ZEITmagazin: Meine Herren, die beiden Fragesteller haben sich vor dem Gespräch ein bisschen gestritten über die Frage »Ist das Leben als Fußballprofi ein Traumjob oder die Hölle?«. Herr Müller-Wirth meint: Traumjob! Meist nur einmal am Tag trainieren, tolles Gehalt, viel Freizeit! Frau Emcke sagt: Hölle! Eiserne Disziplin, keine Partys und dauernde Beobachtung durch die Boulevardmedien. Was stimmt denn nun?

Mats Hummels: Die Wahrheit liegt, wie immer, in der Mitte. Du wirst bewertet von zigtausend Leuten, die nicht unbedingt alle etwas von Fußball verstehen...

ZEITmagazin: ...wenn das alles ist...

Hummels: ...das gehört jedenfalls zu den eher negativen Seiten. Zu den positiven gehört, dass wir wirklich nur einmal am Tag trainieren. Das ist, verglichen mit anderen Berufen, ein Luxus. Andererseits gibt es Phasen, in denen wir 14 Tage in Hotels leben...

ZEITmagazin: 14 Tage in Luxushotels? Da kann man sich auch schlimmere Strafexpeditionen vorstellen.

Hummels: ...dann sehen wir unsere Freundinnen, Frauen, Freunde nicht.

ZEITmagazin: Das klingt verdammt erwachsen. Ihre Generation gilt als sehr reif, sehr professionell. Es fehlen Geschichten über nächtliche Ausbrüche aus dem Trainingslager, Saufgelage, alles, womit frühere Spielergenerationen von sich reden machten. Und junge Menschen Ihres Alters normalerweise auch.

Marcel Schmelzer: Da kann ich, glaube ich, was beisteuern. Wir waren vor Kurzem bei einem Konzert, ein paar Spieler unserer Mannschaft.

ZEITmagazin: Das gilt schon als gewagt?

Schmelzer: Mal langsam, ich erkläre das gern. Es ging um einen deutschen Rapper.

ZEITmagazin: Und?

Schmelzer: Das wäre nicht so angenehm gewesen, wenn das rausgekommen wäre.

ZEITmagazin: Weshalb?

Schmelzer: Weil wir auch eine Vorbildfunktion haben für die Jüngeren.

ZEITmagazin: Wo ist das Problem?

Hummels: Die Texte.

Schmelzer: Wenn wir da stehen und die Texte mitsingen, die ja nicht immer politisch korrekt oder jugendfrei sind, und dann ist das am nächsten Tag auf YouTube, weil irgendeiner das mit dem Handy aufgenommen hat – dann ist das ein Problem. Das musst du bedenken. In dem Moment habe ich nicht darüber nachgedacht. Es ist gut gegangen, man hat uns nicht erkannt. Aber ich würde es nicht wieder machen.

ZEITmagazin: Deshalb möchten Sie auch den Namen nicht sagen?

Schmelzer: So ist es.

Mario Götze: Man könnte jetzt denken, das ist übertrieben: all die Freizeit, der Spaß – und dann noch jammern. Natürlich freuen wir uns immer, Fußball spielen zu können. Aber es gibt auch Momente, wo jeder Fußballer sich nichts sehnlicher wünscht, als einmal unbeobachtet zu sein oder Zeit für sich allein zu haben. Ständig aufpassen zu müssen, in der Öffentlichkeit nicht über die Stränge zu schlagen, ist das eine. Das andere ist: Jeder Mensch, dem du dich näherst, lernt dich als Promi kennen. Da können kaum neue echte Freundschaften entstehen. Es sind eben zwei Seiten unseres Berufs, eine, die man liebt, und eine, die man hasst.

ZEITmagazin: Auch, weil Sie viel erwachsener sein müssen, als Sie in Wirklichkeit sind?

Götze: Der Druck ist enorm. Wir stehen vor der Saison. Und wir wissen, wenn es die ersten vier, fünf Spiele nicht gut läuft, dann wird diskutiert und geredet. Die Erwartungshaltung wird von außen herangetragen, und wir müssen sie erfüllen. Da gibt es kein Entkommen.

ZEITmagazin: Und träumen Sie manchmal davon, auszubrechen?

Götze: Natürlich, ich bin gerade 19 geworden und würde schon gern Dinge machen, die andere auch machen in meinem Alter. Das ist nicht möglich.

ZEITmagazin: Zum Beispiel?

Schmelzer: Irgendwo hingehen, ohne dass irgendwer an irgendeine Zeitung ein Foto verkauft. Ich glaube, das ist schon das beste Beispiel.