Die Anwälte von BP kamen schnell zur Sache. »Die Wirtschaft am Golf ist stark«, schrieben sie Anfang Juli an die Gulf Coast Claims Facility, den Entschädigungsfonds für die Opfer der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko . »Und abgesehen von sehr wenigen Ausnahmen, ist nicht davon auszugehen, dass die Antragsteller durch die Ölverschmutzung zukünftig Verluste erleiden werden.« Berechtigte Forderungen werde man zwar begleichen. Aber da sich Tourismus und Fischerei am Golf überraschend schnell erholt hätten, müssten die Schäden künftig »neu bewertet« werden.

Die Formulierung zeugt von einem Sinneswandel: BP will nicht mehr zahlen. Dabei hatte der britische Ölkonzern nach dem Untergang der Bohrplattform Deepwater Horizon im April vergangenen Jahres dem Entschädigungsfonds noch 20 Milliarden Dollar zugesagt, um Fischer, Hoteliers und Gastwirte zu entschädigen. Von dieser Summe hatte der Fonds bis Anfang Juli 4,5 Milliarden Dollar ausgezahlt sowie einige Hundert Millionen Dollar fest verplant. Nach dem Willen von BP soll es nun langsam genug sein. Der weitaus größte Anteil der unter dem Eindruck der Katastrophe großzügig versprochenen Summe verbliebe damit in den Kassen des Ölkonzerns.

Richtig ist: BP hat kein Geld zu verschenken. Nach dem Unglück machte das Unternehmen riesige Verluste . Auch andere große private Ölkonzerne wie Shell oder ExxonMobil sind verunsichert. Denn obwohl zuletzt das Geld wieder sprudelte und dank eines gestiegenen Ölpreises milliardenschwere Profite zu verzeichnen waren, sitzt Big Oil in der Klemme – auch ohne Katastrophen.

»Die großen internationalen Ölgesellschaften müssen sich auf eine unsichere Zukunft einstellen. Ihre Geschäftsmodelle haben Jahrzehnte funktioniert, aber jetzt stehen sie auf dem Prüfstand«, sagt Tobias Lewe, Rohstoffexperte bei der Unternehmensberatung AT Kearney. Die Zeiten werden härter, weil der Rohstoff knapp wird. Weil staatliche Ölgesellschaften den Unternehmen zunehmend Konkurrenz machen. Weil viele Förderländer von politischen Unruhen erschüttert werden. Und weil die Welt auf lange Sicht ohnehin wegwill vom Erdöl .

Für Big Oil stellt sich eine Frage von existenzieller Bedeutung: Wie verdient man in den nächsten Jahrzehnten eigentlich noch Geld mit einem Produkt, das alle am liebsten loswerden möchten?

»80 Prozent der Reserven liegen in den Händen der staatlichen Gesellschaften«

Das ist eine neue, ungewohnte Frage. Öl ist bis heute eine Geschichte von Reichtum und Macht. Ohne den leicht verfügbaren fossilen Treibstoff wäre der Unternehmer John D. Rockefeller wohl nie zum reichsten Mann der Welt aufgestiegen und die Industrialisierung im späten 19. Jahrhundert nicht in Schwung gekommen. Heute verbraucht die Menschheit stündlich die volle Ladung eines Supertankers der neuesten Generation. Bis 2035 dürfte der Bedarf nach Angaben der Internationalen Energieagentur trotz aller Sparbekenntnisse weiter steigen – vor allem wegen des wachsenden Wohlstands der Schwellenländer. Und so verwundert es auch nicht, dass sich unter den vier umsatzstärksten Konzernen der Welt drei aus der Ölbranche finden: Shell, ExxonMobil und BP. Zusammengenommen erzielen diese drei Firmen einen Umsatz, der das Bruttoinlandsprodukt von Australien übersteigt. Die Gewinne sind ohnehin beeindruckend. 2009, im Jahr vor der Katastrophe im Golf von Mexiko, machten die drei knapp 50 Milliarden Dollar Profit, das entspricht in etwa dem jährlichen deutschen Verteidigungshaushalt.

Aber die Probleme werden größer. Die Basis ihres Geschäfts – die Erschließung und Förderung von Öl – wird immer aufwendiger. Schon 2015 dürfte nach Berechnungen von Shell die herkömmliche Ölförderung aus Feldern, die dicht unter der Erdoberfläche liegen und verhältnismäßig einfach auszubeuten sind, den globalen Bedarf nicht mehr decken. Wozu das führt, lässt sich unter anderem in der kanadischen Provinz Alberta beobachten. Dort betreibt der Konzern am Athabasca River riesige Anlagen zur Ölgewinnung aus Teersand. Ende Juni gab Shell bekannt, seine Förderkapazitäten in der Region noch einmal drastisch ausweiten zu wollen. Die kanadischen Teersande bergen eine der größten Ölreserven der Welt.