Es gibt Tätigkeiten, die Leidenschaft und Entschlossenheit erfordern. Dazu gehört das Reisen. Auch das Aufspüren und Sammeln belebter und unbelebter Objekte will mit Feuer betrieben sein. Wenn sich dann Fernweh mit wissenschaftlichem oder merkantilem Sammeltrieb paart, gibt es für die Betroffenen oft kein Halten mehr. Drei neue Bücher widmen sich solchen entflammten Reisenden, die abseits der wohlfeilen, glatten Bahnen in die fernen Winkel der Welt vordrangen: ungefedert, eigenverantwortlich und meist vom Kopfschütteln der Daheimgebliebenen begleitet.

Einer der vielseitigsten unter ihnen war der schwedische Zoologe Gustaf Eisen, dessen Interesse sich sowohl an kleinen Geschöpfen als auch an den großen Fragen der Menschheit befestigte und den seine überwältigende Neugier von Uppsala in den Wilden Westen, nach Südeuropa, Guatemala und Tasmanien trieb. Von Haus aus Regenwurmexperte, dehnte er sein Forschungsgebiet auf Meeresfauna und Botanik aus. In Kalifornien baute er Weintrauben an und produzierte im großen Stil Rosinen, züchtete Rosen und rettete die Mammutbäume im heutigen Sequoia National Park vor dem geplanten Kettensägenmassaker.

1940 starb Eisen in New York, »einer der eigentümlichsten Menschen, auf die ich jemals gestoßen bin. Möglicherweise auch einer der einsamsten«, schreibt Fredrik Sjöberg im Rosinenkönig über seinen Helden. Mit ihm teilt er die Gabe, »sich an kleinen Dingen, eventuell auch an gar nichts, zu erfreuen«. Denn auch Sjöberg ist ein »Sachensucher«, ein Bibliomane und Schwebfliegenexperte. Leichthändig verknüpft er das Leben des alten Schweden mit seinen eigenen Passionen. Ergebnis ist ein wundersames Buch der Aus- und Abschweifungen, das von dem Glück bedingungsloser Hingabe auch an das Zweckfreie erzählt.

Ganz zielgerichtet und zweckgebunden hingegen verfuhren die Menschen, als sie Tiere und Pflanzen zu Fernreisenden machten. Die Rede ist nicht von Plüschko in der Hundekiste oder der aus Japan geschmuggelten Clematis im Hartschalenkoffer, sondern von weltverändernden, logistischen Operationen, wie Birgit Pelzer-Reith sie in Tiger an Deck beschreibt. Columbus nahm Rinder und Pferde mit in die Neue Welt und brachte Meerschweinchen und Puter zurück. Captain Bligh verfrachtete die Brotfrucht in die englischen Kolonien. Die wertvollen Pflanzen verbrauchten so viel vom Trinkwasservorrat, dass die Mannschaft fast verdurstete. Der französische Abenteurer Pierre Poivre war geradezu besessen davon, Muskatnuss- und Gewürznelken-Setzlinge aus den Kolonien der Niederländer etwa nach Mauritius zu schmuggeln – geschickt genug, die drohenden drakonischen Strafen zu umgehen.

Ohne die Verwegenheit dieser Reiseprofis säßen die Deutschen wohl noch immer bei Dünnbier und Grützwurst im Wald. Denn schmackhafte und schöne Dinge, Kartoffel und Kaffeebohne, Zimt, Vanille, Rose und Rhododendron, haben alle einen Migrationshintergrund. Über die verbrannte Erde, die Pflanzenjäger im 19. Jahrhundert in den Tropen zurückließen, um das Orchideenfieber der Europäer zu stillen, geht die Autorin hinweg; dafür schreibt sie eindrucksvoll über die modernen, zum Himmel stinkenden Schlachtviehtransporte auf allen sieben Weltmeeren.

Auch Der große Fang handelt von leidenschaftlich Bewegten. Einige besitzen ein Boot, die meisten sind jedoch standorttreu, und nur der Schauplatz der Geschichten in dieser von Brigitte Heinrich herausgegebenen Anthologie wechselt: Sibirien, Japan, Chile, Neuseeland. 16 Autoren geben Auskunft über ihr Verhältnis zu Karpfen und Aal, Hummer und Wal, darunter Landeier wie Samuel Beckett, Seefahrer wie Francisco Coloane, Küstenbewohner wie Keri Hulme und Expeditionsleiter wie Thor Heyerdahl, der sich und seine Mannschaft mit dem Floß Kon-Tiki über den Pazifik treiben ließ.

Die stummen Fische umgibt ein besonderer Zauber, genährt von dem unergründlichen Element, das sie bewohnen. Deshalb spricht aus den meisten Texten mehr Respekt und Verehrung als Jagdtrieb oder Lust auf Bouillabaisse: der Fisch als Meeresgott und Schöpfer, als Todesbote oder Fabelwesen, das auch im 20. Jahrhundert noch Wünsche erfüllt. Nur der Journalist Christoph Schwennicke geht in seiner ironischen Typologie der Angler pragmatischer vor. Er unterscheidet zwischen Wettkampffischern, Großwildjägern und Materialfetischisten. So wirft er einen Stein in das mythische Geraune von Zeit und Ewigkeit, mit dem die Angler ihre Passion gern umnebeln.

Und gänzlich demontiert Thor Heyerdahl das Verhältnis zwischen Fischern und Gefischten, wenn er von den groben Späßen erzählt, die sich die Besatzung der Kon-Tiki im Jahr 1947 erlaubte: Als die Haie dem Floß folgten, begannen die Männer, einen Hai mit einem Wurstzipfel zu foppen, einen anderen am Schwanz zu ziehen. Das ist wohl nicht die feine Anglerart, aber es verkürzte eine Seereise, auf der die Langeweile über die Leidenschaft zu obsiegen drohte.