Lea:
Ich sitze neben meinem Vater in der letzten Bergbahn hinauf zum Jungfraujoch , es ist nachmittags halb fünf. Er will mich dort oben verabschieden und dann wieder ins Tal fahren, ich werde auf einer nahen Hütte übernachten und morgen früh auf den Jungfraugipfel gehen. Ohne ihn, stellvertretend. So spät fahren fast nur noch Bergsteiger aufs Joch: Seile, Pickel, große Rucksäcke. Funktionskleidung. Oben angekommen, steigen wir vom unterirdischen Bergbahnhof über viele Treppen noch rasch zur Aussichtsplattform. Wir sind auf 3.500 Metern. Früher haben wir zusammen hohe Berge bestiegen, jetzt braucht mein Vater schon für diese Treppen bedenklich lang. Der Jungfraugipfel hat 4.158 Meter. Mir wird hier und jetzt klar, warum er sich diese Tour nicht mehr zutraut. Zehn Minuten später verschwindet er mit dem letzten Schwung Touristen wieder in der Bahn. Ich gehe vom Jungfraujoch, auf dem es Restaurants und Läden gibt, aber keine Übernachtungsmöglichkeit, hinüber zur Hütte am Fuß des Mönchs. Sie ist Ausgangspunkt für die Besteigung beider Gipfel. Alle aus der Bergbahn scheinen das Gleiche vorzuhaben: Übernachtung, morgen Gipfeltour. Der Weg über den Gletscher ist gespurt und mit Fähnchen markiert. Knappe Stunde bis zur Hütte.

Rüdiger:
»Pass auf dich auf«, sage ich und wackle mit dem Zeigefinger. Sie trägt ein hellblaues T-Shirt zur dunklen Berghose, an ihrem Rucksack hängen ein seltsam gekrümmter kurzer Eispickel und ein Helm, auf ihren steigeisenfesten Stiefeln ist sie fast so groß wie ich. Unter uns zieht sich vom Jungfraujoch, dem Gletscherschoß zwischen Jungfrau und Mönch, der Aletschgletscher nach Südwesten, hingeschwungen wie vom großen Malerpinsel. Vor 200 Jahren, am 3. August 1811, standen zum ersten Mal Menschen auf dem Gipfel der Jungfrau. Zum Jubiläum will ich den Berg kennenlernen. Bis ganz oben schaff ich das nicht mehr, dafür steigt sie morgen auf. Mit Führer, aber der bin nicht mehr ich. Alles hat seine Zeit, sie ist 24, ich bin 70. Mein Eispickel war noch hüftlang und der Schaft aus stockgeradem Eschenholz, als ich 1980 auf den Mont Blanc stieg. 4.810 Meter, alles hat seine Zeit. »Pass auf dich auf!« – »Ja«, sagt sie, »einmal reicht.« Was sie meint, ist klar. 17.45 Uhr, letzte Talfahrt der Zahnradbahn. »Mach’s gut.« – »Du auch«, sagt meine Tochter.

Lea:
Auf der Hütte treffe ich Urs, den Fotografen, und Fritz, unseren Bergführer. Fritz ist 59, auf freundliche Art wortkarg. Urs ist drahtig, Anfang 40, stammt aus Arosa. Fährt Skateboard im Sommer, Snowboard, wenn’s schneit. »Fritz, wie oft warst du schon auf der Jungfrau?« Fritz weiß es nicht genau, dreißigmal vielleicht, eher öfter. Wir teilen uns den Tisch mit zwei weiteren Führern samt Gästen. Man redet über Berge und Bergsteigen. Neben mir sitzen Silvio, Mitte 20, und sein Gast Frank, Mitte 50, aus Nordrhein-Westfalen. Frank erzählt, dass er gern wandere, mit Klettern habe er’s nicht so. »Macht ja nichts«, meint Silvio, »da, wo du herkommst, hat man ja auch nicht so die Möglichkeiten, gell?« Urs und ich waren schon öfter hochalpin unterwegs. Uns liegt allerdings wenig an Gipfelprestige, Urs steigt wie ich dorthin, wo sich für Ski und Board interessante Abfahrtsvarianten auftun. Es gibt Kartoffelpüree und Geschnetzeltes an Tiefkühlgemüse.