Am symbolischen 14. Juli, dem Tag des Sturms auf die Bastille, schlug eine Gruppe junger Israelis ihre Zelte auf dem Rothschild Boulevard mitten in Tel Aviv auf. Eigentlich sollte es ein spontaner, etwas hippiemäßiger Protest gegen die hochschießenden Mietpreise werden, die heute für arbeitende junge Menschen kaum mehr bezahlbar sind. Ohne klar abgesteckte politische Agenda, aber mit viel positiver Energie ausgestattet, vergrößerte sich der Protest innerhalb weniger Stunden und breitete sich schnell auch auf andere Städte aus . Ein allgemeines Gefühl der Empörung und Frustration lockte immer mehr Menschen an. Bald war klar, dass sie keiner kleinen Minderheit angehörten, sondern wesentlich mehr Macht hatten, als sie von sich selbst vermutet hatten. Spätestens jetzt ist allen israelischen Politikern klar, dass sie diese Bewegung nicht länger ignorieren können.

Meine Frau und ich waren Teil dieser Demonstration. Anders als bei anderen Demonstrationen wirkten die Menschen um uns herum optimistisch. Die vielen Kinder gaben dem Ganzen die Atmosphäre eines Picknicks oder Rockkonzerts.

Den harten Kern dieser Bewegung machen laut Medienberichten vor allem Studenten und Angehörige der Mittelklasse aus. »Die Mittelschicht ist die gesellschaftliche Klasse, die du am einfachsten über den Tisch ziehen kannst«, erklärt mir Alon, ein Demonstrant, der einen Babywagen vor sich herschiebt. »Die Armen können sich alles erlauben – die haben ohnehin nichts zu verlieren. Die Reichen können die besten Anwälte bezahlen und wer weiß was noch alles. Aber die Mittelschicht steckt zwischen beiden fest: Ohne die wirtschaftliche Macht, um das System zu schmieren, aber mit gerade genug Wohlstand, um Angst zu haben, es zu verlieren. Deswegen hat man uns jahrelang gemolken. Aber das ist jetzt vorbei.«

Alon spricht von der Mietpreiskrise und vom Geld; trotzdem ist spürbar, dass es hier noch um etwas anderes geht. Es gibt ein Gefühl der Entfremdung vom israelischen Parlament, der Knesset, die doch eigentlich für uns sprechen sollte. Man fühlt sich unverstanden von den Politikern, die Tag für Tag Gesetze verabschieden, die nur Siedler, Ultra-Orthodoxe und andere Lobby-Gruppen begünstigen. Für all jene, die sich nun entschlossen haben, die bestehenden Verhältnisse nicht länger zu dulden und auf die Straße zu gehen, hat die Regierung sich bisher nicht interessiert.

Es ist kein Zufall, dass die Demonstrationen an dem Tag begannen, an dem im Fernsehen das Finale von A Star is Born, der israelischen Version von DSDS, lief. Die Botschaft, die ein Protest, der gegen das beliebteste Fernsehprogramm des Landes ins Rennen geht, sendet, ist klar: Neben dem aufgeregt herumfuchtelnden Israel, das einer dauernden Gehirnwäsche unterzogen scheint, gibt es noch ein anderes, ein intellektuelles Israel, das seine gewählten Vertreter – und sich selbst – heute daran erinnern möchte, dass es existiert. Auf den ersten Blick wirkt es seltsam, dass sich ausgerechnet diese Gruppe von modisch gekleideten Israelis nicht repräsentiert fühlt: Unter den Demonstrierenden sind Künstler, Juristen, Wissenschaftler und Ärzte – nicht gerade der klassische Typus des entrechteten Bürgers, der sich seinen Vertretern nicht verständlich machen kann. Doch im Israel des Jahres 2011 sind es diese Menschen, die keine genuine politische Repräsentanz finden und sich angesichts der Schwemme neuer Gesetze, die ihre fundamentalen Grundrechte einschränken, nicht wohlfühlen.

In der Ibn-Gevirol-Straße steht eine junge Frau mit roten Haaren, sie hält ein Plakat hoch, auf dem zu lesen ist: Was ich zu sagen habe, ist zu kompliziert für dieses Plakat. Für mich trifft dies direkt ins Herz des Protestes.

Es ist schwer vorauszusagen, ob sich dieser spontane Protest in eine längerfristige Bewegung verwandeln wird. Alles hängt davon ab, was das rothaarige Mädchen bei der nächsten Demonstration auf sein Plakat schreiben wird; es hängt davon ab, ob es den Demonstranten gelingt, ihren Protest in klare Forderungen zu übersetzen, die von den Mächtigen nicht länger ignoriert werden können. Wenn es am Ende nur um unzufriedene Verbraucher geht, die sich über den Preis von Wohnungen und Hüttenkäse mokieren, dann wird bald alles vergessen sein. Aber ich will daran glauben, dass mehr daraus werden kann.

Kurz bevor er in dem Gedränge wieder verschwindet, sagt Alon noch: »Die Armen kämpfen für Brot. Wir sind auch hungrig, aber nicht auf Brot.« »Wonach hungert ihr?«, frage ich. »Auf ein Land, das etwas weniger herzlos ist«, sagt er und gibt dem Baby ein Fläschchen. »Ein Land, das nicht nur eine Kultur von Gewalt und Macht fördert, sondern auch eine des Mitgefühls schätzt. Jüdisch zu sein heißt nicht nur, Siedler zu sein, wissen Sie; jüdisch zu sein bedeutet auch, mit anderen mitzufühlen. Ich kann das bezeugen. Sie glauben mir nicht? Dann gehen Sie nach Hause und googeln es.«

Aus dem Englischen von Julia Ley . Der Text erscheint auch in dem jüdischen Online-Magazin Tablet .