Renaissance-KünstlerSo viel Genie war nie
Seite 3/3:

Vasari war auch ein gewiefter Manipulator

Vasari war eben nicht nur ein Maler und Historiker, er war auch ein gewiefter Manipulator. Bevor er schließlich doch zum Hofkünstler der Medici wurde – sehr spät, dafür bestens bezahlt –, wusste er sehr genau, wann er sich wem anzudienen hatte, um an lukrative Aufträge zu gelangen, in Bologna ebenso wie in Venedig oder Neapel. Keiner schien auf seine Dienste verzichten zu wollen, weil Vasari nicht nur belesen und urteilsstark war, sondern auch ein großes Organisationstalent besaß und es verstand, selbst komplizierte Aufträge mit seinen Mitarbeitern schnell und zuverlässig zu realisieren.

Gäbe es heute noch einen wie ihn, er wäre alles zugleich: ein allseits geachteter Philosophieprofessor, der die Bestsellerlisten stürmt, ein Künstler, der auf dem Kunstmarkt erstaunliche Erfolge feiert, ein mächtiger Kulturpolitiker, ein glänzender Eventmanager und ebenso das Werbegenie, das die Politiker aller Parteien bestens in Szene setzt. Wie kein anderer Künstler verstand es Vasari, ungeheuer elitär und dennoch radikal populistisch zu sein.

Anzeige

Der eine Vasari plädierte inständig für eine Kunst, ganz aus dem Kopf geboren. Mehr als alles andere zählte für ihn das disegno, die künstlerische Idee, das geistige Konzept; hingegen schien ihm die Ausführung eines Werks nur bedingt bedeutsam. Damit nahm Vasari in gewissem Sinne die Konzeptkunst vorweg, von der viele meinen, sie sei erst im 20. Jahrhundert erfunden worden. Auch die »Kommentarbedürftigkeit der modernen Kunst«, die der Soziologe Arnold Gehlen so beklagte, erfreute sich bei Vasari bereits größter Beliebtheit. Er malte viele Rätselbilder, etwa ein Porträt des Herzogs Alessandro de’ Medici, in dem er etliche kleine Anspielungen versteckte. Der Hocker mit den drei Beinen sollte die ewige Macht der Medici versinnbildlichen – die perfekte Dreizahl! –, das rote Tuch auf die vielen Blutopfer der Herrscherfamilie verweisen und so fort.

Schon Vasaris Zeitgenossen standen meist verwirrt vor solchen Bildern, weshalb er zu manchen gleich die passende Interpretation mitlieferte, in Brief-, manchmal sogar in Buchform. Nicht wenige Humanisten fanden Vergnügen an solchen Rätselwerken, und auch der Herzog war zufrieden. Dem fragenden Gast konnte er in langen Erläuterungen das Unentzifferbare erklären – und so vor aller Augen seine imponierende Bildung demonstrieren.

Der andere, der populistische Vasari trat meist in der Rolle des Architekten in Erscheinung. So verwandelte er 1540 das mittelalterliche Rathaus von Florenz in eine Fürstenresidenz für Cosimo I. de’ Medici. Erst hatte man einen Abriss erwogen, doch Vasari – ein Meister in der nahtlosen Vereinigung von Früher und Heute – war überzeugt, dass sich die neue Herrschaft viel eindrucksvoller vor dem Hintergrund der alten Traditionen inszenieren ließe: als Überwinder und Vollender. »Nicht mehr dem Willen vieler, sondern nur einem, seinem Willen« sollte die Architektur nun Ausdruck geben, schrieb Vasari. Aus dem einstigen Rats- wurde ein Audienzsaal, die Decke um acht Meter angehoben und mit vielen neuen Fenstern in den Wänden. Wohin das Auge auch fiel, blickte es nun auf üppige Bilderreigen, die zwar mythologisch verbrämt, doch völlig unverrätselt die Medici als Herrscher des Universums feiern.

Noch eindrücklicher gelangen Vasari die Uffizien , es war die erste Verwaltungszentrale der Neuzeit. Das Gebäude verhalf nicht nur der heranwachsenden Bürokratie zu einem neuen Rang, es zentralisierte auch die bislang über die Stadt verstreuten Zünfte und zwang sie in ein einheitliches Corporate Design, wie man heute sagen würde. Vor allem aber verwandelte der Neubau den Stadtkörper von Florenz: Er brach mitten ins kleinteilige Quartier, eine frühromanische Kirche unter sich begrabend, und etablierte eine eindrückliche, fast schon absolutistische Sichtachse. Und natürlich zielte diese Achse auf niemand anderen als auf den Herzog, ewig präsent als skulptiertes Bildnis.

Ähnlich unbescheiden wusste Vasari schließlich auch sich selbst in Szene zu setzen. Bereits 1560, 14 Jahre vor seinem Tod in Florenz, begann er daheim in Arezzo, in der romanischen Pfarrkirche, sein Grabmal zu planen. Es sollte weit mehr sein als nur ein Stein oder ein Epitaph. Vasari verlangte es nach einem monumentalen Hauptaltar, für sich und seine Vorfahren. Nicht dass er sich dort direkt anbeten lassen wollte, womöglich als obersten Schutzpatron der Künste. Doch an einer der Seiten zeigt er sich selbst im Gewand des heiligen Lazarus, seine Frau erscheint als Maria Magdalena. Und auf der Rückseite preist er seine Familie, etliche Vorfahren sind als Bild verewigt.

Sein wichtigstes Vermächtnis ist aber, neben den Viten , sicherlich die Accademia delle Arti del Disegno, die erste staatliche Kunstakademie, die Vasari wesentlich beförderte. Der Herzog freute sich, weil dort zuverlässige Künstler ausgebildet wurden, die für ihn problemlos jeden Festumzug und jeden Triumphbogen binnen kürzester Frist gestalten konnten. Für Vasari aber war die Akademie jener Ort, an dem das große Erbe der Renaissance für immer weiterleben konnte. Mit Michelangelo war der Höhepunkt erreicht, und auf dieser Höhe sollte die Kunst sich halten. Sie sollte, das war Vasaris Hoffnung, weiterhin in aller Welt gerühmt und mit Neugier betrachtet werden. Sie sollte auf ewig den Ruhm der Künstler (und den ihres Biografen) strahlen lassen. Zumindest für eine halbe Ewigkeit, für 500 Jahre, hat sich diese Hoffnung erfüllt.

Die Uffizien in Florenz zeigen bis zum 30. Oktober die Ausstellung "Vasari, die Uffizien und der Herzog".

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • gpe63
    • 31. Juli 2011 19:13 Uhr

    Ein sehr schöner Artikel: Die im Vergleich zu anderen Renaissance-Vertretern relativ geringe Bekanntheit Vasaris ist wirklich bedauerlich.

    Im Artikel wird Pico della Mirandola am Rande erwähnt. Gerade in der aktuellen Debatte zum Thema arabischer Kultur finde ich ihn bemerkenswert. Er hat den Begriff der Menschenwürde in die Europäische Kultur eingeführt. Seine berühmte Schrift "Über die Würde des Menschen" ist dabei christlich inspiriert, beginnt aber mit Verweisen auf die arabische Kultur und griechische Götterwelt.

    [...]

    Link entfernt. Bitte nutzen Sie die entsprechende Funktion in Ihrem Profil um auf Ihren Blog zu verweisen. Danke. Die Redaktion/sc

  1. ...wunderschöner Artikel,

  2. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Vasari im besagten Palazzo Vecchio auch Fresken von Botticelli (Anbetung der Heiligen Drei Könige) und Leonardo (Schlacht von Anghiari) übermalt hat, was uns ein besonders eindrückliches Bild von der Selbsteinschätzung des Malers gibt.

  3. Über VASARI schrieb auch ich: Ich finde es prima, dass (Kunst)Menschen die entwickelte SCHÖNHEIT der NATUR nicht nur in Wald- und Wiesen-Panoramen als SCHÖN empfinden. Für mich teilen Künstler die Faszination für das Thema „Kunst, von der Biologie inspiriert“ (Artikel in DIE ZEIT) so wie ein Naturwissenschaftler. Mit ars evolutoria (Bildern in Büchern, Web-Essays etc.) möchte ich gerade bei jungen (unverbildeten) Menschen HEUTE die Faszination an dem naturwissenschaftlichen Thema EVOLUTION wecken: Stichworte EST – ETOE - ENR.

    Siehe die neue INITIATIVE „IKVENR“: Internationale Künstler-Vereinigung ENR (IKVENR):

    ENR als „Evolutionäre Neue Romantik“ ist dem Leitbild (r)evolution verpflichtet: „ENR-(R)Evolution 2011“ meint im Evolutions-Sprung EVOLUTIONäre VERÄNDERUNG: Kunst-Legende E.L. KIRCHNER wollte "stete Verwandlung" (Evolution; Brief an Will Grohmann).

    Ich sprach von E.L.K.s Versuch einer l’art-pour-l’art-Überwindung. „Kreation einer dialogfähigen neu-modernen Syntax & Semantik“: „REVITALISIERUNG durch eine 2., 3., 4., 5. (…) MODERNE statt EVOLUTIONisierung?“. Damals hatte ich den Terminus "ENR" (= Evolutions-Romantik / Evolutionäre Neue Romantik) NOCH NICHT durch MANIFESTE publiziert.

    Zu VASARI - Rauterbergs Artikel und NEO-Renaissance - MEHR in der Gießener Zeitung (online): KUNST & WISSENSCHAFT ...
    http://www.giessener-zeit...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service