Drei Monate lang hatte ich denselben Traum, kurz vor meiner Premiere des Soloprogramms im April. Ich trete in einer Halle auf, vor mir sitzen 500 Menschen, nacheinander stehen sie auf und gehen, bis der Saal komplett leer ist – ich spiele trotzdem weiter. Ich glaube, der Traum handelt von meinem Starrsinn, den ich schon am Anfang meiner Karriere besaß. Ich bin vor 15 Jahren in Schöneberg in der Scheinbar aufgetreten, und manchmal saßen nur drei Zuschauer im Raum. Die habe ich auf die Bühne geholt, drei Flaschen Sekt bestellt, meine Gage so auf den Kopf gehauen, wir haben uns einen angetütert, und dann habe ich mein Programm begonnen.

Ich habe immer gesagt: Solange mehr Menschen vor der Bühne sitzen, als auf ihr stehen, spiele ich. Musste ich auch, denn alle anderen Chancen hatte ich mir verbaut. Mit Anfang zwanzig war ich der König der Abbrecher, nach der zehnten Klasse habe ich die Lehre zum Einzelhandelskaufmann geschmissen. Ich war auf dem Niveau eines Hilfsarbeiters. Mit mir wollte keiner mehr was zu tun haben, die sozialen Kontakte brachen weg. Ich weiß noch, mit meiner damaligen Freundin spazierte ich mal den Ku’damm entlang, sie blieb vor dem Schaufenster eines Juweliers stehen und sah sich einen Ring für 1500 Mark an. Das fand ich ziemlich teuer. Da sagte sie zu mir: Weißt du, du stellst einfach nichts dar. Und so haben wir uns getrennt.

Zwei Jahre lang habe ich dann für eine Reinigungsfirma geputzt. Für ein paar Piepen habe ich Grundschulen und Wohnblocks sauber gemacht. Diese langen Gänge in den Tegeler Wohnblocks werde ich nie vergessen, 150 Meter lang, erst ausfegen, dann wischen und am Ende mit der Poliermaschine rüber. Das war eine furchtbare Zeit. Ich war ganz unten. Wenn mich Leute gefragt haben, was ich beruflich mache, habe ich ehrlich geantwortet: Ich bin Putzmann. Und dann haben sich die meisten abgewendet.

Damals habe ich gelernt, dass man als Putzmann für die anderen unsichtbar oder schwer sichtbar ist – genauso wie ein Behinderter. Wenn man einen Menschen im Rollstuhl sieht, heißt es oft: Nicht beachten! Nicht hingucken! Und so haben die Menschen bei mir reagiert. Ich finde, das gehört sich nicht. Wenn ich heute den Hausflur hinuntergehe und jemand putzt gerade die Treppe, sage ich immer Guten Tag. Das ist kein Idiot, der da sauber macht, sondern ein Mensch. So einen Menschen spiele ich jetzt zum ersten Mal in einem Film : einen Kaufhausdetektiv, der so belanglos ist, dass man an ihm vorbeiläuft. Er ist im Kosmos der Schwersichtbaren unterwegs.

Natürlich hätte ich auch einfach einen Kurt-Krömer-Film machen können, wollte ich aber nicht. Da kommt wieder der Starrsinn durch. Deswegen habe ich meine Show in der ARD beendet. Ich zerstöre mir alles, was ich aufgebaut habe, um mich zu erneuern. Ich breche die Zelte ab. Das brauche ich ab und zu. In meinem Programm wird es jetzt keine Showtreppe und keine Glitzerkostüme mehr geben wie in meiner Fernsehsendung, das ist vorbei. Ich stehe ohne Requisiten auf der Bühne. Das ist der Traum: dass ich nur mit dem auftrete, was ich in einer Tasche tragen kann.

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