Dass der Fußball sich seit diesem Sommer Männerfußball nennen möchte, könnte ein Anlass sein, die Kategorie des Männerbuchs einzuführen. Bislang kennt der Buchhandel ja nur das Frauenbuch, das meist ein Cover in Pink oder Pastell hat und im Laden sogar einen eigenen Tisch bekommt. Männerbücher werden nicht als solche gekennzeichnet, sondern als Literatur verkauft, sind aber leicht zu erkennen an bestimmten Motiven, die nicht fehlen dürfen: eine Frau mit vollem Haar, eine Pralinenschachtel, eine Masturbationsszene. Typisch auch die der Seefahrt entlehnte Metaphorik zur Beschreibung von Erotischem: »Im Reich ihrer Eilande soll die Sonne nicht mehr untergehen. Er will jetzt die Segel setzen und in See stechen.«

So lässt Wolfgang Herles seinen Romanhelden Jakob Stein, Minister a. D., von Maria Patricia Bensson, einer wunderschönen Stardirigentin, träumen. Die ist lesbisch, eine weitere Demütigung für Stein, der gerade von seiner Chefin, einer Bundeskanzlerin namens Christina Böckler, abgesetzt wurde. Doch Stein kann nicht von Bensson lassen. Er reist ihr nach Mailand, Paris, Wien nach, sitzt in ihren Opern und Konzerten. Sie lässt sich von ihm zum Essen einladen, antwortet manchmal auf seine SMS und lädt ihn zu den Proben ein, als sie in Berlin an der Staatsoper Unter den Linden Richard Wagners Rheingold dirigiert.

Ihre vollkommene Coolness zieht Stein in den Bann, er widmet ihr und der Musik seine ganze Fantasie und natürlich auch all die Zeit, die er jetzt, ohne das Amt, übrig hat. Sinnlose, langweilige Zeit, die er irgendwie mit Bedeutung füllen muss.

Man könnte mit ihm fühlen, mit diesem sehnsüchtigen, abgehalfterten Jakob Stein, der die Welt und die Frauen nicht mehr versteht, hätte man nicht das unangenehme Gefühl, dass man nicht der Figur Jakob Stein, sondern dem freundlichen Wolfgang Herles, bekannt aus der ZDF-Kultursendung aspekte, bald Moderator einer neuen Literatursendung im Zweiten, höchstselbst beim Träumen zusieht.

Denn das Ganze ist zwar voller Gegenwart, inklusive Flugnummern und Hotellobbybeschreibungen, aber wenig verdichtet. Herles bedient sich keines der zahlreichen Mittel zur ironischen Distanzierung, die die Literaturgeschichte zur Verfügung stellt. Wie seine Figur Stein will auch der Roman ein Auskennertum in Sachen Weißwein, Opern und Bonmots demonstrieren. Die Charakterisierungen der Figur Christina Böckler sind nichts anderes als Angela-Merkel-Klischees: ohne Haltung, ohne Mut, ohne Charisma, rhetorisch unbegabt, SMS-affin, unweiblich. Was Angela Merkel eigentlich verbrochen hat, dass sie in diesem Roman das volle Ressentiment abbekommt und auch noch auf dem Buchcover abgebildet ist, wird dabei nicht ganz klar.

Am Ende gibt Wolfgang Herles seinen armen Jakob Stein zum Abschuss frei: Der knallt nämlich durch. Torkelt betrunken auf einer Balustrade bei einer Feier zum 3. Oktober, bei der die Bundeskanzlerin und die Dirigentin anwesend sind und sich auch noch bestens verstehen, ja sich vielleicht sogar ineinander verlieben, wie Stein fürchtet.

Herles macht seinen Stein zum Clown, als wollte er sich dann doch dafür entschuldigen, dass er ihn zuvor so hemmungslos einen alten Verführer hat sein lassen. Dabei ist es natürlich erlaubt, davon zu fantasieren, dass Frauen mal wieder Negligés tragen, nur bitte dann nicht sonderlich wundern, wenn in der Damenwelt immer noch davon geträumt wird, mit einem erstaunlich empfindsamen bretonischen Fischer in den Sonnenuntergang zu segeln.