Krieg in Libyen Vorsicht, ihr Berufspazifisten!

Der Mord am Militärchef der libyschen Rebellen kann kein Anlass sein, die Bewegung zu diskreditieren.

Ein Mann schwenkt die Flagge der libyschen Aufständigen vor einem Plakat des ermordeten General Junes.

Ein Mann schwenkt die Flagge der libyschen Aufständigen vor einem Plakat des ermordeten General Junes.

Der Mord an General Abdel Fatah Junes, Militärchef der libyschen Rebellen, hat schlimme Auswirkungen auf die Koalition. Mit Junes hat sie einen Offizier verloren, den beispielsweise Nicolas Sarkozy noch am 14. April in Paris empfangen hatte. Dennoch kann man nicht von einer militärischen und politischen Katastrophe sprechen, wie es diejenigen tun, die in den USA und in Europa jede Gelegenheit wahrnehmen, die Aufständischen zu diskreditieren. Ihr wichtigstes Argument diesmal: Die Tatsache, dass die Identität der Täter und die Umstände des Mordes ebenso unklar seien wie der Anschlag selbst, werde die strukturelle Schwäche des Nationalen Übergangsrates und den zunehmenden Dissens in seinem Inneren deutlich zeigen. Dieser Darstellung setze ich die folgenden Überlegungen und Erwiderungen entgegen.

Bernard-Henri Lévy
Bernard-Henri Lévy

geboren 1948. Der Philosoph und Autor ist einer der einflussreichsten Publizisten Frankreichs und ein Befürworter der Libyen-Intervention.

Erstens: Alle Widerstandsbewegungen, alle bewaffneten Aufstände sahen sich in derartige Dramen verwickelt. Die französische Résistance etwa wurde durch Verrat einiger ihrer wichtigsten Vertreter beraubt, allen voran der große Jean Moulin. In Afghanistan wurde Achmed Schah Massud, Chef der Nordallianz, ermordet, nachdem er in seinem eigenen Machtbereich durch einen seiner scheinbar zuverlässigsten Gefolgsmänner verkauft worden war. Vergleichbares spielte sich in der algerischen FLN ab: Eingeschleuste Agenten und vom französischen Geheimdienst umgedrehte Widerstandskämpfer dezimierten ihre Reihen. Revolutionen werden von Schläferkommandos, Fünften Kolonnen, für fremde Zwecke missbrauchten Gangs bedroht. Und wie jeder weiß, der über ein Minimum an Geschichtsbewusstsein verfügt, war ihre politisch-militärische Führung schon immer eine beliebte Zielscheibe von Doppelagenten, von Tätern, die aus dem Dunkel kommen. Insofern war der Tod von Junes leider keine Ausnahme. Und es braucht die ganze Unaufrichtigkeit der Berufspazifisten, also der indirekten Unterstützer von Gadhafi, um die Tat als Beweis für das Chaos zu werten, das in der Provinz Cyrenaika angeblich herrscht und das wir uns vor unserer Entscheidung zur Intervention nicht klargemacht hätten.

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Zweitens: Natürlich ist der Mord ein schwerer Schlag für die Rebellen in Bengasi. Umso mehr, als der Übergangsrat mit Junes einen seiner Kommandanten verliert, der als frühere Nummer zwei hinter Gadhafi dessen Psychologie am besten kannte, die Geheimnisse und das Räderwerk der Macht, die Bunker, die sie gemeinsam entworfen hatten, seine Taktik und Strategie. Es ist ein schwerer, aber kein tödlicher Schlag. Vor allem, weil Junes zwar das feindliche System von innen kannte und darüber hinaus das Vertrauen der Alliierten und besonders Frankreichs genoss, weil er aber keineswegs die einzige Schlüsselfigur war. Es gibt Berufsoffiziere und zivile Kommandanten, die ebenso tapfer und fähig sind wie Junes. Und schließlich hat sein Tod keine der drei Fronten (Brega, Goualich und die Umgebung von Misrata) einbrechen lassen – im Gegenteil.

Drittens: Eine vom Übergangsrat eingesetzte Untersuchungskommission soll die Umstände des Mordes erhellen. Eins jedoch ist jetzt schon klar.: Die Art, wie man sich seit einigen Tagen der Tat bedient, um den Übergangsrat als eine bunt zusammengewürfelte und aus untereinander zerstrittenen Elementen bestehende Koalition darzustellen, ist absurd und beweist einen besorgniserregenden Mangel an Geschichtsbewusstsein. Besser als jeder andere weiß ich, dass es im Rat Unzeitgemäße und Moderne gibt, Stammesvertreter und Repräsentanten der urbanen Mittelschicht, Ex-Gadhafisten, ehemalige Islamisten, langjährige Oppositionelle, überzeugte Vertreter der Menschenrechte. Daraus kann man aber nicht ableiten, dass dieser Übergangsrat zerbrechlich oder gar illegitim wäre. Damit würde man außer Acht lassen, dass die demokratische Strömung die überwältigende Mehrheit bildet und jeden Tag neue Erfolge zu verzeichnen hat.

Man würde auch hier wieder vergessen, dass Widerstandsbewegungen in der Geschichte immer, fast per definitionem, aus derartigen Koalitionen bestanden. Wenn man diese Tatsache leugnet und wie im Algerien der FLN nur einen einzigen Kopf sehen will – entwickeln sich die Dinge nicht gerade dann zum Schlechten? Und müsste man dann nicht auch der französischen Widerstandsbewegung von 1940 im Nachhinein vorwerfen, dass sie in London Vertreter der Linken und der Rechten zusammenbrachte, Republikaner, die ihre verlorenen Werte betrauerten, und Männer der Action française, die die Republik für die Niederlage verantwortlich machten, Freimaurer und Nationalisten, Kommunisten und Sozialisten, Gaullisten und sogar Antigaullisten?

Die Gerüchte über Brüche innerhalb der libyschen Opposition sind bedeutungslos. Nach der Ermordung eines der Ihren sind sie mehr denn je dazu verdammt, ihre Kräfte zu sammeln und zu siegen. Die westliche Koalition ihrerseits hat keinerlei Grund, schwach zu werden, zu zweifeln oder gar darüber nachzudenken, ob sie einen der blutrünstigsten Tyrannen der arabischen Welt wieder in den Sattel heben sollte: In der Stunde, in der ein anderer Diktator, in Syrien, sein Volk in jenen »Strömen von Blut« ertränkt, die Gadhafi Libyen versprochen hatte, ist es wichtiger denn je, dass das Unternehmen zu Ende gebracht wird.

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke

 
Leser-Kommentare
  1. Es geht doch uns nur darum, das antisemitische Gaddafiregime zu schwächen. Alles andere ist uns doch einigermaßen egal. Übrigens verlief die Grenze zwischen Ost- und Westrom genau dort.

    Diese Leute sind ohnehin nicht auf unserer Seite, sie sind durch islamische Gewaltherrschaft geprägt. Ein modernes Gemeinwesen der Nächstenliebe, Mitentscheidung und Solidarität ist da kaum zu erwarten. Auch für die Franzosen ist ein Märtyrer Moulin besser als ein Terrorist in der Regierung von Nachkriegsfrankreich.

    • Harzer
    • 04.08.2011 um 18:36 Uhr

    ... Kolonialfranzösisch.

    ..."Der Mord am Militärchef der libyschen Rebellen kann kein Anlass sein, die Bewegung zu diskreditieren."...

    Natürlich wird niemand bei "uns" die "demokratischen" Rebellen diskreditieren wollen.
    Schließlich sind das UNSERE "demokratischen Nato-Schurken", die auch noch mit Öl winken können.

    Alle Medien, einschließlich der Zeit, versuchen mit aller Kraft für unsere Freunde zu retten, was nur geht ... ... .

    Es gibt auch ausgewogene Berichte:

    http://theintelligence.de...

    10 Leser-Empfehlungen
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    erkennen. Wenn die Mainstreammedien eine Sache unterstütz, dann ist immer höchste Vorsicht angebracht, weil Menschenrechte und Demokratie wurden bisher bei jedem vom Westen durchgeführten oder unterstützten kriegerischen Akt als Vorwand missbraucht. Dass der Westen hinter den Kulissen kräftig die Fäden zieht, das auch Mittels Geld und Agenten mit der Lizenz zum Töten (meist Anstiftung), ist naheliegend.

    ...es tut, da sie in die Berichterstattung der "westlichen Wertegemeindschaft" eingebunden ist!

    Der interessierte Leser weiß doch, wo er sich alternativ informieren kann.

    Zum Text des sogenannten "Philosophen" fällt mir herzlich wenig ein...nur: *zensiert*

    P.S. Die "Grande Nation" hat immer noch nicht begriffen das ihre Zeit vorbei ist!

    erkennen. Wenn die Mainstreammedien eine Sache unterstütz, dann ist immer höchste Vorsicht angebracht, weil Menschenrechte und Demokratie wurden bisher bei jedem vom Westen durchgeführten oder unterstützten kriegerischen Akt als Vorwand missbraucht. Dass der Westen hinter den Kulissen kräftig die Fäden zieht, das auch Mittels Geld und Agenten mit der Lizenz zum Töten (meist Anstiftung), ist naheliegend.

    ...es tut, da sie in die Berichterstattung der "westlichen Wertegemeindschaft" eingebunden ist!

    Der interessierte Leser weiß doch, wo er sich alternativ informieren kann.

    Zum Text des sogenannten "Philosophen" fällt mir herzlich wenig ein...nur: *zensiert*

    P.S. Die "Grande Nation" hat immer noch nicht begriffen das ihre Zeit vorbei ist!

  2. Und darum dürfte er mit seinem klugen und geschichtsbewussten Text hier in ein ziemliches Wespennest stoßen.

    Mein Dank an ZEIT-ONLINE, dass sie es gewagt hat, diesen Text des von mir sehr geschätzten französischen Philosophen hier in Deutschland zu veröffentlichen und zur Diskussion zu stellen!

    Eine Leser-Empfehlung
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    "Philosoph", das Wort ist hier einigermassen unpassend, denn übersetzt heisst es: Die Weisheit Liebender. Von Weisheit kann ich hier keine Spur entdecken [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/er

    "Im Ausland ein Fürstchen, zu Hause ein Würstchen."
    (Quelle: Spiegel-Online)

    (http://www.zeit.de/2010/0...)

    Aber wenigstens in seiner "Beurteilung" Westerwelles kann ich ihm zustimmen.

    (http://www.zeit.de/politi...)

    MfG
    biggerB

    "Philosoph", das Wort ist hier einigermassen unpassend, denn übersetzt heisst es: Die Weisheit Liebender. Von Weisheit kann ich hier keine Spur entdecken [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/er

    "Im Ausland ein Fürstchen, zu Hause ein Würstchen."
    (Quelle: Spiegel-Online)

    (http://www.zeit.de/2010/0...)

    Aber wenigstens in seiner "Beurteilung" Westerwelles kann ich ihm zustimmen.

    (http://www.zeit.de/politi...)

    MfG
    biggerB

  3. 4. Ohhhh

    Da ist aber einer wohl beleidigt. Hats nicht alles so geklappt, wie es die ideologiedurchtränkte Fantasie so wunderbar bunt ausgemalt hatte?
    Werter Herr Levy, ich weiss gar nicht, bei welcher der unzähligen Textstellen ich anfangen soll, um Sie auf den Boden der Tatsachen zurück zu holen.
    Ich pick mal einige beispielhaft heraus:
    1. Der genannte Chef der Nordallianz: Wollen Sie ernsthaft behaupten, dass Afghanistan in irgendeiner Weise als positives, gar erfolgreiches, Paradebeispiel einer westlichen Intervention gelten kann?
    2. "Stammesvertreter und Repräsentanten der urbanen Mittelschicht, Ex-Gadhafisten, ehemalige Islamisten, langjährige Oppositionelle, überzeugte Vertreter der Menschenrechte. Daraus kann man aber nicht ableiten, dass dieser Übergangsrat zerbrechlich oder gar illegitim wäre." Doch, kann man. Denn erstens fehlt eine wichtige Gruppe, nämlich die Islamisten. Zweitens sind Gadhafi und der westliche Geldsegen die einzigen Bindeglieder. Sobald diese wegfallen, wird jeder seine eigenen Interessen verfolgen, denn demokratischer Konsens ist ein generationenübergreifender Prozess. Von jetzt auf gleich, das KANN gar nicht gehen.
    3. Sie reden so oft von Geschichtsbewusstsein? Wie können Sie die Resistance mit Libyen vergleichen? Die Welt von 1940 auf einen kleinen nordafrikanischen Staat runterbrechen? Verständnisloses Kopfschütteln.

    15 Leser-Empfehlungen
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    ad 1: scheinbar hast du ein problem mit sinnerfassendem lesen: der mord an Massud ist ein Beispiel dafür, dass hochrangige Vertreter von Widerstandsbewengungen oftmals zu Zielscheiben verdeckt arbeitender Gruppen des Regimes, gegen dass sie sich auflehnen werden. nicht mehr und nicht weniger und somit ist dies ein zulässigervergleich und deine behauptung falsch.

    ad 2: nein kann man nicht. witzig übrigens dass im Zitat die Islamisten drin stehen und du 2 Zeilen darunter schreibst: "die Islamisten fehlen". Wahrnehmungsschierigkeiten?
    Dass hier eine sehr heterogene Grupep sich gegen Gaddafi verschworen hat ist ein gutes Zeichen für eine demokratische entwicklung nachher. Ein monolitischer Block als Gegenbewegung würde zu einer neuen Diktatur führen. Wäre das in deinem Sinn?

    ad 3: Dein geschichtsbewusstsein liegt bei null. Hängst du oft geschichtsrevisionistischen Tendenzen nach?

    ad 1: scheinbar hast du ein problem mit sinnerfassendem lesen: der mord an Massud ist ein Beispiel dafür, dass hochrangige Vertreter von Widerstandsbewengungen oftmals zu Zielscheiben verdeckt arbeitender Gruppen des Regimes, gegen dass sie sich auflehnen werden. nicht mehr und nicht weniger und somit ist dies ein zulässigervergleich und deine behauptung falsch.

    ad 2: nein kann man nicht. witzig übrigens dass im Zitat die Islamisten drin stehen und du 2 Zeilen darunter schreibst: "die Islamisten fehlen". Wahrnehmungsschierigkeiten?
    Dass hier eine sehr heterogene Grupep sich gegen Gaddafi verschworen hat ist ein gutes Zeichen für eine demokratische entwicklung nachher. Ein monolitischer Block als Gegenbewegung würde zu einer neuen Diktatur führen. Wäre das in deinem Sinn?

    ad 3: Dein geschichtsbewusstsein liegt bei null. Hängst du oft geschichtsrevisionistischen Tendenzen nach?

  4. 5. Morde

    Der Mord an einem hohen Militär,durch wen ist noch nicht
    geklärt, also kann es auch der französische Geheimdienst
    gewesen sein.

    Geheime Dienste wie die DSGE oder SDECE haben in der Ver-
    gangenheit schon übelste Taten vollbracht welche ausschließlich der Destabilisierung eines Landes oder Teile
    eines Landes nach französischer Aufassung dienlich waren.
    Mord und Totschlag waren zur Aufrechterhaltung der Kolonien
    alltägliches Werkzeug.

    Auch eine sogenannte philosophische Betrachtung bringt
    keine Änderung.Sie verschlimmert den Sachverhalt durch
    willkürliche Desinformation.

  5. wo das gutheissen von Straftaten mit bis zu 2 Jahren Gefaengnis bestraft wird. Frankreich und Deutschland zaehlt scheinbar zu denen

  6. da fehlt ein 'nicht'

    Eine Leser-Empfehlung
  7. "Philosoph", das Wort ist hier einigermassen unpassend, denn übersetzt heisst es: Die Weisheit Liebender. Von Weisheit kann ich hier keine Spur entdecken [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/er

    10 Leser-Empfehlungen

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