Europapolitik Polen, so cool

Beleidigt? Faul? Mit Schulden beladen? Von wegen. In Warschau sind die besten Europäer zu finden.

Polen tritt heute auf der EU-Bühne mit einem Selbstbewusstsein auf, das manche stutzen lässt. Der Staatspräsident Bronisław Komorowski hielt Mitte Juni an der Berliner Humboldt-Universität eine Rede, in der er die europamüden Deutschen zuversichtlicher stimmen wollte. Sein Glaube an Europa rühre vom Wissen um die europäische Geschichte her, sagte der Historiker, sowie davon, dass 83 Prozent der Polen Europa für etwas Wichtiges und Wertvolles hielten. Verkehrte Welt: Der einstige Musterknabe der europäischen Integration muss sich ausgerechnet vom Präsidenten des östlichen Nachbarlandes an die Grundlagen der Europa-Idee erinnern lassen.

Brüsseler Insider berichten, wie der polnische Finanzminister Jacek Rostowski in geradezu britischen Manier (er selbst ist in London aufgewachsen) unmissverständlich zu verstehen gibt, Polen werde sich für seinen Beitritt zur Euro-Zone lange umwerben lassen. Was angesichts der aktuellen Krise in der Sache nicht überraschen mag, ist in der Tonwahl ein Novum. Es ist nicht so lange her, dass das Land aus völlig anderen Gründen auffiel: als launischer und knorriger Partner, dessen Bestehen auf nationaler Souveränität und dem Eigeninteresse nicht Ausdruck der Stärke war, sondern der Sorge, von den EU-Großen über den Tisch gezogen zu werden.

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Piotr Buras

ist Korrespondent in Berlin für die polnische Tageszeitung Gazeta Wyborcza. Er ist Mitautor des Buches Polens Weg. Von der Wende bis zum EU-Beitritt.

Während Europa an allen Ecken und Enden stöhnt und krächzt, ist in Polen von Missmut wenig zu spüren. Die polnische Wirtschaft ist als einzige in der EU während des Krisenjahres 2009 gewachsen. Polen hat unlängst Russland im Ranking der wichtigsten Handelspartner Deutschlands überholt: ein Prestigeerfolg, den man den Gästen aus Berlin gern ans Herz legt. Zwar hat die jüngste Allensbach-Umfrage ergeben, dass nur acht Prozent der Deutschen der Meinung sind, dass es Polen wirtschaftlich gut gehe. Doch die Zeiten, als man sich durch fehlende Anerkennung irritieren ließ, sind längst vorbei. Stolz sprach Präsident Komorowski in Berlin von der polnischen Erfolgsgeschichte: Polens Weg der Modernisierung in den letzten 20 Jahren ist die Quelle des neuen polnischen Selbstbewusstseins.

Die jüngste Wirtschafts- und Finanzkrise in Europa offenbart auch etwas, was dieses Selbstbewusstsein noch weiter stärkt. Die Konturen des Ost-West-Europas, in dem Polen (und andere neue EU-Mitgliedstaaten) immer ihre Rolle als kleine Brüder und Bittsteller erfüllten, verändern sich. Es sind nicht die mittelosteuropäischen Staaten, die wegen Verschuldung und Immobilienblasen am Pranger der Öffentlichkeit stehen. Wer heute in Deutschland von einer Transferunion spricht, hat nicht das »neue Europa«, Polen, Tschechien und die Slowakei, vor Augen, sondern Spanien, Portugal und Griechenland. Die unsichtbare Grenze wischen Ost und West wird immer mehr durch die Trennlinie Nord-Süd überlagert. Und Polen mit seiner Wirtschaftspolitik, die mehr der von Deutschland als Frankreich ähnelt, findet sich nun plötzlich in dem Lager wieder, in dem Haushaltsdisziplin und Wettbewerbsfähigkeit besonders viel zählen. Wer hätte noch vor ein paar Jahren gedacht, dass der deutsche Finanzminister die polnische Version der Schuldenbremse für die gesamte EU vorschlagen würde?

Ist aber die auffallende Diskrepanz zwischen den gut gelaunten Polen und den frustrierten Euro-Europäern eine gute Voraussetzung, um die EU zu führen, was Polen seit Anfang Juli im Rahmen seiner EU-Ratspräsidentschaft tut? Keine Sorge, beruhigt der Pressesprecher der polnischen Präsidentschaft, 36 Jahre alt – bis vor Kurzem beobachtete er noch die EU-Politik als Journalist einer großen Tageszeitung. Polen wolle vor allem wieder Wachstum für Europa, durch Vollendung des Binnenmarktes, Strukturreformen und Neuausrichtung des EU-Budgets. Euro hin oder her, die Verzahnung der polnischen Wirtschaft mit der anderer Mitgliedstaaten ist Teil der großen Transformation der letzten Jahre. Das Bewusstsein einer Schicksalsgemeinschaft sei sehr wohl vorhanden. »Es ist ein Paradox«, sagt dagegen Marek A. Cichocki, ein angesehener EU-Experte und früherer Berater des verstorbenen Präsidenten Lech Kaczyński. »Polen ist zu entspannt, um genug Empathie mit den Ängsten der Euro-Zone zu haben. Das kann Irritationen hervorrufen.«

Leser-Kommentare
    • PW
    • 30.07.2011 um 10:42 Uhr

    Ein Hauptgrund für die Europa-Freude: Polen erhält 6,2 Mrd. mehr EU Gelder als es einzahlt. Ich bin mir sicher, die Zustimmung zu Europa würde in Deutschland auch rapide anwachsen, wenn Deutschland zum Nettoempfänger würde.

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    • LMB
    • 30.07.2011 um 14:59 Uhr

    6.2b euro is 50 cent per day per capita. I'm sure the amount needed to buy a bun or two per day makes a huge difference to the Polish economy.

    The truth is that in comparison with Germany, Poland is much more liberal and lively. In my opinion the most important difference is that people do really want to improve the general situation, rather than talk about Atomaustieg, or other irrelevant problems.

    • LMB
    • 30.07.2011 um 14:59 Uhr

    6.2b euro is 50 cent per day per capita. I'm sure the amount needed to buy a bun or two per day makes a huge difference to the Polish economy.

    The truth is that in comparison with Germany, Poland is much more liberal and lively. In my opinion the most important difference is that people do really want to improve the general situation, rather than talk about Atomaustieg, or other irrelevant problems.

  1. Das Glücksgefühl, als Pole Mitglied der EU - und jetzt gar Ratspräsident zu sein, ist aus allen polnischen Brusttönen deutlich herauszuhören. Die Mahnungen an Deutschland zur Stärkung der europäischen Solidarität sind hingegen- wieder einmal -völlig fehl am Platz, wie die meisten Betrachtungen aus Polen, resultierend aus einer gefälschten Geschichtsschreibung. Der beliebte polnische Vorwurf an Deutschland der erkennbaren Strömung zur "Re-Nationalisierung" Europas entgegenzuwirken, verweigert konsequent den Blick auf die Wirklichkeit (.. Alle denken nur an sich, ich bin der Einzige der an mich denkt). Polens Loblied auf Europa, unter Ausblendung der exzessiven Fehlentwicklungen, ist bestenfalls ein polnischer Witz. Für das durch Brüssel hoch subventionierte Polen gilt wohl auch in diesem Fall die Spruchweisheit " wes Brot ich ess', des Lied ich sing". Sei's drum.

  2. Es gibt in Polen weder die Öffnung der Ehe noch Lebenspartnerschaften. Das ist uneuropäisch. Solcherlei Antiquiertheiten müssen weg. Die Planung eines AKW ist unzeitgemäß. Bei allem Fortschritt gilt es, dies zu bedenken.

    Eine Leser-Empfehlung
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    Europa bedeutet nicht, anderen Völkchen unsere Moralvorstellungen vorzuschreiben. Löblich für Sie, dass sie so ein vorbildlich denkender Mensch sind. Kindisch zu denken, Sie hätten irgendein Recht anderen einen Vorwurf zu machen, nur weil diese nicht mit Ihnen übereinstimmen.

    Es ist Sache der Polen ihre Gesellschaft zu verbessern. Wenn die Polen es versäumen: Deutschland hat sich schon immer über polnische Auswanderer gefreut.

    Europa bedeutet nicht, anderen Völkchen unsere Moralvorstellungen vorzuschreiben. Löblich für Sie, dass sie so ein vorbildlich denkender Mensch sind. Kindisch zu denken, Sie hätten irgendein Recht anderen einen Vorwurf zu machen, nur weil diese nicht mit Ihnen übereinstimmen.

    Es ist Sache der Polen ihre Gesellschaft zu verbessern. Wenn die Polen es versäumen: Deutschland hat sich schon immer über polnische Auswanderer gefreut.

  3. "Beleidigt? Faul? Mit Schulden beladen? Von wegen. In Warschau sind die besten Europäer zu finden, sagt der polnische Journalist Piotr Buras."
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    Sollte Deutschland jemals so etwas wie ´Selbstvertrauen´ bekommen, dann würde sich dieser polnische Journalist nicht über die deutsche Antwort freuen.

    In Berlin sind zur Zeit die besten Zahlmeister der EU zu finden; und das ist alles andere, als ein Eigenlob.

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    • LMB
    • 30.07.2011 um 15:06 Uhr

    In Berlin sind zur Zeit die besten Zahlmeister der EU zu finden

    --

    This is often-repeated self-indulgent opinion. The "best payers", way before Germany, are Netherlands and Denmark.

    • LMB
    • 30.07.2011 um 15:06 Uhr

    In Berlin sind zur Zeit die besten Zahlmeister der EU zu finden

    --

    This is often-repeated self-indulgent opinion. The "best payers", way before Germany, are Netherlands and Denmark.

    • HLWT
    • 30.07.2011 um 11:24 Uhr

    auch die schnellsten Autobahnraser!

    • cassis
    • 30.07.2011 um 11:40 Uhr

    Oder nicht?
    Anscheinend ist das Geld aus Brüssel, von dem ein paar Euro ganz persönlich von mir sind, gut angelegt.
    Mit Polen gehts aufwärts, und die Polen sind "gute" Europäer.
    Was will man mehr? Dass die Polen dereinst auch Nettozahler werden? Na, klar. Und sie scheinen auch das Zeug dazu zu haben.
    Der polnische Sinn für Humor dürfte sprichwörtlich werden, die polnische Küche überaus genießbar; nur zu "Pansen in Tomatensoße" konnte ich mich noch nicht hinreißen.

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    • lepkeb
    • 30.07.2011 um 13:37 Uhr

    doch nicht vor allzu langer Zeit aus Spanien.
    http://www.spiegel.de/wir...

    Und das hat ja gut geklappt. ;)

    • lepkeb
    • 30.07.2011 um 13:37 Uhr

    doch nicht vor allzu langer Zeit aus Spanien.
    http://www.spiegel.de/wir...

    Und das hat ja gut geklappt. ;)

  4. Europa bedeutet nicht, anderen Völkchen unsere Moralvorstellungen vorzuschreiben. Löblich für Sie, dass sie so ein vorbildlich denkender Mensch sind. Kindisch zu denken, Sie hätten irgendein Recht anderen einen Vorwurf zu machen, nur weil diese nicht mit Ihnen übereinstimmen.

    Es ist Sache der Polen ihre Gesellschaft zu verbessern. Wenn die Polen es versäumen: Deutschland hat sich schon immer über polnische Auswanderer gefreut.

  5. Polen betreibt eine gute Bildungspolitik, was auch durch die PISA Studien belegt wird. Man setzt auf die Jugend. Polnische Arbeitskräfte sind in Euorpa gefragt und vor allen Dingen flexibel. Die Polen haben noch Träume, der Rest von Europa, natürlich mit Ausnahmen, ist schon satt.

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