Es ist wie eine Erlösung, als wir endlich den heiligen Hain erreichen. Hinter uns liegt die Großstadt Ibadan im Südwesten Nigerias , ein endloser Siedlungsbrei, infernalischer Verkehr, Marktgeschrei, wummernde Musikrhythmen, dazwischen zahllose Moscheen, Kirchen, Gebetshäuser, Glockengebimmel, plärrende Muezzins. Und jetzt diese magische Ruhe. Dämmriger Urwald nimmt uns auf, die Kronen der Baumriesen verschwimmen im Morgendunst. Die Pfade sind gesäumt von schulterhohen Brettwurzeln, tautropfenden Farnen, Gewächsen mit giftigen Lanzetten. In der Luft liegt der süße Moderduft von Schwämmen und Hexenbutter. Es zirpt und sirrt, wispert und raunt.

Da steht sie! Osun, die Herrin des Flusses Oshun, eine dicke, drollige, bemooste Steinskulptur, die auf einer von nilgrünem Wasser umspülten Baumwurzel schwebt. Der Kopf, die Nase, die Lippen, die Brüste, alles ist spitz an ihr. Sie schaut uns aus glubschigen Augen an, lächelt sibyllinisch und breitet ihre Arme aus. Traut euch! Tretet näher!, scheint sie verführerisch zu flüstern.

Osun ist eine Orisha, eine der zahllosen Naturgottheiten, die das Volk der Yoruba seit Menschengedenken verehrt. Der heilige Hain im Herzen der Stadt Oshogbo ist ihr Reich. Die glucksende Strömung, der sphärische Gesang der Insekten, die Sinfonie des Waldes – alles so wundersam und friedlich. Es ist einer der wenigen Orte in Nigeria, wo einem die jüngsten Meldungen über den Religionsterror im Lande unwirklich vorkommen.

Maiduguri, die Kapitale des Bundesstaates Borno im Nordwesten, hat sich eben erst wieder in eine Stadt der Angst verwandelt. Dort starben seit Anfang Juli vierzig Menschen durch Mordanschläge , Tausende sind aus der Stadt geflohen. Die Einheimischen vergleichen Maiduguri mit Bagdad, doch die Außenwelt erfährt nichts davon. Beinahe täglich attackieren islamistische Milizen Kneipen, in denen Bier ausgeschenkt wird. Die berüchtigtste Killertruppe heißt Boko Haram (sinngemäß: Westliche Bildung ist Frevel); sie verfolgt im Kampf für einen Gottesstaat Ungläubige, Christen und jene Landsleute, die Naturgötter wie Osun anbeten.

Rund die Hälfte der bald 160 Millionen Nigerianer sind Muslime, 45 Prozent bekennen sich zu einer christlichen Kirche, und nur noch rund fünf Prozent der Bevölkerung praktizieren animistische Rituale. Nigeria ist eine tiefgläubige Nation, manche Beobachter halten sie für religionsbesessen, denn nirgendwo auf der Welt bekämpfen sich die beiden rivalisierenden Großreligionen so fanatisch wie hier. Großstädte wie Kaduna sind unterdessen in muslimische und christliche Bezirke zerfallen. Man schätzt, dass bei den wechselseitigen Pogromen zwischen Muslimen und Christen im vergangenen Jahrzehnt weit über 10.000 Menschen ums Leben kamen, genaue Zahlen sind nicht bekannt.

Was wie ein archaischer Glaubenskrieg anmutet, hat allerdings viel kompliziertere Ursachen: die Massenarmut, den ökonomischen Verteilungskampf, die explosive ethnische Gemengelage und die Machtspiele demagogischer Politiker. Vor allem in der Vielvölkerregion der Landesmitte, wo das Christentum und der Islam unmittelbar aufeinanderprallen, konkurrieren die Menschen um knappe Ressourcen, um Arbeitsplätze, Viehweiden, Ackerland, Wasserquellen, Feuerholz oder Baumaterial. Oft stehen sich nomadisierende Hirten und sesshafte Bauern feindselig gegenüber. Wenn dann noch Parteipolitiker oder Religionsführer ihre jeweilige Glaubensgemeinde aufwiegeln, brechen tödliche Konflikte aus. Manchmal werden die Gewaltexzesse durch lächerliche Anlässe ausgelöst. Als ein Journalist vor der Miss-World-Wahl 2002 in der Hauptstadt Abuja schwärmte, auch Allah würde Gefallen an den jungen Schönheiten finden, kam es zu blutigen Unruhen.