Unvergesslicher Tag im Berliner Justizpalast: Am 20. Februar 1996 steht Egon Krenz vor seinem irdischen Richter, mit ihm die Politbüro-Genossen Dohlus, Hager, Kleiber, Mückenberger und Schabowski. Angeklagt sind sie der Toten an den Grenzen der DDR. Krenz hält die Rede seines Lebens. 52 Seiten ist sie lang und beginnt 1933. Hitlers Machtantritt habe zum Kriege geführt, dieser zur deutschen Teilung. BRD und DDR seien Mündel ihrer Siegermächte gewesen. Außenpolitisch habe die DDR unter Kuratel der Sowjetunion gestanden, somit auch ihr Grenzregime. Es sei absurd, ruft der letzte SED-Chef, dass man ihm eine Rechtspflicht zur Ermordung der DDR auferlegen wolle. Die DDR war mein Leben, sagt Krenz. Dass wir Tote nicht verhindern konnten, zähle ich zur negativen, gescheiterten Seite meiner Lebensbilanz. Jeder Tote hat mich erschüttert.

Zu wenig, zu spät. Menschliche Worte, immerhin.

50 Jahre Mauerbau. Seltsam, an der Gedenk-Front herrscht undeutsche Ruhe. Das erinnerungssüchtige Land scheint noch ermattet vom Jubiläumsmarathon 2009/10. Und was wäre mauermäßig zu bedenken, das man nicht schon vor zehn oder zwanzig Jahren wusste? Das menschenverachtende SED-System. Ulbrichts gefistelte Lüge vom 15. Juni 1961, niemand habe die Absicht, eine Mauer zu errichten . Die Aktion Rose, von Honecker organisiert: 156 Kilometer Vollsperrung in der Sonntagnacht zum 13. August. Der Berliner Morgenschock, die östlichen Tränen, die West-Berliner Flüche auf Adenauers Ruhe und den Verrat der Amerikaner. Fluchtversuche, vom ersten Tage an. Mindestens 136 Mauertote – Erschossene von Günter Litfin bis Chris Gueffroy, Verunfallte von Ida Siekmann bis Winfried Freudenberg, der noch am 8. März 1989 mit seinem Ballon abstürzte. Endlich der 9. November, die Erlösungsnacht. Wahnsinn! Berlin, nun freue dich!

Opfer werden genannt, auch die Namen getöteter DDR-Grenzsoldaten

Diesen klassischen Fundus präsentiert ein prächtiger Bildband. Er heißt, wie fast jedes Mauer-Buch Die Mauer und trägt einladenderweise die Signets der Stiftung Aufarbeitung und der Bild -Zeitung, deren Chefredakteur Diekmann vier Farbfotos zeigen (aber warum nur zwei den Vorstandschef Döpfner?). Das Buch ist ein Historienschrein des Alt-Springerschen Freiheitspathos, mit Kennedy-Bejauchzung und Ronald & Nancy Reagan als »Wegbereiter des Mauerfalls«. Es emotionalisiert die Geschichte von unten. Es nennt die Namen der Opfer, auch die getöteten DDR-Grenzsoldaten. Es verschweigt nicht, dass der spektakulär geflohene Grenzer Conrad Schumann sich später in Bayern das Leben nahm. Und der vierjährige Michael F., den sein Vater am 22. September 1961 aus dem Ostberliner Wohnungsfenster in ein West-Berliner Sprungtuch warf, wurde als Mann zum Totschläger. »Die Freiheit – sie bringt Michael F. einfach kein Glück.« Daran ist aber nicht die Freiheit schuld.

Schier alles zum Thema versammelt Die Mauer. Errichtung, Überwindung, Erinnerung , herausgegeben von Klaus-Dietmar Henke. In diesem Backstein von Buch widmen sich 29 Autoren der politischen Vorgeschichte der Mauer , ihren technischen Aspekten, ihren Folgen für die Berliner Baugeschichte, ihrer künstlerischen Ikonografie und natürlich den westlichen Versuchen, die Mauer durchlässiger zu machen. Was der Osten sich bezahlen ließ. Durchweg gefällt der ruhige Ton, auch bei der Schilderung des Nachlebens der Mauer. Deren »Karriere vom Sperrwall zum Freiheitssymbol« scheiterte fast am Radikalabriss. Schon am 10. November 1989 pochten die Mauerspechte. Heute stehen Mauersegmente an vielen Orten der Welt. Berlin hat in der Bernauer Straße einen städtischen Hotspot der Teilung als didaktische Gedenkstätte konserviert.

Das aufwendig bebilderte Buch enthält einige Doubletten. Die vermeidet Fredrick Taylors Monografie Die Mauer. Der schwungvolle Wälzer verschweigt nicht das alliierte Einverständnis mit Deutschlands Halbierung, süffisant formuliert in François Mauriacs Bonmot: »Ich liebe Deutschland so sehr, daß ich lieber zwei davon habe.« Die Teilung ging ja vom Westen aus, durch dessen Währungsreform im Juni 1948, die den Osten zum Billigmarkt machte. Darauf riegelte die Sowjetunion West-Berlin ab und ruinierte ihr internationales Ansehen. Die USA installierten die Luftbrücke und gewannen die West-Berliner Herzen. »Die Blockade hatte die Berliner fast über Nacht von gescheiterten Nazis in antikommunistische Helden verwandelt, und die Aufrechterhaltung der alliierten Militärherrschaft war zu einer Prestigefrage geworden. Die Stadt war ein militärischer und politischer Aktivposten, eine wertvolle Horchstation in den Osten hinein und ein ständiger Stachel im Fleisch des roten Widersachers.«