Nervenkitzel ist vermutlich das wichtigste Hormon eines Klavierabends. Bricht der Held ein? Bewältigt die Diva die Gefahren? Es gibt Pianisten, die sich mit Lust, einem Puls von 60 und völlig trockenen Händen in Schlachten werfen, und es gibt andere, die bereits nach zehn Takten Aquaplaning auf den Tasten erleben, so sehr schwitzen sie vor Aufregung. In dieser Gemengelage hat Martha Argerich sozusagen alles erlebt, und bis heute ist sie eine der großen Rätselhaften des Musikbetriebs geblieben. Häufiger sagte sie Konzerte ab, als dass sie welche gab – darin übertraf sie sogar den legendären italienischen Klaviermagier Arturo Benedetti Michelangeli. Und seit einiger Zeit spielt sie kaum noch solistisch. Warum ist das so?

Früher suchte Martha Argerich, die als letzte Sphinx des internationalen Musikbetriebs am 5. Juni 70 Jahre alt wurde, den Nahkampf mit den 88 Tasten; seit sie in Bozen (1957), Genf (1957) und Warschau (1965) drei der wichtigsten Klavierwettbewerbe der Welt gewann, gilt sie als Hasardeurin auf dem Piano, als Mänade, die sogar Rachmaninows horrendes Klavierkonzert d-Moll in Stücke reißen konnte, wenn sie das wollte. Spielte sie Schumanns Traumes Wirren , begann schier der Boden unter dem Flügel zu schwanken. Gab sie Bartóks Allegro barbaro , wollte man gleich einen Tischler fürs Instrument holen.

Doch war die 1941 geborene Argerich wirklich eine argentinische Amazone, der man lieber nicht im Dunkeln begegnen wollte? Ein neues Buch des französischen Musikjournalisten Olivier Bellamy lässt uns daran zweifeln. Diese erste »autorisierte Biografie« hortet zwar das unvermeidliche Vokabular der Heiligenanbetung, erschließt uns andererseits das Psychogramm einer widersprüchlichen Künstlerin, deren Zähne in jungen Jahren vor Auftritten »wie Kastagnetten klapperten« und die bis heute eine höllische Angst vor Auftritten hat.

Überhaupt war und ist die pianistisch vor allem von ihren Instinkten gelenkte Höllenhündin insgeheim von fast mimosenhafter Natur. Ihrem Lehrer Friedrich Gulda unterwarf sie sich 1955 wie eine Demütige. Später sagte sie, er habe sie fast alles gelehrt – so etwa, dass jedes Stück eine »Herzfrequenz« besitze und dass man bei einer klassischen Klaviersonate beim Wechsel vom ersten (»männlichen«) zum zweiten (»weiblichen«) Thema keinesfalls langsamer werden dürfe. Gulda erklärte ihr den Humor beim frühen Beethoven und die Kunst der Wassertropfen bei Ravel. In dieser Phase gedieh auch ihre Aversion gegen Brahms: »Seine Stücke haben den Anschein von großer Tiefe... aber haben sie die wirklich?«

Privat ist die Argerich teils scheu, teils überschwänglich. Sehr liebt es die Nachteule, wenn sich zahllose Leute in ihrem Haus versammeln (am liebsten zu vorgerückter Stunde) und sie zwischendurch mal für zwei Stunden Beethoven üben geht (»das ist meine Dracula-Seite«). Ihre Widerständigkeit gegenüber allen Regularien musste sie allerdings schon früh durchsetzen – als Erstes gegen eine übermächtige Mutter, später gegen alle Männer ihres Lebens, ausnahmslos Musikerkollegen wie Stephen Kovacevich oder Charles Dutoit. Carique Argerich sagte einmal: »Es gibt zwei Dinge, die meine Schwester auf den Tod nicht ausstehen kann: Komplimente und wenn man ihre Haare berührt.«

Einmal geriet La Martha, wie ihre Freunde sie ehrfurchtsvoll rufen, in eine gefährliche Krise und wäre beinahe Sekretärin in New York geworden, zumal ihr geplantes Zusammentreffen mit dem verehrten Vladimir Horowitz platzte. Aber ihr besorgter Zirkel aus Freunden, allen voran der geliebte brasilianische Kollege Nelson Freire, brachte sie wieder auf die richtige Bahn. Überhaupt sind – das lehrt Argerichs Leben in jeder Sekunde – auch große Pianisten Menschen aus Fleisch und Blut, wenn sie sich jenseits des Podiums aufhalten. Sie sitzt oft vor dem Fernseher, isst Fast Food, guckt sich Jazz-Videos im Internet an und schwärmt für den französischen Romancier André Gide ebenso für Glenn Gould. 1992 bekam Argerich den Schock ihres Lebens – eine Hautkrebsdiagnose mit Metastasen in der Lunge. Mehrfach musste sie operiert werden, und da La Martha zeitlebens lieber gelebt als gespart hatte, mussten Freunde für die teure Operation in Los Angeles zusammenlegen.