Die Mauer war vom Osten her nur ausnahmsweise zu sehen; ein breites Grenzgebiet hielt uns Insassen von ihr fern. In West-Berlin konnte man jene Hochstände beklettern und sah dann, was eben davon sichtbar war. Mancher starrte lange darauf hin, weil er das deutliche Gefühl hatte, etwas zu sehen, das nicht zu verstehen ist. Was sperrte diese staudammbreite Schneise ab? Das Abgesperrte blieb unsichtbar. Als stünde da ein Staudamm mitten in der Wüste.

Die Mauer wurde gebaut, um einen Strom von Flüchtlingen abzudämmen, doch der Strom war nicht mehr sichtbar. Die Flüchtlingsmassen standen nicht mit gepackten Koffern davor; eine ganz West-Berlin umfassende breite Reihe wäre es gewesen. Zu sehen war davon nichts, wenn man auf einem jener Hochstände Ausschau hielt. Das Land lag stille da, in einiger Entfernung sah man Menschen, die der Mauer ungeachtet ihrer Wege gingen.

»Ist das ein Lager von Verbrechern?«, mochte wohl ein unkundiger Tourist den Westberliner fragen. Aber nein, keineswegs, konnte dann die Antwort lauten, da werde ganz normal gelebt, geheiratet und gestorben, da würden Kinder gezeugt und großgezogen. Zwar gebe es da nicht alles, woran man sich diesseits längst gewöhnt habe, keine Coca-Cola und nur selten Bananen. Zwar könne man nicht reisen, wohin man wolle. »Aber da drüben kann man auch leben, manches ist sogar besser: Die Kinderbetreuung, niemand ist arbeitslos, die Mieten sind billig... Klar ist das tödlich, hier durchzurennen, aber im Ernst: Würden Sie das machen? Wer bei Vernunft ist, versucht es erst gar nicht...« Der Fremde nickt jetzt zwar, begreift aber immer noch nicht, weshalb man nur für Bananen und Coca-Cola sein Leben riskiert.

Von der Lebensnormalität hinter der Mauer war vom Hochstand aus wenig zu sehen. Es war eine Normalität, die nicht nur der Absperrung nach außen bedurfte, sondern auch der internen Stilllegung, um nicht von sich aus überzugehen in etwas anderes. Weder das große Rüberwollen war zu sehen noch die große Stilllegung mithilfe dieses als Geheimdienst getarnten, über die Jahre wuchernden Amtes namens Staatssicherheit.

Diese Mauer umstellte uns mit Vergeblichkeit. Abgesperrt hat sie uns von allem Möglichen, vor allem aber von uns selbst. Die Normalität hinter der Mauer war ein von sich selbst abgesperrtes Leben, abgesperrt von menschlichen Strebungen, die so essenziell waren, dass man dafür alles, was man dort hatte, im Stich zu lassen bereit war. Dass man dafür sogar das Leben riskierte. Ebenso mächtig wie diese Strebungen musste das Stauwerk sein. Hier ist das Äquivalent zu den Wassermassen, und hier ist der Grund, dass man weder damals noch heute die Mauer erkennen kann, wenn man sie bloß anschaut.

Ein von sich selbst abgesperrtes Leben? Gemeint ist zum Beispiel dies: wenn man darauf bedacht sein muss, nur rasch zu heiraten, um sich als verheirateter Staatsbürger frühestmöglich für eine eigene Wohnung anmelden zu können, die auf anderem Wege als über die staatliche Wohnraumlenkung nicht zu erlangen ist und auf die man sich auch als Verheirateter wenig Hoffnung machen kann, solang man keine Kinder hat. Weshalb man also mit der allzu früh Angetrauten rasch Kinder zeugt, um einer Wohnungszuweisung doch immerhin in absehbarer Zeit würdig zu sein.

Dies sind lebensplanerische Erwägungen, die eines freien Menschen absolut unwürdig sind. Dies ist die Lebensplanung eines Insassen. Um sich eine auch nur notdürftigen Behausung selbst zu beschaffen, mangelt es nicht nur an Baustoffen und Werkzeugen, sondern vor allem an diversen Erlaubnissen, denn jede Art von Initiative wird hier als »Eigenmächtigkeit« zumindest beargwöhnt, der staatlichen Bequemlichkeit halber aber zumeist von vornherein unterbunden.