Das Foto, das den Attentäter Anders Breivik mit dem Schurz der Freimaurer zeigt, elektrisierte alle Verschwörungstheoretiker: Hinter dem Anschlag muss eine Geheimgesellschaft stehen. Die Tempelritter? Die weltweit etwa fünf Millionen Freimaurer? Irgendetwas in der Art. Folgerichtig existiert die Vermutung, das Massaker in Norwegen sei Teil der »freimaurerischen Weltverschwörung«, an die Neonazis noch immer glauben. In seinem Manifest bestärkt Breivik diesen Eindruck und widerlegt ihn zugleich. Mehrfach nimmt er positiv Bezug auf die Freimaurer, die eine wichtige gesellschaftliche Rolle spielten, aber heute leider nur noch Hüter des kulturellen Erbes seien. Er wisse das, weil ihm seine Loge den vierten bis fünften Grad, also den des »erleuchteten« oder »vollkommenen« Meisters, angetragen habe. Doch er habe abgelehnt.

Es ist sicher, dass Breivik lügt. Denn seine Loge »St. Olaus der drei Säulen« in Oslo praktiziert die Johannisfreimaurerei. Die Johannisgrade sind: 1° Lehrling, 2° Geselle und 3° Meister. Hochgrade, wie im schottischen Ritus noch heute üblich, vergibt die Loge seit 1819 nicht mehr. Auch den Rang eines Andreasgesellen im Schwedischen Ritus – was einem fünften Grad entsprechen würde – kann Breivik nicht bekleidet haben. Denn der Osloer Loge »Andreas zu den flammenden Sternen« gehörte er ja nicht an. Das Foto kann sogar als Beweis dienen. Der Mörder posiert als Johannismaurer in blauer Uniform, nicht in dem für die »schottischen« Hochgrade typischen Rot.

Zweifelsfrei fühlte Breivik sich von den »Geheimnissen« der Freimaurerei angezogen. Die rund 5000 norwegischen Freimaurer vertreten jedoch ein aufgeklärtes Christentum, widmen sich karitativen Unternehmungen und pflegen elitäre Geselligkeit. Mystisch ist an dieser im evangelischen Europa verbreiteten Johannisfreimaurerei nichts. Und auch ihr Schwedischer Ritus, dem die Norweger angehören, ist nicht bekannt für einen politischen Gestaltungswillen. Anders agieren die Freimaurer des Alten und Angenommenen Schottischen Ritus, von denen es in den USA mehr als drei Millionen, in Norwegen jedoch nur verschwindend wenige gibt. In den Vereinigten Staaten war dieser Ritus zwischen 1870 und 1950 prägend für Politik und Gesellschaft. Seine Zeitschrift New Age vertrat einen unbedingten Fortschrittsoptimismus, und seine Mitglieder folgten Grundsätzen, die sie sich 1875 auf einem Konvent in Lausanne gaben. Sie verpflichteten sich, »gegen Unwissenheit in jeder Form und jedem Gewand zu kämpfen«, aber auch »den Gesetzen des Vaterlands zu gehorchen«, »ehrenhaft zu leben« und »den Nächsten zu lieben«.

Was Breivik beeinflusst haben könnte, ist die Berufung der »schottischen« Freimaurer auf den Märtyrerstatus des Hochmeisters der Tempelritter Jacques de Molay. Der wurde am 13. Oktober 1307 festgenommen und später nach einem äußerst fragwürdigen Prozess hingerichtet. Auf ihn bezieht sich Breivik mehrfach, ohne jedoch eine korrekte historische Einordnung vorzunehmen. Generell vertritt er die These, dass die Freimaurer die spirituellen Nachfahren der Tempelritter wären. Bei der Zerschlagung des Ordens hätten sie sich nach Schottland gerettet, wo sie ihr geheimes Wissen an die Freimaurer weitergaben. Spätestens mit den Thrillern von Dan Brown wurde diese Auffassung wieder populär. Trotzdem ist sie falsch. Denn zwischen den letzten Lebenszeichen des Ordens und den ersten Freimaurern auf der Britischen Insel liegen mehrere Generationen. In Frankreich, wo das angebliche Geheimwissen anders weitergetragen worden sein soll, sind es etwa 400 Jahre ohne jeden zuverlässigen schriftlichen oder archäologischen Beleg.

Mit seiner Behauptung, einen der »schottischen« Hochgrade abgelehnt zu haben, ordnet sich der Mörder in diese erfundene Tradition ein. Dasselbe bezweckt er mit seinem angeblichen hohen Rang bei den neuen Tempelrittern. Für den »Justiciar Knight Commander«, also einen allein operierenden hochrangigen Offizier, gibt es keine historische Parallele. Nur ein Psychiater kann feststellen, ob diese Selbstüberhöhungen eine kühl kalkulierte Propagandastrategie oder eine fatale Störung der eigenen Wahrnehmung sind. Die von Breivik konstruierte Traditionslinie zu Tempelrittern und Freimaurern ist auch inhaltlich falsch. Weder die einen noch die anderen teilten seine Gewissheit, einen Platz im Himmel zu erhalten. Tempelritter wie Freimaurer versuchten, sich Erlösung durch ein gottgefälliges Leben zu erarbeiten. Davon unterscheidet sich der Lebensstil, den Breivik für »heilige Ritter« des neuen Ordens einfordert, erheblich: Abkehr von der Familie, selbst gewählte Einsamkeit und Aufgabe aller Karriereambitionen. Besonders den weltzugewandten Freimaurern ist solche fanatische Askese fremd. Wie weit sich der Mörder von seinen Freimaurerbrüdern entfernt hat, zeigt das von ihm selbst präsentierte Foto: Die drei Rosen auf seinem Schurz stehen symbolisch für Licht, Liebe und – Leben.