Im Vergleich zur französischen Revolution geht es in Arabien schnell
Zumal auch diesmal, wie beim Aufstieg des Bürgertums und dem Siegeszug der Moderne in Europa, die Basisdaten für die Revolutionäre sprechen. Der französische Soziologe Emmanuel Todd, der mit geradezu unheimlicher Hellsicht erst den Untergang der Sowjetunion, dann die Krise der Vereinigten Staaten und schließlich den fortschrittlichen Umbruch der islamischen Welt vorhergesagt hat, stellt fest: Bei aller Rückständigkeit stecken die arabisch-muslimischen Gesellschaften längst im Prozess der Modernisierung, mit steigendem Bildungsniveau und fallenden Geburtenraten. Die Bevölkerungen werden anspruchsvoller, die Beziehungen zwischen Männern und Frauen wandeln sich; die Kinder, die Schulabschlüsse haben, erkennen nicht mehr selbstverständlich die Überlegenheit ihrer Eltern an, die Analphabeten sind. Alles sieht noch konservativ und patriarchalisch aus, aber die Autorität des Vaters und damit der Inbegriff aller Autorität ist bereits brüchig geworden. Das bleibt nicht ohne Folgen für Gesellschaft und Staat.
»Wenn man lesen und schreiben kann«, bemerkt Todd, »kann man ein Flugblatt lesen und sogar eines verfassen. Politische Teilnahme wird dadurch zum natürlichen Vorgang.« Auch er stellt den Vergleich mit der europäischen Geschichte an: »Die Französische Revolution brach aus, als 50 Prozent der Menschen im Pariser Becken »schreiben konnten.« Und er findet im Blick auf damals die heutigen Veränderungen keineswegs enttäuschend langsam, im Gegenteil. Frankreich, das fortgeschrittenste Land des Kontinents, brauchte rund ein Jahrhundert und furchtbare politische Konvulsionen, bis es jene bürgerliche Republik einigermaßen stabil errichtet hatte, die schon das Ziel der Revolution von 1789 gewesen war. Im Verhältnis dazu wirkt der gegenwärtige Umbruchprozess bisher ungeheuer komprimiert und in seiner Richtung erstaunlich sicher. Denn so abgeschottet und kontrolliert ist kein arabisches Land, dass seine Bewohner nicht wüssten, wie man im 21. Jahrhundert leben kann und wie ein anständiger Staat seine Bürger behandelt. Es gibt, von der wirtschaftlichen Effizienz bis zu den Menschenrechten, inzwischen globale Standards, die nicht unwidersprochen verletzt werden und die dem Protest seine Orientierung geben.
In Revolutionen, könnte man denken, wird vor allem Mut gebraucht, und natürlich ist er sehr wichtig. Aber noch wichtiger ist die Geduld – vom langem Atem beim Kampf mit dem Regime bis zur Gelassenheit, mit der das Volk nach einem siegreichen Umsturz die tausenderlei Überreste der Vergangenheit und die Dürftigkeit des Lebensstandards ertragen muss, der zunächst nicht besser, sondern schlechter wird. Die arabischen Völker müssen in diesen Monaten alle ihre Zähigkeit und Ausdauer mobilisieren. Wir, die wir nur manchmal am Rande etwas helfen und meist bloß zuschauen können, sollten wenigstens als Publikum unseren kleinen Beitrag zur revolutionären Geduld leisten.
- Datum 07.08.2011 - 08:51 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 4.8.2011 Nr. 32
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hier mal ein Leserkommentar darauf hin, dass wir die Arabischen Revolutionen ehr im Licht von 1789 sehen sollten. Allein, mit historischen Vergleichen ist es immer sehr schwierig, in gewissem Sinne lernt man nichts aus ihnen, wenn man wirkliche Aufschlüsse über die Zukunft erwartet.
1789 stürzte Europa nämlich auch in ein Jahrhundert der Kriege, wenn wir das 19. Jh. nämlich, wie viele Historiker von 1789 bis 1918 sehen. Ob es einen arabischen "Napoleon" geben wird, der die islamische Welt mit 20 Jahren Krieg, Millionen von Toten und eben auch einem modernen Rechtssystem überziehen würde, ist jetzt reine Spekulation, wäre aber auch eine sehr gruselige Ausssicht.
Vielleicht sollte man aber auch vorsichtig schon mal ein paar Unterschiede herausarbeiten: so z.B. die unterschiedliche Rolle von Religion und Militär. In Tunesien und Ägypten bewirkte das Militär den Machtwechsel, in Syrien und Libyen würde der Machtwechsel gegen das Militär stattfinden. Die frz. Revolution war vor allem auch eine Militärreform, die Frankreich zur schlagkräftigsten Armee ganz Europas verhalf. Wie sähe da ein zeitgenössisches Pendant aus? Zum anderen ist die Religion in der islamischen Welt kein Angriffsziel, während die frz. Revolution das Ende der Kirchenmacht brachte. Gerade der Ramadan könnte z.B. den Aufständischen in Syrien den Sieg bringen,was keinesfalls zu einer Schwächung des sunnitischen Klerus führen würde. Historische Vergleiche bleiben also schwierige, aber hilfreiche Gedankenübungen.
meldet sich, dann in zwei drei Jahren nochmal und reflektiert dann nochmal diesen Artikel. Denn imho hinkt der Vergleich mit der frnaz. Revolution, denn anscheinend wird immer von den Experten ausgeblendet, dass es in Europa etwa 150-200 Jahre vorher Ereignisse gab, die es in dieser Form im islamischen Raum nicht stattgefunden haben und auch absehbar nicht stattfinden werden, die Reformation.
Leider wird die Rolle der Muslimbrüderschaft (Ägypten, Syrien) immer ausgeblendet, denen vorgeworfen wird, die Revolution verschlafen zu haben. Was sie nicht haben, sie sind gut organsiert, haben abgewartet und fangen langsam an Macht zu akkumulieren. Wenn die Machtübernahme passiert (erste Versuch werden die Parlamentswahlen in Ägypten sein, so sie stattfinden), dann kann sich der Westen warm anziehen und besonders für die Bevölkerung vor Ort wird Demokratie wahrscheinlich nur noch ein Fremdwort sein.
Leider geht der Autor auch nicht auf die erste islamische Revolution und ihre Folgen ein, die imho ein besseres Bildnis der zu erwartenden Folgen geben wird. Aber das Ereignis wird wahrscheinlich vor der Geburt des Autors liegen, damals wurden auch nach der Revolution säkuläre und revolutionäre Gruppen, die eine Gefahr für die sich etablierende Theokratie darstellten, eliminiert.
momentan gerade Innen- und Außenpolitik vermischt: aus Furcht, den islamophoben Verschwörungstheoretikern noch mehr "Munition" zu liefern, versucht man die kulturellen und sozialen Unterschiede zu ignorieren. Also schreibt man entweder von einer "Facebook"/Internet-Revolution (die sind ja eigentlich alle so wie wir) oder aber führt einen oberflächlichen Vergleich zur europäischen Geschichte durch, der die Unterschiede (notgedrungen auch aus Platzgründen) ignoriert. Immerhin ist mir letzterer Vergleich aber lieber als die naive Annahme einer "easy internet revolution".
Der "economist" versucht hier mal differenzierter auf die Rolle des Islam in der Revolution einzugehen:
http://www.economist.com/...
http://www.economist.com/...
(Ein gewisser "lashback" ist in jeder Revolution wahrscheinlich, er muss aber nicht notwendigerweise die monströse Größe eines "Napoleons" oder "Stalins" annehmen. Die US-Revolution konnte ja z.B. die Religion auch als positive Kraft einbinden.)
momentan gerade Innen- und Außenpolitik vermischt: aus Furcht, den islamophoben Verschwörungstheoretikern noch mehr "Munition" zu liefern, versucht man die kulturellen und sozialen Unterschiede zu ignorieren. Also schreibt man entweder von einer "Facebook"/Internet-Revolution (die sind ja eigentlich alle so wie wir) oder aber führt einen oberflächlichen Vergleich zur europäischen Geschichte durch, der die Unterschiede (notgedrungen auch aus Platzgründen) ignoriert. Immerhin ist mir letzterer Vergleich aber lieber als die naive Annahme einer "easy internet revolution".
Der "economist" versucht hier mal differenzierter auf die Rolle des Islam in der Revolution einzugehen:
http://www.economist.com/...
http://www.economist.com/...
(Ein gewisser "lashback" ist in jeder Revolution wahrscheinlich, er muss aber nicht notwendigerweise die monströse Größe eines "Napoleons" oder "Stalins" annehmen. Die US-Revolution konnte ja z.B. die Religion auch als positive Kraft einbinden.)
führte zur Wiedereinführung der Sklaverei und Vergasung von 100.000 Schwarzen in Schiffsräumen. Über 8 Mio Menschen starben in diesem Weltkrieg und Rassenverfolgung.
http://www.cicero.de/weltbühne/napoleons-dunkles-geheimnis/37256
Hoffen wir mal dass die arabische Revolution besser ausgeht.
Ich gehe davon aus, dass es die Sklaverei auch ohne die französische Revolution gegeben hätte. Die gab es ja auch vorher schon. Und Napoleon ist sicher kein Herrscher i. S. der französichen Revolution gewesen. So wie Stalin sicher auch kein Repräsentant der Ideen des Kommnunismus war, mit den Millionen Toten, die er zu verantworten hatte.
Die Sklaverei war schon abgeschafft als Napoleon sie wieder eingeführt hat. 1 Mio Tote soll das gekostet haben. Die freigelassenen Sklaven, immerhin 600.000 in Frankreich, hat er als Rassist nicht gerne gesehen und wußte dass es unmöglich sein würde sie zurück in die Sklaverei zu prügeln. Deshalb die Vergasung.
Sicher war kein Napoleon kein Demokrat, wie auch als Kaiser? Aber er ist durch diese Revolution an die Macht gekommen. Ähnlich wie das mit dem Bolschewismus ablief. Es kann nach der Revolution auch mal falsch laufen, Demokratie ist nie garantiert.
Ich gehe davon aus, dass es die Sklaverei auch ohne die französische Revolution gegeben hätte. Die gab es ja auch vorher schon. Und Napoleon ist sicher kein Herrscher i. S. der französichen Revolution gewesen. So wie Stalin sicher auch kein Repräsentant der Ideen des Kommnunismus war, mit den Millionen Toten, die er zu verantworten hatte.
Die Sklaverei war schon abgeschafft als Napoleon sie wieder eingeführt hat. 1 Mio Tote soll das gekostet haben. Die freigelassenen Sklaven, immerhin 600.000 in Frankreich, hat er als Rassist nicht gerne gesehen und wußte dass es unmöglich sein würde sie zurück in die Sklaverei zu prügeln. Deshalb die Vergasung.
Sicher war kein Napoleon kein Demokrat, wie auch als Kaiser? Aber er ist durch diese Revolution an die Macht gekommen. Ähnlich wie das mit dem Bolschewismus ablief. Es kann nach der Revolution auch mal falsch laufen, Demokratie ist nie garantiert.
der Weltöffentlichkeit. Der eine hat den Machtverlust hinter sich, der andere hat ihn noch vor sich. Der eine wird vielleicht noch von der Gnade des natürlichen Todes eingeholt werden, dem anderen droht mit großer Wahrscheinlichkeit lebenslänglich Gefängnis in Haag oder evtl. sogar die Hinrichtung.
Was der Autor unterschätzt, ist die Verfügbarkeit heutiger Kommunikationsmittel, die Gewalt heutiger Waffensysteme, die Dynamik heutiger Transportmittel und das angehäufte Wissen.
Diese Faktoren sind das Salz in der Suppe der arabischen Revolution.
Und dise Faktoren werden auch in der VRChina und anderen Diktaturen wirksam werden, wahrscheinlich sogar kurzfristig.
die Biege von der "arabischen Revolution" (ist das eine?) zur aktuellen Lage in China geschafft.
Mit der hoffnungsvollen Anmerkung, daß das "wahrscheinlich sogar kurzfristig" auch hier losgeht.
dborrmann, Sie wissen so wenig vom heutigen China.
die Biege von der "arabischen Revolution" (ist das eine?) zur aktuellen Lage in China geschafft.
Mit der hoffnungsvollen Anmerkung, daß das "wahrscheinlich sogar kurzfristig" auch hier losgeht.
dborrmann, Sie wissen so wenig vom heutigen China.
der artikel interpretiert in die volksbewegung, wie viele andere auch, eine politische dimension, die es nicht gibt.
es geht der mehrheit nicht um freiheit und demokratie.
sie wollen schlicht eine existenzgrundlage.
die perspektivlosigkeit der jungen menschen führt sie mit sozialen forderungen auf die strasse, nicht politischen.
den unfug interpretiert der mainstream ständig hinein.
sie wollen einen regimwechsel, das neue soll arbeitsplätze schaffen, ob mit oder ohne pressefreiheit, gleichberechtigung der frau, der religionen usw. ist sekundär.
und damit ist auch klar, dass dieser arabische frühling ins nichts abrollt.
die notwendigen arbeitsplätze zu sozialen befriedung sind nicht da, sie zu schaffen braucht konzepte die es nicht gibt und zeit, die die menschen nicht haben.
also marionettenwechsel, beruhigungspillen wie prozesse gegen böse, kleine diktaturkorrekturen.
eben so wie in ägypten.
die volksbewegung wurde ins leere geführt.
das wars erst mal.
momentan gerade Innen- und Außenpolitik vermischt: aus Furcht, den islamophoben Verschwörungstheoretikern noch mehr "Munition" zu liefern, versucht man die kulturellen und sozialen Unterschiede zu ignorieren. Also schreibt man entweder von einer "Facebook"/Internet-Revolution (die sind ja eigentlich alle so wie wir) oder aber führt einen oberflächlichen Vergleich zur europäischen Geschichte durch, der die Unterschiede (notgedrungen auch aus Platzgründen) ignoriert. Immerhin ist mir letzterer Vergleich aber lieber als die naive Annahme einer "easy internet revolution".
Der "economist" versucht hier mal differenzierter auf die Rolle des Islam in der Revolution einzugehen:
http://www.economist.com/...
http://www.economist.com/...
(Ein gewisser "lashback" ist in jeder Revolution wahrscheinlich, er muss aber nicht notwendigerweise die monströse Größe eines "Napoleons" oder "Stalins" annehmen. Die US-Revolution konnte ja z.B. die Religion auch als positive Kraft einbinden.)
Ich gehe davon aus, dass es die Sklaverei auch ohne die französische Revolution gegeben hätte. Die gab es ja auch vorher schon. Und Napoleon ist sicher kein Herrscher i. S. der französichen Revolution gewesen. So wie Stalin sicher auch kein Repräsentant der Ideen des Kommnunismus war, mit den Millionen Toten, die er zu verantworten hatte.
Im Ergebnis geb ich dem Herrn Ross recht. Aber ich frage mich, wieso man von Arabien redet wie von Deutschland oder von Ost und West. Machtbereiche z. B. Iran-Syrien mit Unterstützung Russlands und Duldung Chinas, Religiöse Feindschaften zwischen Sunniten, Schiiten, weniger mit Christen als noch anderen Strömungen.
Großstädtische "Bourgeoisie" und die Landbevölkerung, von deren Zugehörigkeit viel mehr wirtschaftliche Vorteile abhängen wie in den damaligen Blöcken.
Geduld auf jeden Fall, aber auch keine Suche nach schablonenhaften Lösungen sind m. E. angesagt. Und genaues Hinschauen, wer welchen Machthaber bekämpft und aus welchem Grund und wieviel Rückhalt der jeweilige im jeweiligen Volk hat. Sonst kommt auch der Gutwilligste zwischen die Fronten wie das Beispiel Afghanistan (zumindest was Deutschland angeht) und in Ansätzen auch Pakistan zeigen.
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