Manchmal fühlt es sich gut an, ganz von vorn anzufangen. Mit neuem Lebenslauf, neuen Freunden und einer unbeschriebenen Pinnwand: Willkommen bei Google+ .

Ein bisschen ist es, wie eine neue Wohnung zu beziehen. Ich laufe erst mal die Räume ab, um mich zurechtzufinden – alles so schön neu hier. Erster Eindruck: Google+ hat die elegante Optik eines aufgeräumten Lofts. Mein altes Soziales Netzwerk Facebook erinnert dagegen an eine dezent zugemüllte Studentenbude, in der ständig fremde Leute zu Gast sind.

Dabei hatte es mit Facebook alles mal so nett angefangen vor vier Jahren. Ich kam gerade aus China nach Deutschland zurück, und Facebook schien perfekt geeignet für die internationale Netzwerkpflege (davon abgesehen, dass meine chinesischen Freunde dort schnell hinter der großen Zensurmauer verschwanden).

Man bewarf sich mit virtuellen Bananen und bekam bahnbrechende Nachrichten zugeschickt: "XY hat Dich gerade mit einer Banane beworfen." Vielleicht hätte ich damals bei näherem Hinsehen gewisse inhaltliche Schwächen entdecken können, aber es gab ja noch nichts Besseres. Ich verschickte Einladungen, die dann mit der herzerwärmenden Zeile "Anna hat 12 Freunde und möchte Dich als einen Freund hinzufügen" lockten.

Dieses Einladungsprinzip hat Google+ übernommen. Eingeladen werden ist eben reizvoller, als etwas aufgedrängt zu bekommen. Beim letzten Netzwerkanlauf von Google , der sich Buzz nannte und sämtliche Inhaber von E-Mail-Adressen bei Google mehr oder weniger ungefragt vereinnahmte, war das anders – und einigermaßen erfolglos.

Nach dem Einzug fange ich an, mich bei Google+ einzurichten. Das heißt, ich sortiere Menschen, die ich kenne, per drag and drop in Kreise ; Schublade auf, Kontakt rein. Ordner wie "Freunde" und "Bekannte" gibt Google mir vor. Ich kann aber auch selbst welche aufmachen, zum Beispiel "Sachliche Informanten", "Sabbeltaschen" oder "Albträume meiner schlaflosen Nächte".

Es sind noch nicht besonders viele Menschen, die ich hier gut kenne. Mein Circle of Friends hat gerade mal acht Mitglieder. Der Rest unterhält sich bevorzugt über die Unterschiede von Facebook und Google+. Trotzdem: Ich bin allein, aber glücklich. Paradoxerweise fühlt es sich an, als hätte Google, der Datenkrake, mir ein Stück Privatsphäre und Selbstbestimmung wiedergegeben.

Das echte Plus an Google+ ist, dass es einen nicht zu der eigenartigen Weltsicht zwingt, alle Menschen, denen man zufällig mal die Hand geschüttelt hat, müsse man auch gleich zu seinen Freunden zählen. Facebook fing an, unangenehm zu werden, als einem diese Leute sogenannte Freundschaftsanfragen schickten. Natürlich war das nicht wörtlich gemeint, natürlich habe ich weiterhin zwischen Facebook- und echten Freunden unterschieden. Aber das ungute Gefühl blieb. Auch weil es Facebook einem absichtlich schwer macht , die Einstellungen so zu adjustieren, dass nicht alle auch alles sehen (dafür gibt es gute wirtschaftliche Gründe: je mehr Verkehr, je besser für das Netzwerk).