Wenn Fußgänger, Skateboardfahrer, Radfahrer, Autofahrer, wenn die Eiligen und die Langsamen, wenn die Raser, die Flaneure, die Kinder, die Alten, die Karrieristen und die In-den-Tag-hinein-Lebenden sich einen Raum teilen, dann kann das nur gelingen, wenn sie sich gegenseitig im Blick haben. Sie geben sich Zeichen, weil es die Zeichen der Verkehrsbehörde nicht mehr gibt. Sie sind gezwungen, von sich selbst abzusehen und sich bewusst zu sein, dass sie nicht allein sind, sondern vielmehr etwas teilen, auch wenn es nicht mehr ist als ein Raum.

Im bisherigen Verkehrssystem ging es darum, wer Recht hat, wer den Regeln gehorcht, und alle, die sich regelwidrig verhielten, wurden gnadenlos niedergehupt und im Zweifel über den Haufen gefahren. Das neue regellose, ungehorsame System des Shared Space führt jedem Ich vor, dass es nichts ist ohne das Wir. Ohne Vertrauen, ohne Gesten des Einvernehmens ist kein Vorankommen. Hier zeigt sich: Der öffentliche Raum kann eine zivilisierende Wirkung haben.

War bislang Entschleunigung etwas, das nur in der Privatsphäre des Einzelnen diskutiert wurde, wird sie jetzt gesellschaftsfähig – und zwar mit konkreten Folgen. Erste empirische Studien belegen, dass die Anwohner einer Shared-Space-Straße »deutlich häufigere und intensivere soziale Beziehungen« zu ihren Nachbarn pflegen. Und für viele Städter gewinnen gerade diese Nahräume in Zeiten der Globalisierung, in denen vieles austauschbar und beliebig zu werden droht, an Bedeutung. In Hamburg spricht man daher nicht zufällig von Gemeinschaftsstraßen, wenn der Shared Space gemeint ist.

Interessanterweise begegnen sich in diesem Bedürfnis nach ungelenkter Begegnung gleich zwei Entwicklungen, die eine im realen, die andere im digitalen Raum. Auch das Internet lässt sich ja als eine Art Shared Space begreifen, dort sind sogenannte Open Spaces ungemein populär, in denen beliebige Themen von beliebig vielen Menschen diskutiert werden können, selbst organisiert und selbst verantwortlich. Die dafür nötige Technik wurde um 1985 in den USA von Harrison Owen entwickelt, genau zur selben Zeit, in der ein gewisser Hans Monderman in dem Dorf Oudekaste im niederländischen Friesland seine ersten Experimente mit schilderlosen Straßen unternahm, die ihn später zum Urvater der Shared-Space-Bewegung machen sollten. Owen wie auch Monderman wurden früh mit ähnlichen Vorbehalten konfrontiert: Das liberalisierende Moment des Open und des Shared Space, die anarchische Kraft, die hier zutage tritt, scheint bis heute viele Menschen zu schrecken.

Die Umwälzungen sind ja auch gewaltig, geradezu epochal. Und gerade die Widerstände zeigen, dass der Shared Space weit mehr ist als nur ein Verkehrskonzept. Er verkörpert ein gewandeltes Weltverständnis und verlangt ein neues Bewusstsein: Das lineare weicht dem komplexen Denken, alles Getaktete wird fluid, die strengen Grenzen eines genormten Daseins lösen sich auf. Und anders noch als in den achtziger Jahren, als viele für Verkehrsberuhigung und Spielstraßen eintraten, ist nicht länger Ruhe das Ideal, sondern ein lebendiges Chaos. Planer planen das Ungeplante, einen Raum, der nicht determiniert ist – wann hat es das je gegeben?

Wachsende Unsicherheit macht das Fahren sicherer!

Für die meisten Autofahrer eine Schreckensvision: Wird man im Shared Space überhaupt noch vorankommen? Und was ist mit Kindern, Rentnern, Rollstuhlfahrern, wenn es keine Bürgersteige und Zebrastreifen mehr gibt? Braucht es nicht doch Regeln, um die Schwachen vor den Starken zu schützen (und auch umgekehrt)?

Die Antwort der Shared-Space-Freunde auf all diese Fragen ist: Risikohomöostase. Wo Schilder abmontiert und Ampeln ausgeschaltet werden, wo die Straßen so gestaltet sind, dass niemand mehr recht zu sagen weiß, wie sich eigentlich wer zu bewegen hat, sinken die Unfallzahlen, oft sogar drastisch. Denn wachsende Unsicherheit macht das Fahren sicherer! Gerade weil der Fahrer eines Autos nicht weiß, ob ihm nicht im nächsten Moment ein Kind vor die Kühlerhaube springt, da der Spielplatz unmittelbar an die Straße grenzt – wie in manchen niederländischen Städten –, wird er ungeheuer wachsam und vorausschauend fahren. Hingegen verleitet ihn eine übersichtliche, klar gegliederte Fahrbahn zu höherem Tempo und zur Unachtsamkeit.