Fatima ist dick, man kann es nicht anders sagen. Ihre Abaya, das schwarze Gewand der arabischen Frauen, spannt über ihrem Bauch. Ihr vom Kopftuch gerahmtes Gesicht wirkt noch jung, aber wie gepolstert. Es bildet sich ein Schweißfilm darauf, obwohl sie nur dasitzt auf ihrem vier Meter langen Sofa und plaudert und eine Klimaanlage die Luft in ihrer Villa auf 22 Grad kühlt.

Ihr Gewicht bekümmert Fatima, dem Rest der Welt könnte es egal sein – warum isst sie auch so viel? Doch so zu denken ist womöglich ein Fehler. Ein Fehler, so groß, wie es einer war, schon vom Klimawandel zu wissen, ihn aber Jahr für Jahr zu ignorieren.

Fatimas Bauch ist ein Sinnbild für das nächste von Menschen gemachte Unheil. Überall auf der Erde werden Menschen viel zu schnell viel zu schwer, doch nirgends so schnell wie am Persischen Golf, wo Fatima mit ihrer Familie im Emirat Schardschah lebt, gleich neben Dubai. Nirgends haben sich Wohlstand und Fortschritt so von der Gesundheit ihrer Nutznießer entkoppelt wie hier in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ein Blick in Fatimas Welt kann ein Blick in die Zukunft der Menschheit sein.

Ihre jüngste Tochter reicht Fatima ein Kosmetiktuch. Verlegen tupft sie sich das Gesicht ab. Ist es der hohe Blutdruck? Nein, ach was, sie lacht, wehrt ab, der sei wieder normal. Sie bietet Säfte an, Trauben, Mokka und einen Berg süßer Teigkringel, von denen sie die Finger lässt, neuerdings.

Das Unglück, das zu viel Fett in ihrer Familie wie in Abermillionen anderer auf der Erde anrichtet, bricht nicht wie eine Schlammlawine, ein Erdbeben, ein Tsunami über seine Opfer herein. Die Katastrophe bahnt sich in den heimischen Küchen an, beim Drive-in der Fast-Food-Restaurants, beim Griff in die Tiefkühltruhen der Supermärkte, beim Ruf nach dem Pizza-Service. Sie ist, anders als in den USA, nicht mal augenfällig an den Körpern hier, weil sie in formloser Kleidung stecken, in Gewändern und Tüchern, unter Schwarz und Weiß, das einst Schutz gegen Sand und Hitze bot und jetzt gegen abschätzige Blicke. Die Katastrophe tut auch nicht weh, nicht sofort, sie schleicht sich ein, bei Fatima mit Müdigkeit, Kurzatmigkeit und Schmerzen im Knie. Sie kann enden in einem frühen Herztod oder einem Leben als Stoffwechselkranker mit Durchblutungsstörungen, Nierenleiden, Depressionen, Erblinden. 

Weltweit ist ein Körperwandel im Gange, dessen Auswirkungen nicht absehbar sind. The Lancet, ein Fachmagazin für Medizin, berichtet, dass sich die Zahl der Fettleibigen seit 1980 verdoppelt hat. 500 Millionen Menschen wiegen jetzt nicht nur zu viel, sondern viel zu viel. Das heißt: eine Frau von 1,60 Meter über 77 Kilogramm, ein Mann von 1,80 Meter mehr als 98.

Es ist wie beim Klimawandel: Die Opfer der Katastrophe sind gleichzeitig ihre Urheber.