Jedes zweite Kind unter fünf Jahren ist unterernährt. Klimawandel und hohe Lebensmittelpreise haben die Lage im Krisengebiet dramatisch verschärft. Das Welternährungsprogramm der UN hat für 2011 einen Nothilfebedarf in Höhe von zehn Millionen Dollar veranschlagt. Eingetroffen ist bislang nicht mal ein Drittel.

Somalia im Sommer 2011? Nein, die Rede ist von Guatemala im Sommer 2011.

Nicht noch eine Katastrophe, werden Sie sagen. Sie haben die Bilder der halb verhungerten Kinder in den ostafrikanischen Flüchtlingslagern gesehen, haben vielleicht schon gespendet. Und: Ein Desaster reicht. Man kann sich nicht um das Elend der ganzen Welt kümmern. Mitleid hat Grenzen.

Stimmt. Mitleid ist ein knappes Gut. Es ist leicht verderblich, schnell erschöpft und muss mit immer ausgefeilteren Methoden zum Vorschein gebracht werden. Wissen um die Not anderer reicht nicht aus. Über die Meldung, dass derzeit fast eine Milliarde Menschen, also jeder sechste Bewohner der Erde, an Hunger leidet, lesen wir locker hinweg. Erst wenn wir mit dramatischen Bildern von hohlwangigen (vorzugsweise afrikanischen) Kindern gefüttert werden, regen sich Schock, Mitleid – und die Bereitschaft zu spenden.

Doch wenn uns Somalia und Guatemala eines lehren, dann dieses: Wer wirklich etwas gegen den Hunger in der Welt tun will, der spare sich ab sofort das Mitleid. Es schadet mehr, als es hilft. Hunger ist vermeidbar . Wir leben nicht mehr im 19. Jahrhundert, als solche Nöte wie biblische Plagen eine Bevölkerung dezimierten. Wir schreiben auch nicht das Jahr 1984, als der Hunger scheinbar wie eine Naturgewalt über Äthiopien »hereingebrochen« war. Wir leben im 21. Jahrhundert, es gibt ausgefeilte Frühwarnsysteme, die im Fall Somalia schon im November vor einer Katastrophe gewarnt haben. Wir wissen inzwischen sehr gut, wann und wo ein Notstand droht und wie er verhindert werden kann.

Trotzdem funktioniert die Hilfe heute kaum anders als vor 25 Jahren, als europäische Musikbands unter dem Schlagwort Band Aid eine Kampagne für die Hungernden in Äthiopien starteten: Mit Bildern und durch Appelle weißer Prominenter Betroffenheit erzeugen, Spenden eintreiben, Hilfsgüter möglichst TV-gerecht verteilen – bis zum nächsten Megadesaster. So gut und aufrichtig das gemeint ist, so sehr verkommt humanitäre Hilfe auf diese Weise zur »Heftpflasterpolitik«. Und die scheint nun nicht einmal mehr im Fall Somalia zu funktionieren. Schuldenkrise in den USA, Schuldenkrise in Europa, ein Amokläufer in Norwegen, ein Medienskandal in Großbritannien... Der Hungernotstand am Horn von Afrika kommt einfach nicht richtig in den Fokus der Medien. Die USA geizen mit Geld, Italien gab nach dem ersten UN-Hilfsappell keinen Cent, das Schwellenland Brasilien stellte mehr Hilfe in Aussicht als Deutschland und Frankreich zusammen. Die Afrikanische Union hat bislang nur den Termin für einen Spendengipfel vorzuweisen. Darüber kann man jammern. Oder man kann die Politik der Hilfe endlich vom Kopf auf die Füße stellen.