Endlich Gerechtigkeit für Hrant Dink? Der Mörder des renommierten türkisch-armenischen Publizisten ist von einem Istanbuler Jugendgericht verurteilt worden . 22 Jahre Haft für Ogün Samast, 22 Jahre für einen lange vorbereiteten Mord auf einer Haupteinkaufsstraße mitten in Istanbul. Der Chefredakteur der türkisch-armenischen Zeitung Agos starb im Januar 2007 nur wenige Schritte vor seiner Redaktion entfernt. Hrant Dink hatte für Meinungsfreiheit und die Aufarbeitung der Geschichte gekämpft, er wurde dafür von Staatsanwälten gejagt und von Radikalen ermordet. Samast war bei den Schüssen auf Dink noch minderjährig. Nun wird er die besten Jahre seines Lebens hinter Gittern verbringen. Endlich Gerechtigkeit? Von wegen.

Die Akte Hrant Dink lässt tief blicken. In den Keller der Türkei, eines Staates, der vor bald neunzig Jahren im Kampf gegen Armenier und Griechen gegründet wurde. Die Legende von den »Feinden der Türkei« wird seither in Schulbüchern, in nationalen Zirkeln und in der Armee gepflegt. Dink starb durch die Hände gewaltbereiter Nationalisten, deren Ideologie einen erheblichen Teil von Staat und Gesellschaft zerfressen hat. Gerechtigkeit hieße, diesen muffigen Keller auszulüften. Im Sinne von Hrant Dink. Und für alle anderen in der Türkei – Kurden, Griechen, Armenier –, die bis heute von nationalistischen Rächern gehasst werden.

Samast war nur der Pistolenlauf. Abgedrückt haben andere. Hinter dem minderjährigen Mörder aus der Schwarzmeerstadt Trabzon standen glühende Nationalisten, assistiert von hohen Gendarmen und Staatsanwälten. Dem Mord war eine Kampagne radikalsäkularer Journalisten und Juristen gegen Dink vorausgegangen, die ihm »Beleidigung des Türkentums« vorwarfen und ihn zum Abschuss frei gaben. Die Anwälte von Hrant Dink fordern, die Strippenzieher des Anschlags zu verfolgen und dabei vor Juristen, Polizisten und Politikern nicht Halt zu machen. Denn die sind Teil des sogenannten »tiefen Staates«, der Netzwerke nationalistischer, säkularer Offiziere, Richter und Zivilisten. Sie haben die Ängste, die in türkischen Schulbüchern und Militärakademien verbreitet werden, ideologisch zugespitzt: Das Land sei tief bedroht, man müsse sich wehren.

Das Dink-Attentat war kein Einzelfall. Auch die Morde an einem katholischen Priester in Trabzon 2006 und an christlichen Missionaren in Malatya 2007 gehören zu dieser Serie.

Malatya ist Dinks Geburtsort. Eine Vielvölkerstadt, für Nationalisten ein schier unerträgliches Pflaster. Sie richteten hier auf bestialische Weise drei Christen hin, folterten, erwürgten, erstachen sie. Wie im Fall Hrant Dink schleppt sich der Prozess hin. Wie in diesem führen die Spuren bis in die Spitzen der Sicherheitsbehörden (laut dem Bericht Mord in Anatolien der Europäischen Stabilitätsinitiative vom Januar 2011). Die Netzwerke der Nationalisten sind noch nicht zerstört. Ein berüchtigter Warner vor »christlicher Unterwanderung« sitzt als Abgeordneter für die säkulare republikanische Volkspartei CHP im Parlament.

Wie aufräumen? Unabhängige Juristen fordern, die Spuren in Armee und Politik ohne Rücksicht auf das Ansehen der Verdächtigten zu verfolgen. Doch Prozesse werden nicht reichen, um dem »Dink-Syndrom« der Türkei beizukommen. Es braucht neue Schulbücher, frei von hurrapatriotischem Gedöns, den Willen, die eigene Geschichte kritisch zu hinterfragen, eine Regierung, die allen immer wieder erklärt, warum nicht nur Kurden, sondern auch christliche Griechen und Armenier zur Türkei gehören. Und Politiker, die aufhören, nationalistische Sinnsprüche wie Glaubensbekenntnisse herunterzurattern.

Ansätze dazu gibt es. Bemerkenswerte Ausstellungen und Konferenzen, ergreifende Bücher, Restaurierungen von Kirchen – für jene wenigen, die hinhören und hinsehen wollen. Es gibt auch halbherzige Versuche der AKP-Regierung, Griechen und Armeniern zu mehr Rechten zu verhelfen. Doch in Wahlkämpfen krebsen Erdoğan und seine Gefährten stets zurück – aus Angst, die nationalistischen Wähler an die Opposition zu verlieren. Schon die Beerdigung von Hrant Dink mied Erdoğan wohlweislich. Wozu der Kleinmut führt, durfte der Premier sich jüngst in Trabzon anhören, in der Stadt des Mörders Ogün Samast. Bei der Eröffnung der Europäischen Jugendolympiade wurden die Athleten aus Armenien und Israel mit Pfiffen und Buhrufen begrüßt. Weil sie Armenier und Juden sind. Ähnliches erlebte eine kurdische Sängerin bei einem Jazzfestival in Istanbul, als sie auf Kurdisch zu singen begann. Anderssein macht angreifbar. Deshalb musste der armenische Türke Hrant Dink sterben – und erfährt bis heute keine Gerechtigkeit.