Auf etwa 1000 Regalmetern stehen 36.000 Bände: Vom Krimi bis zu Fontanes gesammelten Werken © Susanna Oksanen

Der Esplanadi-Platz ist das glitzernde Zentrum von Helsinki: gepflegter Rasen und alte Bäume in der Mitte, gepflegte Geschäfte und hohe Preise in den prächtigen Gebäuden rundherum. Und alle paar Meter ein hell getünchter Steinpavillon, aus dem Getränke verkauft werden. Der Esplanadi hat aber auch eine Rückseite. Man erreicht sie über das Sträßchen Fabianinkatu. Hier liegt der kleine Kasarmintori, ein Platz mit schmucklosem Pflaster und nur einem einzigen Kaffeepavillon. Gegenüber befindet sich der Eingang zu einer Entdeckung. Hinter dem Jugendstilportal, das an einen aufgerichteten Sarg erinnert, nimmt man einen rumpelnden Gitterlift und fährt hinauf in die Deutsche Bibliothek Helsinki.

Die Deutsche Bibliothek Helsinki ist alt. In diesem Mai feierte sie ihren 130. Geburtstag, Festredner war Joachim Gauck. Hervorgegangen ist sie aus einem privaten Lesering einiger deutscher Familien in Helsinki, die im 19. Jahrhundert Bücher in ihrer Muttersprache erwarben und sie einander ausliehen. Als etwa sechzig wertvolle Bände beisammen waren, beschloss man, diese der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Gabriele Schrey-Vasara heißt die Frau, die das alles erzählt. Seit 22 Jahren ist sie hier Bibliothekarin, seit 30 Jahren übersetzt sie aus dem Finnischen. In den letzten Jahren etwa die gefragten Krimis von Leena Lehtolainen oder Matti Rönkä. Als sie noch Schülerin in Deutschland war, erzählte ihr ein Lehrer, dass man Finnisch nicht lernen könne – viel zu kompliziert. Sie studierte die Sprache trotzdem, zog vor gut dreißig Jahren nach Helsinki und herrscht heute über die 36000 Bände der Deutschen Bibliothek. Die Einrichtung steht allen interessierten Bewohnern und Besuchern der Stadt offen. Kostenlos können sie hier Bücher oder deutschsprachige Zeitungen lesen. Um etwas auszuleihen, müssen sie lediglich eine Adresse angeben und den Anstand besitzen, die Bücher rechtzeitig wieder zurückzubringen. 

Die Bibliothek hat eine wechselvolle Geschichte. In den 1920er Jahren wurde die Sammlung des Lesekreises mit zwei anderen deutschen Büchersammlungen zur "Deutschen Bücherei" zusammengelegt und in den dreißiger Jahren der nationalsozialistischen "Organisation Deutsche Kolonie" angegliedert. Nach den Bücherverbrennungen in Deutschland mussten auch in Helsinki die Werke verfemter Autoren aussortiert werden. Sie wurden aber nur teilweise vernichtet, sodass man hier Ausgaben finden kann, die es vielleicht in Berlin oder München gar nicht mehr gibt. Im Herbst 1944 schloss die Bibliothek, deutsche Institutionen wurden in Finnland verboten. Die Bestände lagerte man in Kellern. Erst 1955 kaufte die Deutsche Gemeinde die heutigen Räume der Bibliothek. Mit einem Darlehen der jungen Bundesrepublik Deutschland richtete sie sich in der herrschaftlichen Wohnung ein, dem früheren Heim eines Insektenkundlers. Gerade einmal 9000 Bände waren damals vorhanden – ein Viertel des gegenwärtigen Bestandes.

Die eng stehenden Bücherregale bilden lange Fluchten, die einen in die verwinkelten Räume einzusaugen scheinen. Auf etwa tausend Regalmetern reihen sich Nachschlagewerke, belletristische und literaturwissenschaftliche Veröffentlichungen. Besondere Kostbarkeiten werden mit bescheidenem Stolz in Vitrinen an den Stirnseiten der Regale ausgestellt. Etwa eine fast komplette Sammlung der Insel-Bücherei in Erstausgaben, angefangen mit Bändchen Nummer eins aus dem Jahr 1912: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke von Rainer Maria Rilke. Fortlaufend werden Neuerscheinungen aus dem gesamten deutschen Sprachraum angeschafft. Dafür sorgt Gabriele Schrey-Vasara. "Hin und wieder sind auch Verlagsspenden darunter", sagt sie. Erst vor Kurzem kam wieder eine Kiste mit Schweizer Neuerscheinungen von der eidgenössischen Kulturstiftung Pro Helvetia. Für Kriminalromane und Hörbücher, in letzter Zeit stärker nachgefragt, wurden vor einigen Jahren sogar neue Abteilungen angelegt. Die Bibliothek geht mit der Zeit. Aber ihre Wurzeln vergisst sie nicht.

Oase für Buchliebhaber

In diesem Haus am Kasarmin-Platz befindet sich die Bibiothek © Susanna Oksanen

Immer wieder ertönt das Schnarren der altertümlichen Türklingel und kündigt einen neuen Besucher an. Rund vierhundert regelmäßige Nutzer hat die Bibliothek. Es sind Auslandsdeutsche, Sprachstudenten und finnisch-deutsche Familien. Oder Menschen wie der deutsche Schriftsteller und Übersetzer Stefan Moster, der die Bibliothek vor Jahren als Student kennenlernte und bis heute regelmäßig kommt. Seit neun Jahren lebt der gebürtige Mainzer in der Nähe von Helsinki. "Ich finde es gut, dass ich in einer Stadt wohne, wo ich die Hand auf den gesamten Fontane legen kann", sagt er und breitet zärtlich den Arm über die Fontane-Gesamtausgabe. Wie fast alle Bücher des Bestandes steht sie zur freien Benutzung im Regal.

Als deutscher Autor in Finnland nutzt Moster die Bibliothek nicht nur, um den heimischen Markt der Neuerscheinungen zu beobachten. Er braucht sie auch als riesiges Nachschlagewerk für komplizierte Übersetzungsfälle. Deshalb steuert er meist die hinteren Regale der literaturwissenschaftlichen Abteilung an. Tatsächlich wurde die Bibliothek nach ihrem Neuanfang im Jahr 1955 als literaturwissenschaftliche Bibliothek angelegt. Sie ist zu einer Fundgrube deutscher Literatur aus 130 Jahren geworden.

Am Fenster zwischen den Abteilungen "Musikgeschichte" und "Jugendliteratur" stehen zwei schmale Lesetische mit Messinglämpchen des finnischen Designers Alvar Aalto aus den fünfziger Jahren. Dort kann man sich in die Lektüre vertiefen, wenn es am Tisch im Lesezimmer zu lebhaft wird. Auf dieses Zimmer vorn beim Eingang ist Gabriele Schrey-Vasara besonders stolz: Die 4000 Bände der Fennica-Sammlung bedecken die Wände. "Alles, was an finnischer Literatur ins Deutsche übersetzt wurde oder auf Deutsch über Finnland geschrieben wurde, haben wir vollständig da", sagt sie. Anders als im belletristischen Bereich werden Fennica-Bücher nicht aussortiert, wenn das Interesse erlahmt. Darum findet man hier nicht nur Professor Knud Leems Nachrichten von den Lappen in Finmarken, ihrer Sprache, Sitten, Gebräuche und ehemaligen heidnischen Religion von 1717, sondern auch Kurioses wie den Bildband Finnlands kämpfende Hengste und Raritäten wie den ersten finnischen Roman Die Sieben Brüder von 1870 – in berndeutscher Übersetzung.

2007 bekam die Deutsche Bibliothek Helsinki den "Kulturpreis Deutsche Sprache" verliehen. Seither steht die Trophäe, ein gläsernes Ungetüm, auf einem der Karteikästen im Bürozimmer. Dieser Preis hat die Bibliothek gerettet. Vor fünf Jahren erwog das finnische Unterrichtsministerium, die Zuwendungen für die Bibliothek zu streichen. Dann hätte auch das Auswärtige Amt in Deutschland seine Unterstützung eingestellt. Das wäre das Ende gewesen. Aber der Preis brachte Aufmerksamkeit und dem Trägerverein neue Mitglieder. Private Sponsoren helfen, indem sie Veranstaltungen, etwa Autorenlesungen, unterstützen. "Für die Finnen ist die Begegnung mit einem Schriftsteller sehr ungewohnt", sagt die Bibliothekarin. "Aber das Interesse daran ist groß, und seit einiger Zeit versuchen auch finnische Autoren, auf diese Weise näher an ihr Publikum zu kommen."

Es ist diese Art von leisem, aber beharrlichem Kulturaustausch, den Gabriele Schrey-Vasara am liebsten mag. In der Bibliothek pflegt man ihn ebenso wie den kostbaren Bücherbestand. Und darum braucht sich diese Oase für Buchliebhaber, bescheiden auf der Rückseite des glitzernden Esplanadi-Platzes gelegen, wirklich überhaupt nicht zu verstecken.