ZEITmagazin: Frau Fischer, Sie hatten ein enges Verhältnis zum Dirigenten Yakov Kreizberg – dabei wäre Ihre erste Begegnung beinahe ein Fiasko geworden...

Julia Fischer: Das war an jenem Tag im Jahr 2003, als die Concorde ihren Betrieb einstellte. Mein Management hatte das übersehen, und so spielte ich abends in Glasgow und sollte am nächsten Mittag in Amerika mit dem Philadelphia Orchestra und Yakov Kreizberg proben. Ich fuhr die ganze Nacht, um fünf Uhr früh kam ich am Londoner Flughafen an und schaffte es trotzdem nicht pünktlich nach Philadelphia. Die Musiker mussten eine Stunde auf mich warten.

ZEITmagazin: Das war Ihr Debüt bei einem der besten Orchester der Welt?

Fischer: Mir war klar, dass es eine Frechheit ist, sich da hinzustellen, ohne Tage vorher angereist und vorbereitet zu sein. Zumal ich das Violinkonzert von Chatschaturjan zum allerersten Mal spielte. Und Kreizberg dirigierte es zum ersten Mal. Ich also mit der Geige in der Hand vom Auto auf die Bühne, seit fast zwei Tagen nicht geschlafen – ich war wirklich an meiner körperlichen Grenze. Wir trafen uns vor den Augen des Orchesters: Hallo, ich bin Yakov, ich bin Julia, schon mussten wir anfangen. Und es war, als hätten wir das Stück bereits hundertmal miteinander gespielt. Wir haben es völlig gleich interpretiert.

ZEITmagazin: Ihre Harmonie hat Sie also vor einer Blamage gerettet?

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

Fischer: Ja. Die fehlgelaufene Organisation wäre keine Entschuldigung gewesen. Wenn auf der Bühne etwas nicht klappt, interessiert es keinen, was die äußeren Umstände sind. Aus demselben Grund waren die zwei Jahre vor dem Abitur so eine anstrengende Zeit: Die Lehrer interessierte es auch nicht, ob ich abends zuvor ein Konzert hatte. Morgens um sechs ging der Flug zurück nach München, Punkt acht saß ich in der Schule und schrieb die Prüfung mit.

ZEITmagazin: Fiel es Ihnen als Teenager nicht schwer, so diszipliniert zu sein?

Fischer: Ich bin damit groß geworden, dass man zu sich selbst am strengsten sein muss. Bei meiner Geigenlehrerin Lydia Dubrowskaja musste ich immer selber sagen, was schlecht war. Das ist sehr gesund. Wahres Selbstbewusstsein kommt nicht daher, dass man weiß, was man kann, sondern dass man weiß, was man nicht kann.

ZEITmagazin: Und Selbstbewusstsein haben Sie!

Fischer: Mein erster Geigenlehrer sagte meiner Mutter: Die kennt keine Angst. Ich weiß noch, wie ich mit 13 Jahren mit dem weltberühmten Dirigenten Lorin Maazel diskutiert habe. Bei einem Bach-Konzert war ich gar nicht einverstanden mit seinem Tempo. Das ist viel zu schnell, so können wir das nicht machen, sagte ich. Dieses Selbstbewusstsein gehört zum Beruf. Man kann sich als Solist nicht vor ein Orchester stellen, wenn man nicht völlig überzeugt ist von dem, was man will.