RAFGefangen in der Geschichte

Wie Michael Buback von der Suche nach dem Mörder seines Vaters zermürbt wird. von 

Er will den Beweis. Jetzt, endlich, nach 34 Jahren. Michael Buback springt auf, als der Zeuge den Gerichtssaal verlässt, er folgt ihm hinaus auf den lichtdurchfluteten Gang und läuft schweigend neben ihm her. Fünf Meter gehen sie so nebeneinander, zehn Meter, ohne ein Wort. Buback will nicht reden. Er will nur sehen, wie groß der Mann ist. »Eine kleine Person« habe am Gründonnerstag 1977 auf seinen Vater, den Generalbundesanwalt Siegfried Buback, geschossen, vom Rücksitz des Motorrads, dem Sozius, aus. So sollen es Zeugen immer wieder ausgesagt haben.

Michael Buback ist 1,80 Meter groß. Wer auch immer der Mörder seines Vaters ist , er müsste kleiner sein. Jedenfalls wenn die Aussagen stimmen.

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Der Mann, neben dem Buback herläuft, ist Stefan Wisniewski. In der RAF nannten sie ihn »Fury«, die Furie. Wisniewski war an diesem Morgen als Zeuge vor das Oberlandesgericht Stuttgart geladen. Manche halten ihn für den wahren Mörder von Bubacks Vater. Auch die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen ihn, bislang ergebnislos. Nun sieht Michael Bubacks Ehefrau Elisabeth auf dem Gerichtsgang aus einiger Entfernung, dass »Fury« etwas größer ist als ihr Mann. Größer als 1,80 Meter. Gewiss keine kleine Person. »Seitdem«, sagt Michael Buback, »ist für uns klar, dass Wisniewski es nicht gewesen sein kann.«

Wer hat meinen Vater erschossen? Es gibt verschiedene Wege, wie Angehörige über den gewaltsamen Tod eines nahen Verwandten hinwegkommen. Jahrelang beschäftigte das Attentat die Familie Buback nur noch an den Gedenktagen. Sie versuchte, auf stille Weise den schmerzlichen Verlust des Vaters zu verarbeiten. »Wir hatten abgeschlossen mit der Sache.« Aber dann, vor vier Jahren, rief der Ex-Terrorist Peter-Jürgen Boock bei Buback an und sagte, keiner der dafür verurteilten RAF-Terroristen habe die Tat begangen. Seitdem treibt Buback diese Frage um. Er nahm den Faden auf und ließ ihn nicht mehr los. Die Suche nach dem wahren Mörder wurde zum Lebensinhalt. Längst geht es um mehr als die Frage: Wer schoss?

Seit vergangenem Herbst verhandelt der 6. Strafsenat des Oberlandesgerichts Stuttgart gegen die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker . Die heute 58-Jährige ist wegen Beihilfe zum Mord an Siegfried Buback angeklagt. 1980 wurde in der Sache schon einmal gegen Becker ermittelt, aber das Verfahren eingestellt, aus Mangel an Beweisen. Nun unternimmt die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, die Behörde, der Siegfried Buback einst vorstand, einen zweiten Anlauf . Die Bundesanwälte sind sich sicher, dass Becker diesmal unter Aktenzeichen 6-2 StE 2/10 verurteilt werden wird. Als Mittäterin. Nicht als Todesschützin.

Michael Buback ist der zweite Ankläger in diesem Fall. Der juristische Laie ermittelt, als wäre er selbst Bundesanwalt, wie einst sein Vater. Er hat die gleiche hohe Stirn, das gleiche runde Gesicht. Der Sohn hat die Zeugen von damals ausfindig gemacht, ist mit ihnen noch einmal alle Orte abgegangen. Er kämpft um sein Recht, zu erfahren, wer den Vater ermordet hat. Und er kämpft für den Rechtsstaat, in dem ein Mord nicht ungesühnt bleiben darf.

Michael Buback glaubt, die Wahrheit in diesem Fall zu kennen. Aber es ist eine völlig andere Wahrheit als die der Bundesanwälte. Buback ist jetzt sicher, dass eine zierliche Frau seinen Vater ermordet habe. Höchstwahrscheinlich Verena Becker. Mehr noch: Für ihn, so erklärt er, deute viel darauf hin, dass bis heute eine »schützende Hand« über Becker gehalten werde. Vermutlich weil sie mit dem Verfassungsschutz zusammengearbeitet habe. Und dies schon weit früher als bislang bekannt, vielleicht sogar schon vor der Tat 1977. Wussten die Behörden gar von dem bevorstehenden Anschlag? Es wäre ein Staatsskandal ohne Beispiel. Für Michael Buback ist die ungeheuerliche These längst »denknotwendig«, wie er sagt: »Die jetzt bekannt gewordenen Zeugenaussagen sprechen eine klare Sprache.«

Wie aber kommt es, dass die Bundesanwaltschaft diese Aussagen so völlig anders versteht als er?

Leserkommentare
  1. Auch wenn alle Welt weiß, dass Buback einen aussichtslosen Kampf kämpft - mein Respekt und meine Hochachtung ist ihm sicher. Aussichtslos, nicht nur wegen des lang zurückliegenden Tatgeschehens, sondern auch wegen des infamen Schweigekartells der Linksterroristen. Keine Reue, nichts. Kennen wir das nicht auch von Herrn Breivik?
    Aussichtslos aber auch wegen anderer, tatsächlicher merkwürdiger und ungeklärter Umstände.
    Es ist meiner Meinung nach kein Hirngespinst einer "schützenden Hand", sondern durchaus real und möglich, dass bestimmte Personen des öffentlichen Interesses damals wie auch heute ihre Hände im Spiel gehabt haben. Aber so wie Kurras enttarnt wurde, wird auch früher oder später hier die Wahrheit ans Licht kommen. Warum verweigern zB. Kohl und Schäuble Akteneinsicht bei der Stasi-behörde?
    Ich wünsche Herrn Buback weiterhin viel Kraft. Er wird sie brauchen...

    • nonidit
    • 08. August 2011 18:43 Uhr

    Es tut mir aufrichtig leid für Herrn Buback, dass er seinen Vater verloren hat, aber was da passiert ist schon beinahe krankhaft.

    Er hat "Beweise" wie eine Identifikation über einen Oberschenkel und vermutet einen Staatskomplott, das könnte alles von diversen Verschwörungstheoretikern kommen.

    Es wäre besser für ihn und seine Familie, wenn er das alles endlich auf sich beruhen lässt.

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    alles so hinnehmen, wie es einem serviert wird, nicht wahr?!
    Ich bewundere Menschen, die es wagen, das Undenkbare zu denken.
    Menschen, die nicht ruhen können, bis die WAHRHEIT zweifelsfrei bewiesen ist.
    Das sind nämlich die Menschen, die uns alle weiter bringen.
    Hätte es z.B. Galileo damals einfach mal gut sein lassen um des lieben Friedens willen...wer weiß, wo wir heute wären?!
    Schreckliche Vorstellung!

    Genau diesen Eindruck will der Artikel ja, mehr oder weniger unterschwellig, transportieren.

    Sie haben Ihre Lektion gelernt und sind ein braver Bürger, der denkt, was von ihm verlangt wird.

    Zum Glück ist Buback aus anderem Holz geschnitzt.

    Da Sie das offensichtlich nicht nachvollziehen können, berechtigt Sie noch lange nicht, mit Begriffen wie "Paranoid" oder "krankhaft" gegen das bürgerschaftsrechtliche Engagement Bubacks zu polemisieren.

    Bubacks Prozess geht uns alle an, denn viele, die wie er erstmals mit dem sogenannten "Rechtsstaat" in Berührung kamen, sind wie er, vom Glauben abgefallen

    falls es dir nicht aufgefallen ist, kein einziger mord der RAF dritte generation ist aufgeklärt.
    da ist man nicht paranoid, sondern muss nur den dreisatz beherrschen.
    so blind ist keine ermittlungsbehörde, außer es wird befohlen.

    und damit stellt sich zuert die frage, gab es die RAF dritte generation überhaupt oder war das nicht längst ein instrument der geheimdienste, die entschieden wo es lang ging.

    dabei bitte aber nicht an östliche denken ...

    • Cando
    • 08. August 2011 19:03 Uhr

    Sie schreiben auf der ersten Seite, Frau Becker würde als "Mittäterin" angeklagt - jedoch zuvor ist die Rede von "Beihhilfe zum Mord".

    Das sind juristisch zwei ganz unterschiedliche Begriffe:

    Der Mittäter ist der, der eine Tat mit einem anderen gemeinschaftlich begeht. Es würde also da gar keinen Unterschied machen ob Todesschützin oder nicht.

    Der Gehilfe ist lediglich ein Teilnehmer, der in irgendeiner Form Hilfe zur Tatbegehung leistet.

    Das Strafmaß ist hier jeweils ein ganz erheblich anderes.

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    • Cando
    • 08. August 2011 19:05 Uhr

    ... und die eigentliche Aussage sein sollte:

    Der Mittäter ist auch Täter und wird auch genauso bestraft.

    • Kometa
    • 08. August 2011 19:04 Uhr

    Bubacks... (requiescant in pacibus).

    • Cando
    • 08. August 2011 19:05 Uhr

    ... und die eigentliche Aussage sein sollte:

    Der Mittäter ist auch Täter und wird auch genauso bestraft.

  2. oder welche "Staatsräson" dahinter steht, wenn die Akten systematisch nicht freigegeben und "gemauert" wird, was eher für doch vorhandene erhebliche "Ungereimtheiten" spricht.

    Natürlich kann sich Herr Buback auch "verrannt" haben - aber dafür gibt es offensichtlich sehr viele Gründe, die möglichst nicht ans Licht der Öffentlichkeit kommen sollen.

    Ich wünsch Herrn Buback alles Gute auf seinem dornenreichen Weg.

  3. alles so hinnehmen, wie es einem serviert wird, nicht wahr?!
    Ich bewundere Menschen, die es wagen, das Undenkbare zu denken.
    Menschen, die nicht ruhen können, bis die WAHRHEIT zweifelsfrei bewiesen ist.
    Das sind nämlich die Menschen, die uns alle weiter bringen.
    Hätte es z.B. Galileo damals einfach mal gut sein lassen um des lieben Friedens willen...wer weiß, wo wir heute wären?!
    Schreckliche Vorstellung!

    Antwort auf "Paranoid"
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    • nonidit
    • 09. August 2011 13:39 Uhr

    dieser Mann nicht mehr nach der Wahrheit sucht, sondern krankhaft jemandem die Schuld geben will.

    Im Gegensatz dazu konnte Galilei seine Erkenntnisse zweifelsfrei beweisen und hat sich keinen Hirngespinsten hingegeben. Hier ist es genau andersrum, der Mann kann nichts beweisen, obwohl die Richter mit ihm kooperieren.

    • nonidit
    • 09. August 2011 13:39 Uhr

    dieser Mann nicht mehr nach der Wahrheit sucht, sondern krankhaft jemandem die Schuld geben will.

    Im Gegensatz dazu konnte Galilei seine Erkenntnisse zweifelsfrei beweisen und hat sich keinen Hirngespinsten hingegeben. Hier ist es genau andersrum, der Mann kann nichts beweisen, obwohl die Richter mit ihm kooperieren.

    Antwort auf "Mal besser..."
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    Alle Zeugen berichteten von einer kleinen zierlichen Person auf dem Sozius - möglicherweise eine Frau.

    Das sich fremde Geheimdienste, BND, Verfassungsschützer und Polizei nicht nur gelegentlich sehr tief in solche Szenen begeben und verstricken, was oft auch auf staatliche Ankläger (weisungsgebunden) und Richter durchschlägt, ist nun wirklich nichts neues und schon zigmal bewiesene Realität (nicht nur) in Deutschland.

    Die Frage bleibt, warum die diesbezüglichen Akten zur Klärung nicht offen gelegt werden. Solange dies nicht in nachvollziehbarer und vollständiger Form geschehen ist, bleibt der begründete Verdacht zumindest einer Duldung, der Mitwisserschaft oder gar Mittäterschaft staatlicher Stellen.

    Zumindest ähnliches gilt m.E. auch für die nicht aufgeklärten Ermordungen Rohwedders und Herrhausens, aber auch im Umfeld der Berliner Bankenkrise gab es mindestens einen Toten und was mit der Berliner Richterin Heisig wirklich geschehen ist - darüber kann man nur spekulieren.

    Das berühmte "qui bono" führt meist auf ein wichtige Fährte (wenn wirklich alle möglichen Nutzniesser ersichtlich berücksichtigt werden), bleibt aber natürlich ebenso immer spekulativ.

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