Friedrich Kellner war zur NS-Zeit Justizinspektor. Seine Tagebücher zeigen, das etwas von den Naziverbrechen in der Gesellschaft sichtbar wurde. © Wallstein Verlag

DIE ZEIT: Herr Longerich, die Kriegstagebücher des Friedrich Kellner haben die Diskussion um die Frage neu entfacht, was die Deutschen von den NS-Verbrechen gewusst haben. Worin liegt die Besonderheit dieser Aufzeichnungen?

Peter Longerich: Kellners Tagebücher bestätigen auf beeindruckende Weise, dass sehr viel mehr Informationen über die Verbrechen verfügbar waren, als man lange Zeit angenommen hatte. Wobei man unterscheiden muss zwischen bloßer Information und tatsächlichem Wissen. Wissen setzt voraus, dass man sich Dinge in einem unter Umständen mühsamen Prozess bewusst macht. Kellner las zum Beispiel Propagandameldungen gegen den Strich, indem er ältere Tageszeitungsberichte heranzog oder auch Programmschriften wie Hitlers Mein Kampf.

ZEIT: Was hielt andere Menschen davon ab, diese Quellen wirklich zu nutzen?

Longerich: Unter anderem eine Art psychischer Selbstblockade. Kellner glaubte, dass Hitler nur durch eine militärische Niederlage beseitigt werden könne. Für die meisten Deutschen war diese Vorstellung wegen der damit verbundenen Schrecken schwer zu akzeptieren. Viel einfacher war es, über die Verbrechen des Regimes hinwegzusehen.

ZEIT: Findet sich Kellners Verfahren der Propaganda-Exegese auch in anderen Tagebüchern?

Longerich: Ja, im berühmten Journal Victor Klemperers etwa oder in den – vom Umfang her wesentlich schmaleren – Aufzeichnungen des Ingenieurs Karl Dürkefälden aus Celle. Das Tagebuch ist bei allen dreien ein Ersatz für den Austausch mit Gleichgesinnten. Kellner lebte in einer Isolation, die typisch ist für viele regimekritische Tagebuchschreiber jener Jahre.

ZEIT: Nach außen hin aber passte er sich an.

Longerich: Soweit wir wissen, tat er das. Er war im Gegensatz zu Klemperer kein Opfer des Regimes. Das Denken ließ er sich aber nicht verbieten, und seine Tagebucheinträge sind oft sehr hellsichtig. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 schrieb er: Gut, dass Hitler überlebt hat, sonst müsste man fürchten, dass er nach der zu erwartenden militärischen Niederlage zum Helden verklärt wird.

ZEIT: Woher rührt das große öffentliche Interesse an Publikationen wie den Kellner-Tagebüchern?

Longerich: Das hat sicherlich damit zu tun, dass die einhellige Beteuerung der Zeitzeugen »Davon haben wir nichts gewusst« über Jahrzehnte eine ungeheure Wirkung entfaltet hat. Jetzt, da die Stimmen dieser Generation schwächer und weniger werden, eignet sich die nächste respektive übernächste Generation dieses Thema neu an – und sieht: Auch unter der Nazidiktatur ist es möglich gewesen, sich der massiven Propaganda zu entziehen.

ZEIT: Inwieweit machte das NS-Regime seine Mordtaten bekannt, inwieweit hielt es sie geheim?

Longerich: Der Mord an den Juden wurde auf der einen Seite als Staatsgeheimnis behandelt, auf der anderen Seite sandte das Regime immer wieder klare Signale aus, dass es die Juden umbrachte, »vernichtete«, »ausrottete«, wie es in offiziellen Stellungnahmen hieß. Einzelheiten, etwa über die Vernichtungslager, wurden allerdings zu keinem Zeitpunkt verbreitet. Doch was sich hinter der Ostfront abspielte, war seit dem Winter 1941/42 durch die Berichte von Soldaten zum großen Teil bekannt. So wurde der Mord an den Juden eine Art öffentliches Geheimnis, das in seinen Details verschwiegen, in seinen Umrissen aber klar kommuniziert wurde. Meine These ist, dass die breite Bevölkerung dadurch in Mithaftung genommen werden sollte. Das Regime machte spätestens 1943 klar, dass es alle Brücken hinter sich abgebrochen hatte und dass das gesamte Volk dafür mit geradestehen müsse.