Dicken in Deutschland wird der Alltag oft zur Qual – nicht nur wegen ihres Übergewichts, sondern auch wegen der Reaktionen darauf. Als ein Mitglied der Hamburger Selbsthilfegruppe Dicke Freunde neulich im Supermarkt Süßigkeiten kaufte, fragte die Kassiererin spitz: »Ist das alles für Sie?« Eine andere Frau aus der Gruppe hatte sich gerade dazu durchgerungen, abzunehmen, und sich in einer Rehaklinik angemeldet – da kam eine Absage mit der Begründung, das Mobiliar sei für ihr Gewicht nicht stabil genug. Und unerbetene Ratschläge von Familie und Freunden kennen fast alle: »Friss doch nicht so viel!«

»Das Schlimmste ist die Diskriminierung«, sagt Ingrid Hergeselle, die die Hamburger Gruppe leitet. Adipositas-Patienten, von denen einige mehr als 200 Kilogramm wiegen, tauschen sich in der Runde aus. »Viele leiden so sehr unter der Ablehnung, dass sie sich selbst gesellschaftlich ausgrenzen«, sagt Hergeselle.

Mehr als jeder zweite Deutsche ist übergewichtig, jeder fünfte adipös. Das ergab die Nationale Verzehrsstudie II , eine umfassende Untersuchung der Körpermaße und Essgewohnheiten der Deutschen, die das zum Bundeslandwirtschaftsministerium gehörende Max Rubner-Institut 2008 veröffentlichte. Als übergewichtig gilt, wer einen Body-Mass-Index von mindestens 25 hat, von Adipositas spricht man ab einem Wert von 30. Der Index beschreibt das Verhältnis des Gewichts zur Körpergröße. Die Zahl der Übergewichtigen und Fettleibigen ist in den vergangenen Jahren in Deutschland kontinuierlich gestiegen, sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern. Besonders viele Dicke gibt es in den sozial schwächeren Schichten, hat die Studie ermittelt. Je höher der Schulabschluss und das Einkommen, desto besser der Body-Mass-Index, bei Männern wie bei Frauen. 

Offiziell darf in Deutschland niemand diskriminiert werden, weil er dick ist. Nach Artikel 3 des Grundgesetzes sind alle Menschen vor dem Gesetz gleich. In der Praxis werde das Gleichbehandlungsgebot jedoch oft unterlaufen: »Wenn zu einem Bewerbungsgespräch mehrere Kandidaten eingeladen sind, bekommt fast immer ein Dünner die Stelle, so gut wie nie derjenige, der 170 Kilo wiegt«, sagt Christel Moll, Vorsitzende des Adipositas Verbands Deutschland , in dem Selbsthilfegruppen aus ganz Deutschland organisiert sind. »Die Personalchefs schieben dann eine andere Begründung vor, geben den abgelehnten Bewerbern aber manchmal zu verstehen, was der wirkliche Grund ist.«

Es gibt allerdings Branchen, in denen Arbeitgeber Bewerber wegen Übergewicht ablehnen dürfen, etwa wenn die Sicherheit anderer gefährdet ist. Das Bundesarbeitsgericht hat die Kündigung eines stark übergewichtigen Bademeisters für rechtens erklärt, weil er unter Umständen nicht in der Lage wäre, Ertrinkende zu retten. »Oder wenn ein Busfahrer wegen seines Übergewichts an Bluthochdruck leidet, könnte der Arbeitgeber argumentieren, dass sein Risiko für einen Herzinfarkt erhöht ist und er daher keine anderen Menschen befördern sollte«, sagt Professor Jens Schubert, Leiter der Rechtsabteilung der Gewerkschaft ver.di. Dies könne ein Grund sein, einen Bewerber nicht einzustellen.

Öffentliche Arbeitgeber untersuchen jeden Bewerber sehr gründlich, ehe sie ihn verbeamten, denn Beamte sind unkündbar. »Deshalb ist es die Aufgabe eines Amtsarztes, abzuschätzen, ob jemand langfristig dienstfähig sein wird«, sagt Thomas Menn vom Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes. »Natürlich kann ich nicht mit Sicherheit sagen, wer gesund bleiben wird und wer nicht, aber ich kann Risikofaktoren benennen.« Und wer adipös ist, hat ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und andere Leiden.