Neulich hat spät in der Nacht wieder einmal das Telefon geklingelt. Als er abnahm, wurden ihm schnell zwei Dinge klar: Es ging um einen heftigen Ehestreit, und man brauchte ihn als Schlichter, möglichst sofort. Er zog sich an, weckte seine Frau – in solchen Fällen sei es gut, sie dabeizuhaben, sagt er –, gemeinsam fuhren sie durch die Nacht zu dem streitenden Paar. Sie blieben bis in die frühen Morgenstunden, hörten zu, redeten, versöhnten. »Wir haben in dieser Nacht eine Familie gerettet«, davon ist Abdul-Jalil Zeitun überzeugt. Zeitun ist Imam in Osnabrück, er ist 63 Jahre alt, der kurze Bart beginnt grau zu werden, aber wenn er von seiner Arbeit als Imam erzählt, die nicht trennt zwischen Beruf und Privatleben, leuchten seine Augen wie die eines Kindes.

Er sitzt auf dem Sofa in seinem Wohnzimmer, an den Wänden hängen gerahmte Koranverse, in den Regalen stehen theologische Bücher in arabischer Sprache, im Fernseher laufen Nachrichten aus Syrien auf dem arabischen Kanal der BBC, Zeitun schaltet den Fernseher aus. Es sei schwer zu ertragen für ihn, was in Syrien gerade vor sich gehe. Zeitun kommt aus Damaskus, dort hat er Abitur gemacht und ist bei Islamgelehrten vier Jahre lang in die Lehre gegangen. Theologie hat den zweifachen Mekkapilger früh fasziniert, obwohl er eigentlich Ingenieur werden wollte. Deshalb kam er auch vor 40 Jahren nach Deutschland. Um an der Technischen Hochschule in Aachen zu studieren. Es ist dann anders gekommen, er heiratete, zog nach Osnabrück, begann mit einer Import/Export-Firma und als Immobilienkaufmann sein Geld zu verdienen. Und er fing an, als Imam zu arbeiten, ehrenamtlich. Das macht er bis heute.

Abdul-Jalil Zeitun ist einer von über 2.000 Imamen in Deutschland und doch eine Ausnahme. Denn er gehört zu den wenigen, die eine Weiterbildung für Imame an einer deutschen Universität besucht haben. Um mehr zu erfahren über das Land, in dem sie leben, um etwas zu lernen über zeitgenössische Religionspädagogik, auf Deutsch. Zwei Semester lang besuchte er die Weiterbildung der Universität Osnabrück. 30 haben daran teilgenommen, viel mehr hatten sich beworben. Sie ist eine Vorstufe für eine akademische Imam-Ausbildung an deutschen Hochschulen, nicht nur Osnabrück, auch Universitäten wie Tübingen und Münster richten theologische Islamstudiengänge ein. Ein Islam aus Deutschland ist im Werden.

Einige Imame seien skeptisch gewesen, sagt Zeitun, was sollen wir uns denn von Deutschen erklären lassen, hieß es. Das habe ihn gewundert und auch ein bisschen geärgert. Man müsse doch offen sein und immer dazulernen. » Ein Imam, der das deutsche Schulsystem nicht kennt – wie soll er den Kindern oder den Eltern, die zu ihm kommen und Fragen haben, einen Rat geben?«

Sein Sohn möchte Theologie studieren, dem Vater wäre Medizin lieber

Die große Mehrheit der in Deutschland arbeitenden Imame sind »Importimame« aus der Türkei. Sie leben nur für vier Jahre hier, sprechen kein Deutsch und kennen sich nicht aus in dem Land, in dem ihre Gemeindemitglieder zurechtkommen müssen. Dabei könnten Imame Schlüsselfiguren der Integration sein.

Als vor zwei Jahren die Diskussion um die Islamstudien in Deutschland begann, wurde die Wunschliste der Aufgaben, die ein Imam zu erfüllen habe, immer länger. Er sollte nicht nur Glaubensvermittler und Seelsorger sein, sondern auch Integrationslotse, Sozialarbeiter und Sicherheitsbeauftragter. »Man hatte den Eindruck, Deutschland sucht den Super-Imam«, erinnert sich Zeitun. Und was ist für ihn die wichtigste Aufgabe? Das A und O sei die Leitung des Freitagsgebets, sagt er. Natürlich hat er mehr Aufgaben: die Seelsorge, er muss religiöse Trauungen vornehmen, Bestattungen; besonders wichtig sei ihm die Arbeit mit Jugendlichen. Ein Imam solle ihnen die Religion nahebringen und sie auch mit erziehen, sagt er. »Man muss sich um sie kümmern, ihre Herzen gewinnen«, sagt Zeitun, damit sie nicht selbst ernannten salafistischen Predigern mit ihrem verschrobenen Islambild auf den Leim gingen. Bevor er weitererzählt, möchte Zeitun die Moschee zeigen, seine Moschee, den Raum hat er vor Jahren mit Freunden gekauft. Er nimmt den Wagen seines Sohnes. Der Sohn würde eigentlich auch gerne Imam werden, erzählt er, während er durch Osnabrück fährt. Einerseits freue ihn das, andererseits wäre es ihm recht, er würde nach dem Abitur etwas studieren, mit dem er auch Geld verdienen könnte. Vielleicht Medizin oder Ingenieurwesen. Denn noch ist nicht klar, wie die in Deutschland ausgebildeten Imame einmal bezahlt werden sollen. So etwas wie eine Kirchensteuer für Muslime gibt es nicht, die Imame müssen mit Spenden aus der Gemeinde auskommen. Für Akademiker sei das zu wenig, sagt Zeitun. Eine Ausnahme bilden türkische Imame, die bei Ditib angestellt sind, sie verdienen als Angestellte des türkischen Staates angemessen.