Der Arabische Frühling ist vorbei. Die arabische Revolution auch? Alles ist auf einmal so mühsam und verwirrend zwischen Libyen-Intervention, deutschen Panzern für Saudi-Arabien und dem blutigen Stellungskrieg , den das syrische Regime gegen das eigene Volk führt. In Ägypten steht die Opposition gegen die Militärführung, die islamistische Opposition gegen die liberale Opposition, die radikale islamistische Opposition gegen die gemäßigte islamistische Opposition. Man hat den Überblick verloren: Sind die Reformvorschläge des marokkanischen Königs ein Trick oder ein Fortschritt, und welche Art von Chaos herrscht gerade im Chaosland Jemen? Die Revolution wirkt unfertig, ausgebremst, stecken geblieben. Die Bilder der friedlichen Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo haben die Welt fast so bewegt wie die Bilder vom Berliner Mauerfall. War das voreilig? Haben wir die Revolution überschätzt, ist sie eine Enttäuschung oder sogar schon gescheitert? Das sind unangenehme Fragen. Man darf sich aber nicht vor ihnen drücken.

Nichts steht still. Jeden Tag passieren Dinge, die von einer neuen, unaufhaltsam sich verändernden Wirklichkeit im Mittleren Osten zeugen. Die Revolution ist molekular, so wie sie historisch ist. Sparer ziehen ihr Geld aus syrischen Banken ab und transferieren es nach Beirut oder Istanbul – ein ökonomisches Misstrauensvotum gegen das Regime von Präsident Assad, der seine Herrschaft noch mit Panzern und Scharfschützen zu retten hofft. Die Bürger im reichen Golf-Emirat Qatar lassen sich von den Aufständen, nun ja: nicht zur Revolution inspirieren, aber doch zu einem Konsumentenprotest, einer Demonstration des zivilen Ungehorsams gegen den Telekommunikationskonzern des Landes: kollektives Abschalten der Mobiltelefone für eine Stunde, um niedrigere Gebühren und besseren Service zu erzwingen. In Misrata, der libyschen Stadt, die von den Rebellen über Monate gegen Gadhafis Regierungstruppen verteidigt wurde, kämpfen Medizinstudentinnen um das Recht, wie ihre männlichen Kommilitonen am Krankenbett Praxiserfahrung sammeln zu können – ein Recht, das ihnen in den Tagen der Belagerung, als dauernd Verwundete versorgt werden mussten, geradezu aufgenötigt wurde. Die ganze Region ist voll von Geschichten der Neugier und der Unruhe. Auch von Leid und Scheitern – dafür stehen die wahrscheinlich bereits mehreren Tausend Toten, die der Überlebenskampf des syrischen Regimes bislang gekostet hat. Aber kein Mensch kann bestreiten, dass die arabische Welt des Sommers 2011 von der des Sommers 2010 auf grundstürzende Weise verschieden ist.

Nein, wir haben die Revolution nicht überschätzt. Sie wurde allerdings mit einem irreführenden geschichtlichen Vergleich bedacht – einem Vergleich, der ihrer Größe angemessen ist, ihre Natur jedoch verkennt. Das war der Vergleich mit den Revolutionen von 1989, dem kartenhausmäßigen Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Europa: heute Warschau, morgen Budapest und Prag, übermorgen Ost-Berlin, dann Bukarest, am Ende Moskau. Der arabische Aufbruch, bei dem eine Region von 350 Millionen Menschen ihr historisches Rendezvous mit der Freiheit hat, ist tatsächlich die wichtigste gute Nachricht auf unserem Planeten seit dem Untergang des Ostblocks, der Weltmacht Sowjetunion und der marxistisch-leninistischen Ideologie. Aber er folgt nicht dem Muster von 1989.

»1989« nämlich liefert überhaupt kein Muster, es war mitnichten eine typische Revolution, es war vielmehr eine krasse Ausnahme. Man übersieht das leicht, denn es war »unsere« Revolution; die mittleren und älteren Jahrgänge haben sie bewusst miterlebt und messen jede historische Umwälzung automatisch daran. In Wirklichkeit war die Lage der mitteleuropäischen Völker und Regime damals vollkommen einmalig: eine herrschende Weltanschauung, an die niemand mehr glaubte; eine alternative politische Ordnung, die im Westen fertig bereitstand; eine EU, für die ihre östlichen Nachbarn im Grunde nicht Neuzugänge, sondern Heimkehrer waren. Das erklärt den dramatischen Kollaps der alten Macht und den raschen Neuaufbau. Es erklärt auch die notwendige Enttäuschung, wenn man diese Geschwindigkeit und diesen Erfolg von irgendeinem anderen Umsturz erwartet.

Den besseren Vergleichspunkt für den arabischen Umbruch liefern die europäischen Revolutionen des späten 18. und des 19. Jahrhunderts, von 1789 in Frankreich bis 1848, als der gesamte Kontinent gegen Unterdrückung und Fremdbestimmung rebellierte: in Frankreich, Deutschland, Polen, Österreich, Ungarn, Italien. Es waren die Revolutionen, in denen das Bürgertum, der »dritte Stand«, die nicht adligen Normalmenschen, sich gegen die überlebte Macht und die Privilegien von Königtum, Aristokratie und Geistlichkeit erhoben – so wie heute in den arabischen Ländern eine gut ausgebildete Mittelschicht und frustrierte Volksmassen sich gegen erstarrte und korrupte Herrschercliquen, gegen einen Feudalismus des 20. Jahrhunderts, erheben. In den europäischen Revolutionen wurde um die Durchsetzung der Moderne gekämpft, um Kapitalismus, liberale Gesellschaft, Rechtsstaat und Demokratie – so wie heute die arabische Welt um den Anschluss an das 21. Jahrhundert ringt.