50 Jahre MauerbauDie Mauer schweigt

Vor 50 Jahren begann die Regierung in Ost-Berlin mit dem Bau des "antifaschistischen Schutzwalls". Über die politischen Umstände ist viel geschrieben worden. Was aber hat die große Ab- und Einsperrung mit den Menschen der DDR angestellt? Mutmaßungen eines Insassen. von Martin Ahrends

Die Mauer war vom Osten her nur ausnahmsweise zu sehen; ein breites Grenzgebiet hielt uns Insassen von ihr fern. In West-Berlin konnte man jene Hochstände beklettern und sah dann, was eben davon sichtbar war. Mancher starrte lange darauf hin, weil er das deutliche Gefühl hatte, etwas zu sehen, das nicht zu verstehen ist. Was sperrte diese staudammbreite Schneise ab? Das Abgesperrte blieb unsichtbar. Als stünde da ein Staudamm mitten in der Wüste.

Die Mauer wurde gebaut, um einen Strom von Flüchtlingen abzudämmen, doch der Strom war nicht mehr sichtbar. Die Flüchtlingsmassen standen nicht mit gepackten Koffern davor; eine ganz West-Berlin umfassende breite Reihe wäre es gewesen. Zu sehen war davon nichts, wenn man auf einem jener Hochstände Ausschau hielt. Das Land lag stille da, in einiger Entfernung sah man Menschen, die der Mauer ungeachtet ihrer Wege gingen.

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Martin Ahrends

Der Autor, Jahrgang 1951, wuchs in der DDR auf. In den siebziger Jahren war der Musikwissenschaftler Mitarbeiter an der Komischen Oper in Ost-Berlin. 1984 durfte er in die Bundesrepublik ausreisen. Er arbeitet seither als Journalist und Schriftsteller und lebt heute wieder in Berlin.

»Ist das ein Lager von Verbrechern?«, mochte wohl ein unkundiger Tourist den Westberliner fragen. Aber nein, keineswegs, konnte dann die Antwort lauten, da werde ganz normal gelebt, geheiratet und gestorben, da würden Kinder gezeugt und großgezogen. Zwar gebe es da nicht alles, woran man sich diesseits längst gewöhnt habe, keine Coca-Cola und nur selten Bananen. Zwar könne man nicht reisen, wohin man wolle. »Aber da drüben kann man auch leben, manches ist sogar besser: Die Kinderbetreuung, niemand ist arbeitslos, die Mieten sind billig... Klar ist das tödlich, hier durchzurennen, aber im Ernst: Würden Sie das machen? Wer bei Vernunft ist, versucht es erst gar nicht...« Der Fremde nickt jetzt zwar, begreift aber immer noch nicht, weshalb man nur für Bananen und Coca-Cola sein Leben riskiert.

Von der Lebensnormalität hinter der Mauer war vom Hochstand aus wenig zu sehen. Es war eine Normalität, die nicht nur der Absperrung nach außen bedurfte, sondern auch der internen Stilllegung, um nicht von sich aus überzugehen in etwas anderes. Weder das große Rüberwollen war zu sehen noch die große Stilllegung mithilfe dieses als Geheimdienst getarnten, über die Jahre wuchernden Amtes namens Staatssicherheit.

Viermächtestatus

Bei der Konferenz von Jalta 1945 beschlossen die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs die Teilung Deutschlands in vier Besatzungszonen und Berlins in vier Sektoren.

Sie setzten eine Alliierte Kommandatur in Berlin ein, in der Vertreter aller vier Besatzungsmächte einstimmige Entscheidungen fällten.

Die Einführung der Deutschen Mark – auch in Berlin 1948 – sieht die Sowjetunion als Provokation. Sie zieht ihren Vertreter aus der Kommandatur ab und reagiert mit der Berlin-Blockade. Die Westalliierten versorgen die Stadt per Luftbrücke.

Sonderstatus in Ost-Berlin

Die Sowjetunion setzte sich in ihrem Sektor nach und nach über den Viermächtestatus hinweg. Schon 1953 wurde der "Behelfsmäßige Personalausweis" für Berliner abgeschafft.

Nach dem Mauerbau wurde auch in Berlin die Wehrpflicht eingeführt, während Bundesbürger sich durch einen Umzug nach Berlin (West) dem Kriegsdienst entziehen konnten. Seit 1976 wurden auch die Ost-Berliner Abgeordneten bei Volkskammerwahlen direkt gewählt, und 1977 entfielen Kontrollen an der Stadtgrenze zwischen Ost-Berlin und DDR.

Erbe der vier Mächte

Bis zur Wiedervereinigung gab es Restbestände des Viermächtestatus, auch unter Mitwirkung der Sowjetunion. So betrieben die vier Besatzungsmächte gemeinsam das Kriegsverbrechergefängnis in Spandau bis zum Suizid des letzten Insassen Rudolf Heß 1987.

Militärpatrouillen konnten sich auch in den Sektoren der jeweils anderen Besatzungsmächte frei bewegen. Aus Respekt vor dem Sonderstatus Berlins hatte das Verteidigungsministerium der DDR seinen Sitz außerhalb der Stadt in Strausberg.

Diese Mauer umstellte uns mit Vergeblichkeit. Abgesperrt hat sie uns von allem Möglichen, vor allem aber von uns selbst. Die Normalität hinter der Mauer war ein von sich selbst abgesperrtes Leben, abgesperrt von menschlichen Strebungen, die so essenziell waren, dass man dafür alles, was man dort hatte, im Stich zu lassen bereit war. Dass man dafür sogar das Leben riskierte. Ebenso mächtig wie diese Strebungen musste das Stauwerk sein. Hier ist das Äquivalent zu den Wassermassen, und hier ist der Grund, dass man weder damals noch heute die Mauer erkennen kann, wenn man sie bloß anschaut.

Ein von sich selbst abgesperrtes Leben? Gemeint ist zum Beispiel dies: wenn man darauf bedacht sein muss, nur rasch zu heiraten, um sich als verheirateter Staatsbürger frühestmöglich für eine eigene Wohnung anmelden zu können, die auf anderem Wege als über die staatliche Wohnraumlenkung nicht zu erlangen ist und auf die man sich auch als Verheirateter wenig Hoffnung machen kann, solang man keine Kinder hat. Weshalb man also mit der allzu früh Angetrauten rasch Kinder zeugt, um einer Wohnungszuweisung doch immerhin in absehbarer Zeit würdig zu sein.

Dies sind lebensplanerische Erwägungen, die eines freien Menschen absolut unwürdig sind. Dies ist die Lebensplanung eines Insassen. Um sich eine auch nur notdürftigen Behausung selbst zu beschaffen, mangelt es nicht nur an Baustoffen und Werkzeugen, sondern vor allem an diversen Erlaubnissen, denn jede Art von Initiative wird hier als »Eigenmächtigkeit« zumindest beargwöhnt, der staatlichen Bequemlichkeit halber aber zumeist von vornherein unterbunden.

Leserkommentare
  1. Es mag ja sein das einzelne sich eingemauert vor kamen.
    Die Masse von 17 Millionen sicherlich nicht. Die Grenze war allbekannt und war halt da. Das Leben im Gesamten ging aber trotz alledem weiter.
    Für alle Generationen.

    Im Moment muss man leider zwangläufig Artikel lesen die eher nach Siegerjuztiz oder Siegermentalität über die armen ach so armen Ossis klingen. Das ist leider totaler Quatsch.

    Gekürzt.Bitte verzichten Sie darauf die Tötung von Menschen zu billigen. Danke, die Redaktion/jz

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    • xy1
    • 10. August 2011 16:43 Uhr

    Nehmen Sie Ihre rote Brille ab, und lesen Sie aufmerksam den Artikel!

    • xy1
    • 10. August 2011 16:43 Uhr

    Nehmen Sie Ihre rote Brille ab, und lesen Sie aufmerksam den Artikel!

  2. Na, da hat sich ja wieder einer ausgekotzt. Nur als Beispiel: "Restaurants existierten nur, um einen zivilen Schein zu wahren, erwiesen sich aber bei näherem Hinsehen als etwas Feldküchenartiges."
    Was soll dieser Schwachsinn?
    Warum gelingt es Der Zeit nicht, abseits von Beton-Stalinisten und wild gestikulierenden DDR-Hassern eine vernünftige Auseinandersetzung um die Realitäten der DDR zu veranstalten?

  3. Die subjektive Sicht auf die politischen Verhältnisse in der DDR sei dem Autor dieser Schmiererei unbenommen und sicher empfand ein Teil der DDR Bürger ähnlich,aber wenn er sich zu Behauptungen wie:"Vernachlässigung der Behausungen, die mangels Material und Geld verfielen oder notdürftig ausgebessert wurden,oder-noch übler-" Restaurants existierten nur, um einen zivilen Schein zu wahren, erwiesen sich aber bei näherem Hinsehen als etwas Feldküchenartiges."muss man ihm jede Objektivität absprechen und pure Böswilligkeit unterstellen.Als ehemaliger DDR Gastronom kann ich mich noch sehr gut an die hohe Frequentierung der "Feldküchen"durch Besucher aus der"BRD"erinnern und ich habe auch erlebt,wie diese BRD Bürger wie die Heuschrecken über die "verwahrlosten" Wohnungen z.B. im Prenzlauer Berg nach der Maueröffnung hergefallen sind.

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    Mit solchen Artikeln will man halt die Flucht der Bürger vor dem momentanen System verhindern. Mauerbauer in den Köpfen durch Schürung der Angst vor jeder Veränderung.

    • -Ziet-
    • 10. August 2011 17:21 Uhr

    Der Autor dramatisiert die Möglichkeit in der DDR keine Erlaubnis zum Hausbau erhalten zu haben, bzw am freien Reisen gehindert worden zu sein, etc.

    Sorry, welche Möglichkeit habe ich denn heute in Brandenburg oder MeckPOM oder sonstwo in Deutschland um mir ein Haus zu bauen. Meint der Author ich bekäme die Erlaubnis dazu heute einfacher?!

    Oder meint der Author etwa ich könnte mir dergleichen von meinem Lohn heute einfacher ermöglichen und mir die nötigen Materialien leichter beschaffen?!

    Man sollte erstmal die Realität ganz praktisch angehen, bevor man solche versucht auf Papier zu bekommen.

    Also ich kenne Leute im Osten, die haben gebaut und die haben sich ein Eigenheim geschaffen. Teils legal, teils illegal durch Abzwacken im Betrieb. Das ging halt nur dort, wo man im Bausektor oder Zuliefersektor arbeitete und nach Feierabend noch zuklotzte.

    So kenne ich auch Leute im Westen, die sich als Handwerker zusammengetan haben, um nach und nach jedem im Bund beim Hausbau zu helfen. Über die Jahre schafften so viele in Zweckbündnissen zu einem bezahlbaren Eigenheim zu kommen.

    Das lief im Westen nicht viel anders als im Osten - nur wer in einschlägigen Berufen arbeitete und Konäktion zu den Parteibonzen und Bürgermeister hatte, nur diejenigen hatten die Chance auf ein Eigenheim. Der Rest mußte im Westen wie im Osten zur Miete leben. Im Osten war diese immerhin erträglicher Natur. Im Westen war man als Mieter den Geiern ausgeliefert.

    Ehrlich kommt man im Westen nicht weit.

  4. Verzeihung, lieber Vorzeigegastronom, aber das Essen in den Restaurants der DDR war - um es freundlich zu formulieren - grottenschlecht. Und gleichsam ko.. es mich an, wie hier von einigen Kommentatoren die Realität dieses Landes schöngeschrieben werden will. Dieser Artikel in der ZEIT ist vor allem deswegen gut, weil er autentisch ist. Er ist subjektiv, ja. Aber er ist echt. Es ist ein Versuch, dass Unfassbare in Worte zu fassen: Dass ein ganzes Volk einkaserniert wurde. Und dass sich die Menschen dadurch veränderten. Zum Schlechten veränderten. Das zu akzeptieren, fällt sicherlich vielen schwer, die es erlebt haben. Es ist aber die Voraussetzung dafür, dass eine derartig unfreie Gesellschaft in unserem Land nie wieder entsteht.

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    • FranL.
    • 10. August 2011 22:15 Uhr

    Ich bin froh, daß ich nicht mehr in der DDR, die ich nur als Kind und junger Teenager erleben mußte, leben muß. Vielleicht hätte ich mich mit dem Leben in der DDR abgefunden, vielleicht auch einen Ausreiseantrag gestellt. Ich schätze die Freiheit die ich jetzt genieße. Aber Pauschalisierungen helfen nicht weiter. Haben Sie alle Restaurants in der DDR besuchen können? Das Essen in den durchschnittlichen HO, Konsum oder Mitropagaststätten war meist nicht besonders, aber in vielen einfachen, verräucherten Kneipen gab es bessere Buletten (für den Wessi Frikadellen) als man sie heute bekommt. Es gab Spezialitätenrestaurants (nicht viele aber einige) in denen wirklich gut gekocht wurde, mit frischen Zutaten (ein unfreiwilliger Nebenaspekt des Mangels) während die meisten Mittelklasserestaurants heute nur vorgekochte Convenienceprodukte anbieten. Und der erste McDonaldsbesuch nach dem Mauerfall war für mich auch ernüchternd, bäh!

    Kollektive Erfahrungen an sich gibt es nicht. Die Aussage alle Menschen hätten sich zum Schlechteren verändert ist ebenso großer Blödsinn wie die Aussage, in der DDR waren alle Menschen nett zueinander und kümmerten sich um den anderen.

    aber der Artikel vernachlässigt die Entwicklung zwischen 1961 und 1989. Immerhin war die DDR nach all den Jahren der angeblichen Agonie sogar in der Lage, aus eigener Kraft diktatorische Strukturen abzustreifen und demokratische aufzubauen. Das schafft nicht jeder. Beobachtungen des Autors wie "allgemeines Gefühl der Demütigung", "milde lächelnder Selbsthass" passen auch sehr gut in frühere Phasen der deutschen Geschichte, insbesondere die Goldenen Zwanziger

    Und warum ist dieser Artikel authentisch?

    • Luise20
    • 10. August 2011 17:32 Uhr
    7. Mauer

    Entfernt. Bitte üben Sie Kritik sachlich und konstruktiv. Danke. Die Redaktion/vn

  5. Will sich niemand mehr erinnern, wie unglaublich grau die Städte in der DDR waren? Und das bestimmt nicht, weil das damals die angesagte Lieblingsfarbe war. Wie trostlos viele Häuser von außen aussahen? So muß man auch mit kleinem gehalt nicht mehr leben. Aber wer solche kleinen Freiheiten im Baumarkt nicht zu schätzen weiß, der muß ja nicht. Ist vielleicht nur meine persönliche oberflächliche Freude an Farbe...
    Ich fand's immer beklemmend in der DDR - auch wenn in der BRD nicht immer alles ging und vieles verboten war, aber die Einschränkungen waren doch viel kleiner.

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