hochgefühl die Uffizien, diese großartige Bildergalerie, und ahnen doch meist nicht, wem sie das alles verdanken: das stolze Gebäude und auch die ungeheure Aura der Kunst, die dort gezeigt wird. Er war es, Vasari! Und keiner will es würdigen.

Zumindest ein wenig von dem Ruhm der großen Renaissance-Künstler hätte doch auf ihn abstrahlen sollen. Emsig hatte er daran gearbeitet, den eigenen Namen mit den Namen Leonardos, Raffaels und Michelangelos für immer zu verbinden. Vasari war nicht einfach nur ihr Biograf, er beschrieb nicht nur ihre Werke und erzählte von ihrem Leben – er war auch, man muss es so sagen, ihr Schöpfer. Wortreich malte er ihnen einen Himmel aus und hob sie hinein, er war der Begründer jener Kunstreligion, die bis heute viele Menschen in ihren Bann schlägt und sie zu Hunderttausenden in die Toskana pilgern lässt. Für Vasari schlummerte in jedem Künstler etwas Göttliches; der Übergott aber war er selbst, denn erst durch ihn, durch seine Bücher, konnte der gewöhnliche Künstler, der über Jahrhunderte nur als besserer Handwerker galt, zum Übermenschen, zum divino artista aufsteigen.

Kein anderer Schriftsteller, kein anderer Historiker hat unser Bild der neuzeitlichen Kunst so sehr geprägt wie dieser Mann aus Arezzo. Dass wir wie selbstverständlich von Kunstepochen sprechen, von der Gotik, von der Renaissance; dass wir im Künstler gern den Außenseiter sehen, ein Genie, ungestüm und irgendwie verrückt; dass wir so viel auf die Freiheit der Kunst und die Autonomie des Künstlers geben – das alles geht auf Vasari zurück. Er müsste also, auch im Rückblick, nicht wirklich enttäuscht sein. Und doch wäre er unzufrieden, denn das war er immer. Immer wollte er mehr sein, mehr können, mehr gelten.

Vasari wurde in eine Epoche des Umbruchs hineingeboren. Die einst so klare Welt- und Himmelsordnung war zerborsten, viele Menschen wollten sich von den alten Zwängen, den vermeintlichen Gewissheiten emanzipieren. Das eine Mittel dieser Emanzipation war das Wissen, das andere war Geld. Und so spielten für die Renaissance die gebildeten, von der antiken Literatur begeisterten Humanisten eine ebenso wichtige Rolle wie die vielen Händler und Banker, deren Geschäfte in der frühkapitalistisch geprägten Toskana des 15. Jahrhunderts prächtig gediehen. Vasari war beides wichtig, die humanistischen Debattierzirkel ebenso wie seine Geschäftsbücher, die ricordanze, die er zeit seines Lebens akribisch wie ein Kaufmann führte. Und nur so, nach Wissen und Wohlstand strebend, überzeugt davon, dass es nicht so sehr auf die Abstammung des Einzelnen als auf dessen Leistung ankomme, gelang ihm sein Aufstieg.

Noch hundert Jahre zuvor wäre es einem wie ihm kaum möglich gewesen, zu einer epochalen Figur heranzuwachsen und am Ende gar zum Ritter vom Goldenen Sporn geschlagen zu werden. Doch das alte Standesdenken löste sich auf, die Macht der Zünfte verlor an Bedeutung, und so konnte aus dem Sohn eines verarmten Trödlers, geboren in einem heruntergekommenen Bergstädtchen, in Arezzo, das kaum mehr als 5.000 Einwohner zählte und seine Universität hatte schließen müssen, so konnte aus Vasari einer der erfolgreichsten Hofbeamten und Kunstunternehmer seiner Zeit werden.

Eines hatten sie in seiner Heimatstadt zum Glück nicht abgeschafft: die kostenlose Schulbildung für alle. Man leistete sich sogar eine Lateinschule, an der die Lehrer üppig wie Bankmanager bezahlt wurden und wo der kleine Giorgio schon mit 13 die Aeneis von Vergil auswendig lernte. Auch im Zeichnen und Malen wurde er früh gefördert. Dennoch empfand er seine Anfänge als derart bedrückend, dass er später lieber reich ausgeschmückte Herkunftsmärchen erfand.