Nationalsozialismus : Die Wahrheit der Propaganda

Ein Gespräch mit dem Historiker Peter Longerich über Friedrich Kellners Tagebücher und das Zeitunglesen in der NS-Diktatur
Friedrich Kellner war zur NS-Zeit Justizinspektor. Seine Tagebücher zeigen, das etwas von den Naziverbrechen in der Gesellschaft sichtbar wurde. © Wallstein Verlag

DIE ZEIT: Herr Longerich, die Kriegstagebücher des Friedrich Kellner haben die Diskussion um die Frage neu entfacht, was die Deutschen von den NS-Verbrechen gewusst haben. Worin liegt die Besonderheit dieser Aufzeichnungen?

Peter Longerich: Kellners Tagebücher bestätigen auf beeindruckende Weise, dass sehr viel mehr Informationen über die Verbrechen verfügbar waren, als man lange Zeit angenommen hatte. Wobei man unterscheiden muss zwischen bloßer Information und tatsächlichem Wissen. Wissen setzt voraus, dass man sich Dinge in einem unter Umständen mühsamen Prozess bewusst macht. Kellner las zum Beispiel Propagandameldungen gegen den Strich, indem er ältere Tageszeitungsberichte heranzog oder auch Programmschriften wie Hitlers Mein Kampf.

Peter Longerich

deutscher Historiker, lehrt in London. Longerich veröffentlichte 2006 das Buch "Davon haben wir nichts gewusst!" DIe Deutschen und die Judenverfolgung. 2010 erschien im Siedler Verlag seine Goebbels-Biografie.

ZEIT: Was hielt andere Menschen davon ab, diese Quellen wirklich zu nutzen?

Longerich: Unter anderem eine Art psychischer Selbstblockade. Kellner glaubte, dass Hitler nur durch eine militärische Niederlage beseitigt werden könne. Für die meisten Deutschen war diese Vorstellung wegen der damit verbundenen Schrecken schwer zu akzeptieren. Viel einfacher war es, über die Verbrechen des Regimes hinwegzusehen.

ZEIT: Findet sich Kellners Verfahren der Propaganda-Exegese auch in anderen Tagebüchern?

Longerich: Ja, im berühmten Journal Victor Klemperers etwa oder in den – vom Umfang her wesentlich schmaleren – Aufzeichnungen des Ingenieurs Karl Dürkefälden aus Celle. Das Tagebuch ist bei allen dreien ein Ersatz für den Austausch mit Gleichgesinnten. Kellner lebte in einer Isolation, die typisch ist für viele regimekritische Tagebuchschreiber jener Jahre.

ZEIT: Nach außen hin aber passte er sich an.

Longerich: Soweit wir wissen, tat er das. Er war im Gegensatz zu Klemperer kein Opfer des Regimes. Das Denken ließ er sich aber nicht verbieten, und seine Tagebucheinträge sind oft sehr hellsichtig. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 schrieb er: Gut, dass Hitler überlebt hat, sonst müsste man fürchten, dass er nach der zu erwartenden militärischen Niederlage zum Helden verklärt wird.

ZEIT: Woher rührt das große öffentliche Interesse an Publikationen wie den Kellner-Tagebüchern?

Longerich: Das hat sicherlich damit zu tun, dass die einhellige Beteuerung der Zeitzeugen »Davon haben wir nichts gewusst« über Jahrzehnte eine ungeheure Wirkung entfaltet hat. Jetzt, da die Stimmen dieser Generation schwächer und weniger werden, eignet sich die nächste respektive übernächste Generation dieses Thema neu an – und sieht: Auch unter der Nazidiktatur ist es möglich gewesen, sich der massiven Propaganda zu entziehen.

ZEIT: Inwieweit machte das NS-Regime seine Mordtaten bekannt, inwieweit hielt es sie geheim?

Longerich: Der Mord an den Juden wurde auf der einen Seite als Staatsgeheimnis behandelt, auf der anderen Seite sandte das Regime immer wieder klare Signale aus, dass es die Juden umbrachte, »vernichtete«, »ausrottete«, wie es in offiziellen Stellungnahmen hieß. Einzelheiten, etwa über die Vernichtungslager, wurden allerdings zu keinem Zeitpunkt verbreitet. Doch was sich hinter der Ostfront abspielte, war seit dem Winter 1941/42 durch die Berichte von Soldaten zum großen Teil bekannt. So wurde der Mord an den Juden eine Art öffentliches Geheimnis, das in seinen Details verschwiegen, in seinen Umrissen aber klar kommuniziert wurde. Meine These ist, dass die breite Bevölkerung dadurch in Mithaftung genommen werden sollte. Das Regime machte spätestens 1943 klar, dass es alle Brücken hinter sich abgebrochen hatte und dass das gesamte Volk dafür mit geradestehen müsse.

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Kommentare

49 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Und warum wollte und will man nichts wissen?

"Ausgerechnet in einer Fernsehdiskussion zum zentralen deutschen Jahrestag, dem 9. November, hatte Arnulf Baring über die gesellschaftlichen Energien geplaudert, die der Nationalsozialismus mobilisiert habe, und den »Enthusiasmus« und »Elan« der Hitler-Jahre gewürdigt. Dieser »Elan«, der bis in die 60er Jahre fortgewirkt habe, werde heute wieder benötigt."

s. http://www.sopos.org/aufs...

Leistung und Faschismus: auch ein Thema.

Merkwürdig....

Natürlich haben Menschen, die Informationen suchen und filtern die Möglichkeit etwas zu erfahren.Nur was fangen sie damit an in einer Diktatur. Diejenigen wie z.B. die Geschwister Scholl die unbequem wurden, wurden hingerichtet.

Doch machen sie mal den Test zu aktuellen Themen, die jeder wissen kann oder sogar sollte. Sie können froh sein, wenn sie jemanden finden der Bescheid weis.
Um wieviel mehr gilt das dann wohl in einer Gesellschaft, bei der man sich ohne Risiko nicht mit anderen austauschen kann?
Wer unangehme Themen, wie z.B. die aktuelle Wirtschaftkrise anspricht, undein bischen Tiefer als die gängigen Vorurteile argumentiert, dem kann es sogar passieren, dass man geschnitten wird. Schlicht weil die Leute das Unangehme Verdrängen wollen, sie wollen in ihrer Freizeit nicht die Laune verdorben bekommen.

Fazit: Keine neuen Erkenntnisse immer dasselbe Unverständnis gegenüber der Normalität der Ignoranz.

H.
H.

Überschätzung der Menschen

Herr Kellner war sicher eine Ausnahmeerscheinung. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung hat der Abtransport der jüdischen Mitbürger (sofern nicht ein naher Bekannter oder Verwandter betroffen war) einfach nicht interessiert. [...] Zum Vergleich, angesichts des irrsinnigen Attentats in Norwegen war das Hauptdiskussionsthema der letzten Tage im Sozialraum unserer Firma die Eskapaden eines fetten alten Baumeisters und seinen jugendlichen Gespielin. (Es handelt sich um eine Wiener Lokalgröße)

Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf pauschale Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/vn

Ich bin sehr amüsiert,

dass gerade Sie gegen Vorurteile Stellung beziehen. Ich kann mich da an so einige ziemlich düstere Beiträge von Ihnen erinnern....

Sie geben sich zwar viel Mühe, wenn ich jetzt beispielsweise ihren Lesertext über Vorurteile (passend zu dieser Aussage) betrachte, aber Sie sind logisch kaum stringent und werfen die Argumente durcheinander.

Mir fällt es auch sehr schwer, zu erkennen, was Sie uns eigentlich über dieses Interview mitteilen möchten. Mir scheint, Sie sind eigentlich nur mit sich selbst beschäftigt.

Ich erwidere Ihnen noch etwas. Angst ist weder Ausrede noch Tugend.

Parallelen in der heutigen Zeit

u.a. die Libyen-Kriegsberichterstattung.

Kriegstagebücher werden möglicherweise in ferner Zukunft auch die Diskussion um die Frage entfachen, was die Deutschen von den Hintergründen der Nato-Intervention in Libyen gewusst haben und warum Journalisten von ihren Geldgebern vorgegeben wird, was sie berichten sollen / berichten dürfen oder besser noch denken lernen, was sie berichten werden.

Etwas off-topic, aber dennoch:

Schirrmacher zitiert heute trefflicherweise in der FAZ ein von Sarrazin geäußertes Bedauern:

„Das Muster des generativen Verhaltens in Deutschland seit Mitte der sechziger Jahre ist keine Darwinsche natürliche Zuchtwahl im Sinne von ,survival of the fittest‘ (...)"

Deren Phantasma eines historischen "Siegens" energetischer Leistungskraft fanden und finden aber viele toll. Und da möchte man natürlich mit letzten Endes moralischer Reflexion nichts anfangen.

Allen Fans der "Zuchtwahl" der Stärksten sei zugerufen:

Was Ihr wollt, ist die permanente eitle Selbstaufrüstung in einem unablässigen Krieg aller gegen Aller. This! is what they call: bad taste.