Die Geschichte, um die es hier geht, handelt von Freundschaft in ihrer schönsten, innigsten Form. Einer Freundschaft, die gemeinsamer Rhythmus ist, Gleichklang und Dissonanz, die wieder zur Harmonie wird. Es ist die Freundschaft von Çetin (Fatih Al) und Ender (İlker Aksum), zwei Männern um die vierzig in Ankara. Die beiden kennen sich seit ihrer Kindheit und leben nun zusammen. Beziehungen und Ehen hat man hinter sich und erfindet sich nun in dieser Wohngemeinschaft immer wieder neu. Beim Schweigen, Lümmeln, gemeinsamen Kochen und Reden über Musik und Bücher. Beim Disputieren über Feta mit Marmelade oder Bergamotte im Tee. Beim Tischfußballspielen. Oder auf Spaziergängen durch die im weißlichen Winterlicht schimmernde Metropole Ankara. Çetin und Ender sind so sehr befreundet, dass ihre Freundschaft einer Form der Liebe gleichkommt.

Our Grand Despair von Seyfi Teoman ist auch in anderem Sinne ein Film über die Liebe. Denn Çetin und Ender bekommen von einem Tag auf den anderen eine Mitbewohnerin anvertraut: Nihal (Günes Sayin), die jüngere Schwester eines Freundes hat bei einem Autounfall beide Eltern verloren. Der Freund lebt in Deutschland, und Nihal soll weiter in Ankara zur Schule gehen. Also zieht das junge Mädchen bei den beiden Junggesellen ein. Es kommt, wie es kommen muss, aber eben doch ganz anders: Ganz sachte verlieben sich Çetin und Ender in Nihal. Jeder auf seine Weise. Die türkische Hauptstadt liefert den urbanen, weltoffenen, aber auch leicht melancholischen Hintergrund für diese Geschichte eines mehr oder weniger gleichschenkligen Beziehungsdreiecks.

Our Grand Despair , der in diesem Jahr als türkischer Beitrag im Wettbewerb der Berlinale lief, heißt übersetzt: Unsere große Verzweiflung. Es ist eine Verzweiflung über unerwiderte, aussichtslose, still-romantische Gefühle. Diese Liebesverzweiflung, die ja eigentlich die einsamste aller Verzweiflungen ist, wird von Çetin und Ender trotz allem in unverbrüchlicher Eintracht geteilt. Gemeinsam schwärmt man von Nihal, ihrer natürlichen Grazie, ihren Füßen, ihrem beim Lachen zitternden Kinn. Gemeinsam leidet man, als sie ihren ersten Freund nach Hause bringt. Und gemeinsam trinkt man zwei, drei Raki zu viel, als Nihal in den Ferien zu ihrem Bruder fährt.

All dies erzählt Our Grand Despair in einem Rhythmus der kleinen Pausen, Gesten und Blicke. Da ist diese Sekunde, in der eine Szene stehen bleibt und nichts mehr geschieht. Oder eben doch. Ein kurzes Atmen, ein Neigen des Kopfes, ein ratloses Achelzucken. Nicht alles muss hier ausgesprochen werden. Manches schwingt einfach mit oder wird angedeutet. Etwa dass Nihals Gegenwart das Zusammenleben der beiden Freunde unwiderruflich verändert. Wir erfahren dies durch eine kurze Szene von diskreter Komik. Çetin ruft Ender von seinem Arbeitsplatz aus an und teilt ihm todernst mit, dass man von nun an nicht mehr im Stehen pinkeln könne.

Der Halt, den die beiden Männer einander geben, äußert sich auch in ihrem Verhältnis zum Kochen und Essen, also zur allgemeinen Sinnlichkeit des Lebens. Jedenfalls glaubt man diesem Film aufs Wort, dass Zucchini mit Reis, Tomatenmark, scharfer Soße und Landjoghurt eine Art Überlebensrezept sein kann.

Einmal sieht man die drei abends auf der Straße stehen, einen Imbiss in der Hand. Nihal und Ender schweigen in sich versunken. Da beginnt Çetin plötzlich leise summend einen kleinen Tanz. So lange bis Ender den Freund zärtlich lächelnd anschaut. Ja, es ist der Blick eines Freundes. Und ja, es ist auch der Blick eines Liebenden. Dass beides in aller Schönheit und Offenheit zusammengehen kann, ohne auf einen Begriff gebracht werden zu müssen, das ist die große Utopie von Our Grand Despair .