Somalische Flüchtlinge sammeln Feuerholz. Viele von ihnen sind bereits in Flüchtlingslagern zur Welt gekommen. © Oli Scarff/Getty Images

Als ob die Dürre nicht ausgereicht hätte. Jetzt gibt es auch noch Raub, Vergewaltigung und sogar Tod. Ahmed Mohammed Aden sitzt auf dem sandigen Boden in Dagahaley, einem der drei Flüchtlingslager um das Dorf Dadaab in Kenia, 100 Kilometer von der Grenze zu Somalia entfernt. Sein Gesicht verzieht sich zu einem verzweifelten Lachen, als ob das alles nicht wahr sein könne. Eine Gruppe Männer um ihn herum hört schweigend zu. »Es ist vor einem Monat in Doble passiert, nahe der Grenze. Milizionäre haben uns angehalten und uns alles geraubt: Geld, Handys, Uhren, sogar Kleidung.« Dann hätten sie das Auto auseinandergenommen, in dem er und seine Familie unterwegs gewesen seien, dann seine Frau und seine Töchter weggeschleppt und sie die ganze Nacht vergewaltigt. Nach dem 24-stündigen Martyrium hätten die Bewaffneten sie schließlich ziehen lassen.

Eine horrende, grausame Geschichte, aber hier kann man Tausende ähnliche hören. Rund 100.000 Somalis sind seit Anfang des Jahres nach Kenia geflohen, um sich vor der schlimmsten Dürre seit 60 Jahren zu retten. Wie viele seiner Landsleute besaß auch Aden eine kleine Viehherde im somalischen Baidoa, bevor der Mangel an Wasser und Futter seine Kühe und Ziegen nach und nach umbrachte. Als er die wenigen Tiere verkauft hatte, die ihm geblieben waren, mietete Aden ein Auto und fuhr damit zur kenianischen Grenze, direkt in die Arme einer der zahlreichen bewaffneten Banden, die in Somalia operieren. Nur dank der Hilfe anderer Flüchtlinge, die sie auf der Straße getroffen hatten und die mit ihnen ihr weniges Essen und Wasser teilten, erreichten Aden und seine Familie Dadaab auf kenianischem Territorium. Der Name steht für das größte Flüchtlingslager der Welt. Eigentlich sind es drei Camps rund um den Ort Dadaab – Ifo, Hagadea und Dagahaley. Sie wurden 1991, als in Somalia der Bürgerkrieg ausbrach, für ursprünglich 90.000 Bewohner errichtet. Doch aufgrund der zunehmenden Instabilität in dem Land und der seit nunmehr drei Jahren anhaltenden Dürre in Ostafrika leben inzwischen fast 400.000 Menschen in dieser mit Gestrüpp bedeckten Wüste, die mit UNHCR-Zelten und Behelfshütten übersät ist. Bis Jahresende werden es 450.000 sein. Das größte Flüchtlingslager der Welt mitten im derzeit größten Katastrophengebiet der Welt.

Die Karte zeigt das Ausmaß des Hungers am Horn von Afrika, gemäß den Angaben der Vereinten Nationen. In den hell gefärbten Regionen ist die Versorgungslage angespannt. Am schlimmsten ist die Lage in den dunkelrot gefärbten Gebieten.

Tägliche treffen Hunderte, manchmal über Tausend ein. Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) kommt mit dem Registrieren kaum hinterher. Hilfsorganisationen geraten zunehmend unter Druck. In den überbelegten Krankenstationen fehlt es an Betten. Die Lebensmittel reichen kaum aus, und viele Neuankömmlinge beklagen sich, dass sie bis zu zwei Monate auf die Lebensmittelkarten warten müssen, ohne die sie keine Rationen bekommen. Doch das Leben wird auch mit einer solchen Karte nicht viel leichter. »Ich bin so enttäuscht. Wenn ich gewusst hätte, was hier los ist, hätte ich es mir zweimal überlegt, bevor ich herkomme«, sagt die 23 Jahre alte Adey Salat aus dem somalischen Dorf Dinsor aufgebracht. Nach einem Fußmarsch von 25 Tagen kam sie vor fünf Monaten in Ifo an. Ihre Lebensmittelrationen (pro Kopf drei Kilo Weizenmehl, ein Kilo Maismehl, 400 Gramm Bohnen und 4,5 Milliliter Öl) sollen für zwei Wochen reichen, genügen aber nicht für ihre fünf Kinder, denn ein Teil der Rationen muss gegen Produkte eingetauscht werden, die die UN-Helfer nicht ausgeben: Milch, Zucker, Gemüse und Fleisch. »Manchmal bekomme ich nicht einmal Wasser«, fügt sie hinzu. Sie lebt mit ihrer Familie in einer Hütte aus Zweigen und Plastikfetzen. »Oft steht man den ganzen Nachmittag an, und wenn man endlich am Wasserhahn ist, ist der Tank leer.« Der 33 Jahre alte Mahmoud Jama Guled, Sprecher der Flüchtlinge in einer der acht Sektionen, in die Ifo unterteilt ist, sagt, dass allein in seinem Bereich ein einziger Wassertank inzwischen für 6500 Familien reichen muss. »Das heißt: Ein Wasserhahn für 160 Familien, können Sie sich das vorstellen?«, fragt er.

Nicht nur Wasser und Lebensmittel werden knapp. Weil für die Behelfshütten und zur Herstellung von Holzkohle weiträumig Bäume gefällt wurden, hat sich die Landschaft um Dadaab in den letzten 20 Jahren dramatisch verändert. Früher gab es hier Savanne. Es gab Löwen, Elefanten, Nashörner, Giraffen. Jetzt sieht man nur noch Sand, Gestrüpp, Plastikfetzen. Nicht nur das Klima, auch der Mensch macht das Land zur Wüste – aus purer Not. Und so werden die Hierarchien und Konflikte untereinander schärfer. Da sind zunächst die alteingesessenen Kenianer. Sie genießen als Staatsbürger Bewegungsfreiheit, haben ihre Herden in weit entfernte Gebiete in Sicherheit gebracht und beobachten nun mit zunehmender Wut, wie die Flüchtlinge abholzen, was an Bäumen und Büschen noch zu finden ist. Dann sind da die »Altflüchtlinge«, Familien, die seit 15 oder 20 Jahren in den Camps leben und zunächst versuchten, kleine Ackerparzellen einzuzäunen. Jetzt geht das nicht mehr. Zu groß ist der Strom der Neuankömmlinge, und die einhemischen Kenianer zerstören immer häufiger die kleinen Felder.