Früher, sagt sie, sei sie eine andere gewesen. Still und einsam. Nie in ihrem Leben habe es genug Geld, genug Liebe gegeben. Bis sie mit 18 auf eine Bühne trat und sang. Männer brachten Blumen, und sie merkte: Es ist alles ganz einfach.

Ein Samstagabend, die Luft ist sanft wie Seide. Wen Jing, 24, trägt einen Rock, so kurz, dass er ihre Strumpfbänder erkennen lässt. Sie hat sich die Lippen rot angemalt, an ihrer Handtasche baumelt ein Anhänger »I am a lovaholic«. Wen will ins Baba, sie will immer ins Baba, weil es »the highest club« ihrer Heimatstadt Chengdu ist. Kurz vor der Tür zieht sie den Kamm aus der Handtasche, streicht damit über ihr Haar und sagt: »Wetten, dass alle nur mich wollen? Zehn Männer am Abend, Minimum.«

Und wer weiß, vielleicht will ja einer sie heiraten, einer, der Geld und Erfolg hat, vielleicht hat er genug von seiner Frau und will stattdessen: sie. Einst war Wen eine Konkubine, eine Mätresse verheirateter Männer, sie würde es auch wieder sein. »Aber nur wenn Aussicht auf Hochzeit besteht.« Heirat ist letztlich das Ziel jeder Konkubine.

Sie segelt durch die Tür, sie ist jetzt eine andere, sie strahlt. Im Club tanzen Frauen, schönere als Wen, keine aber versteht sich wie sie auf die Verführung. Da ist nichts Angestrengtes in ihrem Verhalten, sie entfaltet ihre Kunstfertigkeit mit der schlafwandlerischen Sicherheit einer Tänzerin. Der DJ spielt I wanna be a billionaire, und sie tanzt.

Ihr Blick geht zur Seite, zu einem Mann an der Bar, sie schlägt die Augen auf, nur einen kurzen Moment, es liegt so viel darin – ich werde dich fliegen lassen, traust du dich denn? Sie lächelt, ihre Zungenspitze blitzt kaum sichtbar hervor. Er starrt sie an, sie wendet sich ab, lässt ihn zappeln. Es dauert keine fünf Minuten, und sie flirtet mit vier Männern gleichzeitig, so wie ein versierter Tischtennisspieler vier Aufschläge in kurzen Abständen schafft, bei jedem Ball Richtung, Drall und Tempo kontrollierend. Einer der Männer, groß, Brille, Ende 30, unscheinbar, ist genau ihr Typ. Er trägt nicht groß auf, und doch wirkt er, als ob er Geld haben könnte.

Viele Reiche und Mächtige amüsieren sich im Baba, überall stehen Aufpasser herum, die darauf achten, dass keiner ein Foto macht. Die Reichen und Mächtigen sind Wen Jings Zielgruppe. Hier in Chengdu, der Hauptstadt der Provinz Sichuan im Südwesten Chinas, trifft man sie überall. Nirgends im Land verkauft Louis Vuitton mehr als hier. Vor drei Jahren erschütterte ein gewaltiges Erdbeben die Provinz, seither trägt keiner mehr sein Geld auf die Bank. Sie wollen leben, im Hier und Jetzt. Im Baba schmiegen sich atemberaubend schöne Frauen an ältere Männer, die jungen Männer beachtet keine. »Sie haben keinen Erfolg«, sagt Wen, »und wer keinen Erfolg hat, ist nicht attraktiv.«

Ihre Männer waren erfolgreich. Der Erste war ein Geschäftsmann aus Peking, er machte in Immobilien. Sie war 18, er 37. »Ich suche nur eine Geliebte«, sagte er. »Es war die unschuldigste Liebe meines Lebens«, sagt sie. Er mietete eine Wohnung, gab ihr im Monat bis zu 30.000 Renminbi Taschengeld, umgerechnet mehr als 3.000 Euro. Nummer zwei war geschieden, er hatte einen Kleiderhandel und schenkte ihr teure Garderobe. Nummer drei, verheiratet, auch er in der Immobilienbranche, spendierte ihr die Anzahlung für eine Wohnung. Wen Jing braucht die Männer nicht, um zu überleben. Sie verdient mehr als 2.000 Euro im Monat, ein gutes Gehalt. Erst arbeitete sie als Sängerin in Bars, heute vertreibt sie chinesische Heilmittel.

Sie findet aber, ein Mann solle ihr »Leben verbessern«. Wen sucht in Männern auch den Vater. Ihrer brannte durch, weil es eine andere gab. Er ließ sich verleugnen, als Wen als Jugendliche im Krankenhaus lag, er wollte die Rechnung nicht bezahlen. »Als Kind mangelte es mir an Liebe, jetzt suche ich danach.« Nach einem, der sie behandelt, als sei sie das Kostbarste auf der Welt. »Der mich verwöhnt, als sei ich ein Kind.« Sie sucht im Internet, in Bars, im Nachtleben, sie fragt jeden, ob er ihr nicht »jemand Erfolgreichen« vorstellen könne. Sie lernt viele Männer kennen, »doch wenn mir eine Kleinigkeit nicht gefällt, suche ich gleich den Nächsten«.

Privatdetektiv Wei heißt auch "Konkubinenkiller"

Wenn eines stetig ist im Leben von Wen, dann ist es der Wandel. Ihr Gesicht kann sich in Sekunden verändern. Eines Abends singt sie im Wohnzimmer eines Freundes, ihr Ausdruck wird so sinnlich dabei – kaum fertig, triumphiert sie. »Tolle Stimme, oder? Sagen alle. Meine Haut ist so schön, weiß wie die einer Europäerin. Und mein Humor ist besonders ausgeprägt.« Zwischen Zuneigung und Hass liegen Augenblicke. Sie wird uns, Reporterin und Fotografin, abends vor dem Club anschreien: »Lasst mich in Frieden«, um uns nach durchgemachter Nacht am Morgen anzurufen: Sie wolle uns unbedingt sehen. Abends lacht und tanzt sie, morgens sagt sie: »Warum ist das Leben nichts als Leid?«

Mag sein, dass Wen Jing perfekt in diese Zeit des Umbruchs passt. Sie hatte nicht die besten Karten im Leben. »Hätte ich eine bessere Kindheit gehabt, hätte ich jetzt einen PhD.« Doch hält sie sich nicht lange damit auf. Sie holt aus dem, was ist, das Beste heraus. Alles könnte eine Chance sein. Vielleicht sogar der Detektiv, den sie vor zehn Tagen über eine Heiratswebsite kennenlernte.

Privatdetektiv Wei Wujun ist fast am Ziel. In dem Wohnblock dort lebt die Konkubine, die er beschattet, in der Tiefgarage steht ihr Wagen. An den will er ran, doch blockiert ein Wachmann das Tor. »Wer sind Sie? Ich kenne Sie nicht.« Wei weiß, was er tun muss. Er macht den Job seit 18 Jahren, sie nennen ihn den »Konkubinenkiller«. »Jeder kennt mich, ich bin der Immobilienmakler, lassen Sie uns gemeinsam reingehen, ich will mir das Anwesen anschauen.« Der Wachmann gibt nach, Wei lullt ihn ein mit einem Schwall aus Nebensächlichkeiten, bis er wie nebenbei fallen lässt: »Ich gehe in die Tiefgarage, mal sehen, wie das Telefonnetz dort ist. Gehen Sie schon mal vor.« Sekunden später hat er das GPS-Gerät unter der Limousine der Konkubine angebracht. »Kleinere GPS hat nur die CIA«, flüstert Wei, »und jetzt nichts wie raus.«