Die Anschläge von Oslo würden Norwegen verändern, hat Ministerpräsident Stoltenberg gesagt, es werde ein Norwegen davor und ein Norwegen danach geben. Noch sind nicht alle Hintergründe des Attentats geklärt, noch sind nicht alle Verbindungen des Attentäters überprüft, aber schon jetzt lässt sich sagen: Auch für uns in Europa bedeuten die Anschläge von Oslo eine Zäsur. Auch wir werden nicht mehr dieselben sein, auch wir können nicht mehr dieselben sein nach Oslo.

In den ersten Stunden nach den Bombenexplosionen, als sogenannte Terrorismusexperten in den Nachrichtensendern eilfertig auf al-Qaida und die radikalislamische Gewalt verwiesen, als sich in Internetforen schon »Muslime raus«-Kommentare häuften, da wurde sichtbar, wie reflexhaft das geworden ist: den Schuldigen unter den Muslimen zu suchen. Wie selbstverständlich es geworden ist, Terrorismus mit Islam zu verbinden. Und wie leicht es gewesen ist im vergangenen Jahrzehnt, Gewalt immer nur für die Gewalt der anderen zu halten.

Gewiss, seit dem 11. September 2001 gab es dafür auch Gründe. Die radikalislamischen Täter von New York, Madrid und London waren niemals nur verwirrte Einzeltäter, sie operierten in Netzwerken und Zellen, sie liefen nicht einfach Amok, nicht Verzweiflung war ihr Antrieb, sondern politisches Kalkül, ein Kalkül, das Angst und Schrecken im Westen verbreiten sollte.

Doch dieser Reflex, die eigene Gesellschaft in einer »Wir gegen sie«-Rhetorik in Stellung zu bringen und die Bedrohung nicht auch im Inneren zu suchen: Das ist nun nicht mehr möglich. Allzu deutlich markieren die Anschläge des ersten antimuslimischen Terroristen Anders Breivik einen blinden Fleck im europäischen Selbstverständnis: Nicht allein fanatische Islamisten bedrohen unsere demokratischen Gesellschaften, sondern auch fanatische Islamhasser.

Nur wer die allseits hörbare Islamfeindlichkeit, die Wahlerfolge rechtspopulistischer Parteien, die immer ekelhafteren Beschimpfungen von Muslimen in einschlägigen Foren und Blogs im Internet für ungefährlich hielt, kann behaupten, Breivik sei »aus dem Nichts« gekommen. Nur wer den zunehmenden Verfall demokratischer Sitten, die Abnahme des Respekts vor Andersdenkenden, die Zunahme fremdenfeindlicher Ressentiments auch im medialen Mainstream nicht sehen wollte, kann ihn für eine überraschende Erscheinung halten.

Anders Breivik kam nicht aus dem Nichts.

Er mag ein Einzeltäter gewesen sein, das wird sich noch herausstellen, aber sicher ist schon jetzt: Er war kein Einzeldenker.