Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Ich bin mal in Paris eine lange Nacht hindurch Hemingway lesend U-Bahn gefahren, weil ich kein Geld für ein Hotel hatte. Außerdem habe ich mal eine lange Nacht in einem Hotelzimmer mit einer geisteskranken Ratte verbracht, die einmal pro Stunde quiekend und urinierend über mein Bett lief. Und vor einigen Wochen durfte ich bei der "Langen Nacht der Bibliotheken" auftreten. Bei "Langen Nächten" handelt es sich, im Gegensatz zu den eher zeitlosen langen Nächten, um ein typisches Phänomen der Gegenwart, ähnlich den Phänomenen Twitter und Schuldenkrise. In dreißig Jahren, wenn die jungen Menschen von heute ihre nostalgischen Bücher veröffentlichen, wird darin stehen: "Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ging ohne Lange Nächte in Politik, Handel und Kultur irgendwann gar nichts mehr."

Philosophisch gehen die Langen Nächte auf den Dichter Heinrich Heine zurück, denn von ihm stammt der Satz: "Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht." Was die praktische Umsetzung dieser Idee betrifft, so gebührt das Jus primae Noctis dem Kaufhaus Karstadt, welches 1991 in Berlin eine "Lange Nacht des Shoppings" ins Leben rief. Dies jedenfalls ist die älteste Quelle, die ich finden konnte. Die Lange Nacht ist ursprünglich eine Geschäftsidee, wie ja unser Gesellschaftssystem insgesamt.

Ich schätze, dass man inzwischen an etwa 250 der 365 Tage des Jahres irgendwo in Deutschland eine Lange Nacht verbringen kann. Eine Heinrich-Heine-Deutschlandreise des Jahres 2011 hätte am 16. April bei der "Langen Nacht der Opern und Theater" in Berlin ihren Ausgang nehmen können, um von dort zur "Langen Nacht der Musik" nach München und dann zur Potsdamer "Langen Nacht der Wissenschaften" zu führen, an die sich die Leipziger "Lange Nacht des Sports" anschließt, welche zur "Langen Nacht der Bayreuther Festspiele" überleitet, der Herbst wartet dann mit der "Langen Nacht der Ohren" auf, die von den Berliner Hi-Fi-Fachhändlern veranstaltet wird. Eine "Lange Nacht der Nasen" gibt es so wenig wie die "Lange Nacht der Schuldenkrise", obwohl den europäischen Botschaften in Peking eine "Lange Nacht der Langnasen" gut zu Gesicht stünde. Was es aber gibt, sind Lange Nächte der Hotelbars, der Poesie, des Verbraucherschutzes, der Sterne, der Kirchen, der Industrie, des örtlichen Zoos und des botanischen Gartens, der Sammler, der Museen, sogar der aufgeschobenen Hausarbeiten (an der Universität Frankfurt/Oder) sowie der Mathematik, Letztere unterstützt von der "Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind". Hochbegabte Kinder brauchen offenbar keinen Schlaf. Vielleicht war die Ratte damals einfach nur hochbegabt. Warum fasst man es nicht endlich zusammen, zu einer einzigen "Langen Nacht der Langen Nächte"?

Als ich jung war, hat man das Wort "Nacht" meistens mit den Tätigkeitsfeldern "Schlafen" und "Sexualität" in Verbindung gebracht. Wer gesagt hätte "Heute Nacht, Freunde, mache ich ununterbrochen Verbraucherschutz" oder "Ich möchte mich endlich mal wieder eine ganze Nacht nur meinen Ohren widmen", den hätte man für verrückt erklärt. Meiner Ansicht nach ist es in Anbetracht der Schulden- und Finanzkrise nur noch eine Frage der Zeit, bis die deutsche Rentenversicherung und die Bundesregierung eine "Lange Nacht des Kindermachens" veranstalten, anders kriegt man die Leute doch heutzutage nicht mehr. Mich aber werden Sie, am 23. September, gemeinsam mit etlichen von mir verehrten Kollegen, in Hamburg bei der Langen Nacht des Dichters Flann O’Brien finden.

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