Renaissance-KünstlerSo viel Genie war nie
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Die erste systematische Künstlergeschichte

Aus seinem Urgroßvater, der Sattler war, machte er einen bedeutenden Künstler, einen Mitbegründer der Renaissance. Dieser habe nach antiken Schätzen gegraben, vor allem nach jenen Vasen, für die Arezzo einmal bekannt gewesen sei und denen sich auch sein Familienname verdanke. Nicht zuletzt dank der Funde seines Urahns seien jene römischen Zeiten wieder lebendig geworden, in denen Arezzo als Zentrum der Gelehrsamkeit gegolten habe und allen bewusst gewesen sei, dass einst Noah höchstpersönlich die Stadt gegründet hatte, nach seiner Strandung an den Küsten der Toskana.

Nicht nur Vasari liebte solche Geschichten, die ganze Epoche schaute begeistert auf die Vergangenheit, um in dieser die eigene Zukunft zu erkennen. Ein neues, goldenes Zeitalter wurde beschworen, und berühmte Denker wie Giovanni Pico della Mirandola waren eifrig darum bemüht, die gewaltigen Unterschiede zwischen den heidnischen Vorzeiten und der christlichen Gegenwart hinfortzuphilosophieren. Selbst der Islam und das Judentum wurden freundlich eingemeindet – alles sollte mit allem vereinbar sein. Und so fanden die Künstler bald nichts mehr dabei, ihre Christus-Figuren als Apollon auftreten zu lassen oder umgekehrt.

Erst im harmonisierenden Blick auf die Vergangenheit schienen für viele Menschen die rasenden Veränderungen des 15. und 16. Jahrhunderts, die schweren Brüche jener Zeit erträglich zu werden.

Auch Vasari bekam die Spannungen deutlich zu spüren. Er war gut gebildet und hatte sich bei Künstlerkollegen viele Fertigkeiten abschauen können. Weil er aber kein Studium und keine Ausbildung abgeschlossen hatte und ihm eine Festanstellung bei den Medici in Florenz oder beim Papst in Rom lange verwehrt blieb – sosehr er sie sich wünschte –, musste er sich als Wanderkünstler durchschlagen. Sein Vater war früh gestorben, nun musste er für das Auskommen der Mutter und seiner fünf Geschwister sorgen. »Ich weinte«, notierte er später, »und mir wurde die Bequemlichkeit klar, die ich erfahren hatte, als mein Vater noch lebte.«

Er reiste herum, griff nach jedem Auftrag, der sich ihm bot, arbeitete selbst für einfache Bauern, malte Dorfkirchen aus und lernte, dass »Ausprobieren und eigenständiges Arbeiten lehrreich ist und darüber hinaus zu bester Praxis verhilft«. Doch sooft er auch meinte, demnächst bei einem der Fürsten oder Kardinäle unterschlüpfen zu können, immer zerstob seine Hoffnung. Immer wurde gerade ein potenzieller Mäzen entmachtet oder umgebracht, immer brach gerade ein Krieg aus. Und bereits der Sacco di Roma 1527, mit der Erstürmung und Plünderung der blühenden Kunststadt durch 24.000 deutsche Landsknechte und spanische Söldner, hatte Vasari früh schon klargemacht, dass die hohe Zeit der Humanisten und Künstler zu Ende ging. Er war damals 16 gewesen – und die Renaissance im Grunde vorbei.

Vielleicht begann er auch deshalb irgendwann, seine große Geschichte der Kunst zu schreiben: Er wollte kein Zuspätgekommener sein. Schreibend wurde er zum Kronzeugen, der alles gesehen hat, bei allem dabei war, von Anfang an. In seinen anspielungsreichen Beschreibungen, in den kritischen Bewertungen und den Künstleranekdoten trat das Vergangene hinein in Vasaris Gegenwart. Ermutigt von seinen Humanistenfreunden, unterstützt von vielen Beratern und Zuarbeitern, begann er, die erste systematische Künstlergeschichte überhaupt zu schreiben. Erstmals erschienen Le Vite de’ più eccellenti pittori scultori ed architettori im Jahr 1550, mit 133 Einzelbiografien und 1.300 Seiten, auf denen Vasari 2100 Kunstwerke erwähnt. Was auf den ersten Blick als reine Fleißarbeit, als Aneinanderreihung von Lebensläufen erscheinen mag, erweist sich in der Summe als eine ungemein geschickte, theoretisch durchdrungene Erzählung und durchaus auch als geschichtspolitische Werbeschrift. Die Vite werden getragen von einer heilsgeschichtlichen Botschaft, sie sind eine Zweitbibel in Zeiten religiöser Verunsicherung.

Genau wie das Bibel-Original hebt Vasari an mit der Genesis, mit Gott, dem deus artifex, der die Welt erschafft, und er endet (in der Erstausgabe) mit dem Jüngsten Gericht aus der Hand Michelangelos, des artifex divinus. In dessen Werk vor allem, aber auch in der Kunst Raffaels und Leonardos erfüllt sich für Vasari eine rund 300-jährige Fortschrittsgeschichte, in der die Toskana zum Mittelpunkt der Welt wird, die Gegenwart als die beste aller Kunstepochen erscheint und am Ende der Künstler zu einer Art Gott gekürt wird. Michelangelo habe die Schöpfung »besiegen« und schließlich »übertreffen« können, schreibt Vasari. Im Grabmal für Papst Julius II. sei dem biblischen Urvater Moses sogar »zu seiner Auferstehung« verholfen worden, dank Michelangelos lebensechter Darstellung. Was eigentlich erst am Ende aller Tage denkbar schien, wird durch die Künstler vorweggenommen: das Paradies.

Beim Publikum fand diese Kunst- und Verheißungsgeschichte unerwartet guten Anklang. Stolz berichtete Vasari, dass »von der sehr hohen Auflage bei den Buchhändlern nicht ein einziger Band mehr zu finden ist«. Daher machte er sich an eine zweite, stark erweiterte Ausgabe, und wohl nicht zufällig stellte er dieses Mal sich selbst ans krönende Ende des Buches, mit einem Überblick seines eigenen Schaffens. Dort erscheint er als Wunderkind der Künste, schon mit acht Jahren entdeckt, später von Michelangelo ausgebildet, stets von den Medici in Florenz gefördert.

All das ist weniger als die halbe Wahrheit, wie die Kunstwissenschaftler später herausfanden. Auch sonst sollte man Vasaris Schriften als historischer Quelle eher misstrauen. Manche Künstler, die ihm nicht genehm waren, unterschlug er gleich ganz, andere schildert er als bösartige Nichtskönner, etwa den Bildhauer Baccio Bandinelli, der als Hofkünstler der Medici lange einer seiner schärfsten Rivalen gewesen war. Auch Jacopo da Pontormo wurde von Vasari nicht gemocht – mit gravierenden Folgen. Denn die Urteile, oft auch nur die kolportierten Flegeleien wurden immer weiter fortgesponnen, und noch heute finden viele der Geächteten kaum Beachtung bei den Kunsthistorikern und Museumsdirektoren. Noch immer gilt für viele Giotto als Begründer der Renaissance, und Andrea Pisano, der für Vasari schon deshalb kaum zählte, weil er nicht aus der Toskana stammte, spielt nur eine Nebenrolle.

Leserkommentare
    • gpe63
    • 31. Juli 2011 19:13 Uhr

    Ein sehr schöner Artikel: Die im Vergleich zu anderen Renaissance-Vertretern relativ geringe Bekanntheit Vasaris ist wirklich bedauerlich.

    Im Artikel wird Pico della Mirandola am Rande erwähnt. Gerade in der aktuellen Debatte zum Thema arabischer Kultur finde ich ihn bemerkenswert. Er hat den Begriff der Menschenwürde in die Europäische Kultur eingeführt. Seine berühmte Schrift "Über die Würde des Menschen" ist dabei christlich inspiriert, beginnt aber mit Verweisen auf die arabische Kultur und griechische Götterwelt.

    [...]

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  1. ...wunderschöner Artikel,

  2. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Vasari im besagten Palazzo Vecchio auch Fresken von Botticelli (Anbetung der Heiligen Drei Könige) und Leonardo (Schlacht von Anghiari) übermalt hat, was uns ein besonders eindrückliches Bild von der Selbsteinschätzung des Malers gibt.

  3. Über VASARI schrieb auch ich: Ich finde es prima, dass (Kunst)Menschen die entwickelte SCHÖNHEIT der NATUR nicht nur in Wald- und Wiesen-Panoramen als SCHÖN empfinden. Für mich teilen Künstler die Faszination für das Thema „Kunst, von der Biologie inspiriert“ (Artikel in DIE ZEIT) so wie ein Naturwissenschaftler. Mit ars evolutoria (Bildern in Büchern, Web-Essays etc.) möchte ich gerade bei jungen (unverbildeten) Menschen HEUTE die Faszination an dem naturwissenschaftlichen Thema EVOLUTION wecken: Stichworte EST – ETOE - ENR.

    Siehe die neue INITIATIVE „IKVENR“: Internationale Künstler-Vereinigung ENR (IKVENR):

    ENR als „Evolutionäre Neue Romantik“ ist dem Leitbild (r)evolution verpflichtet: „ENR-(R)Evolution 2011“ meint im Evolutions-Sprung EVOLUTIONäre VERÄNDERUNG: Kunst-Legende E.L. KIRCHNER wollte "stete Verwandlung" (Evolution; Brief an Will Grohmann).

    Ich sprach von E.L.K.s Versuch einer l’art-pour-l’art-Überwindung. „Kreation einer dialogfähigen neu-modernen Syntax & Semantik“: „REVITALISIERUNG durch eine 2., 3., 4., 5. (…) MODERNE statt EVOLUTIONisierung?“. Damals hatte ich den Terminus "ENR" (= Evolutions-Romantik / Evolutionäre Neue Romantik) NOCH NICHT durch MANIFESTE publiziert.

    Zu VASARI - Rauterbergs Artikel und NEO-Renaissance - MEHR in der Gießener Zeitung (online): KUNST & WISSENSCHAFT ...
    http://www.giessener-zeit...

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