Digitale Identität : Lieber anonym als verfolgt

Google und Facebook wollen die Anonymität im Netz abschaffen. Sie könnten damit Leben gefährden.
Der Ägypter und Google-Mitarbeiter Wael Ghonim hat die einflussreiche Facebook-Gruppe "We are all Khaled Said" begründet – unter Pseudonym. © Nicholas Kamm/AFP/Getty Images

Seit Langem benutzen Menschen im Internet nicht ihre echten Namen, sondern Pseudonyme. Es ist sozusagen eine Tradition der Netzkultur. Manche ältere Nutzer führen ihre Onlinenamen, seit es das Internet gibt – seit zwanzig Jahren. Nun wird genau das infrage gestellt. Wie anonym dürfen Nutzer noch sein? Ist die Anonymität dafür verantwortlich, dass es im Internet so viele Hetzkommentare, so viel Betrug gibt? Würde es das Netz nicht zivilisieren, wenn sich alle Menschen mit ihrem echten Namen zu erkennen gäben, so wie im echten Leben auch?

Der Internetgigant Google will das Ende der Anonymität einläuten. Sein neues Soziales Netzwerk Google+ verlangt von allen Mitgliedern, dass sie sich mit ihrem offiziellen Namen anmelden. Wer das nicht tut, wird erst verwarnt und dann ausgeschlossen. Google+ ist erst wenige Wochen alt, aber es hat schon mehr als hundert Nutzer aus seinem Netzwerk hinausgeworfen, weil sie sich mit falschen Namen angemeldet hatten und von Google erwischt wurden.

Jillian C. York

ist Direktorin der Electronic Frontier Foundation, die zur Global Network Initiative gehört. Davor hat sie in Harvard über das Internet geforscht

Es gibt viele gute Gründe für diese neue Politik der Klarnamen: Sie verbessern das Verhalten der Nutzer, erschweren Mobbing und verhindern, dass sich Sicherheitskräfte undercover einschleichen, um andere zu überwachen. Vor allem übernehmen Menschen mehr Verantwortung für das, was sie schreiben, wenn sie unter ihrem echten Namen schreiben.

Anonymität hat aber nicht nur Nachteile. Manchmal schützt sie Menschen auch. Man sieht es, wenn man die Rolle von Facebook bei den arabischen Revolutionen betrachtet. Auch Facebook verlangt von seinen Mitgliedern, dass sie ihre Profile mit ihren echten Namen anmelden.

Der Ägypter Wael Ghonim, inzwischen weltberühmt als Gründer der einflussreichen Facebook-Gruppe We are all Khaled Said, wäre der Klarnamen-Regel beinahe zum Opfer gefallen. Seine Seite wurde einige Monate nach ihrer Gründung vorübergehend gesperrt, weil Ghonim sie unter einem Pseudonym angemeldet hatte. Ghonim, der selbst bei Google arbeitet, hatte Verbindungen zu Facebook, deshalb hat die Firma eine Ausnahme für ihn gemacht. Bei den Protesten in Ägypten spielte seine Facebook-Gruppe schließlich eine wichtige Rolle.

Ghonim hatte sich nicht unter seinem echten Namen angemeldet, weil er sich vor der Verfolgung durch das Mubarak-Regime schützen wollte. Seine Sorge war nicht unbegründet: Anfang des Jahres saß er fast zwei Wochen lang im Gefängnis, wahrscheinlich wegen seiner Facebook-Gruppe.

Ein anderes Beispiel ist das abgeschottete Syrien. Das Regime in Damaskus hatte Facebook jahrelang gesperrt und gab es im Februar frei – wahrscheinlich, um die unruhige Bevölkerung zu besänftigen. Das gab ihm aber auch die Möglichkeit, seine Bürger zu bespitzeln. Bald kursierten Gerüchte, dass Facebook-Aktivisten verhaftet und ihre Familien bedroht wurden. Ein Syrer, der vom Geheimdienst verhaftet worden war, berichtete, er sei bedroht und angewiesen worden, sein Facebook-Passwort beizubehalten. Wahrscheinlich wollte die Polizei seine Kontakte durch sein Konto heimlich beobachten.

Für Menschen, die in Diktaturen leben, stellt es ein Risiko dar, wenn sie im Netz identifiziert werden können. Sobald sie ein Profil in einem Sozialen Netzwerk wie Facebook oder Google+ anlegen, geben sie persönliche Daten preis. Diese werden von Konzernen verwaltet, die von autoritären Regierungen unter Druck gesetzt werden können. Im Extremfall bedeutet das, dass jemand sein Leben einem Privatunternehmen anvertraut.

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Kommentare

54 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

Nichts verstanden!

Genau so sehen es die iranischen Behörden auch: Es ist zwar egal ob die User wissen mit wem sie es zu tun haben, aber der Staat kann auf jeden Fall unliebige Personen identifizieren und in den Knast schmeißen.
Was für ein Bullshit!
Sie halten den Staat für deutlich zahnloser als er ist. Im Zweifelsfall wird es für die staatlichen Organe nicht schwer sein rauszufinden, wer hinter einem Pseudonym steckt. Dafür braucht er nicht die IP.
Was sie fordern ist eine Datenbank, mit welcher der Staat mittels data mining problemlos Persönlichkeitsprofile erstellen kann, da er ja weiß wo die Leute sich so im Internet rumtreiben. Da sich ein zunehmender Anteil der Kommunkation im Virtuellen abspielt, bedeutet das in Zukunft, dass die "Gedanken sind frei" historisch gesehen Folklore wird.
Sie sollten sich mal damit auseinandersetzen, was man alleine aus Zugangsdaten alles ableiten kann.

Ich lebe nicht im Iran und sehe mich von den dortigen Behoerden

nicht bedroht. Ich lebe in der EG und sehe den Staat als
Beschuetzer nicht als Verfolger. Wenn ich dem Staat dabei
helfen kann, tue ich das. Ich zwinge meine Meinung aber nicht anderen Leuten auf, jeder soll sich da anmelden oder
einloggen, wo er mag. Wenn ich aber gelegentlich Stimmen
hoere (hier in der Zeit) die das Einwohnermeldeamt abschaffen wollen, dann wuerde ich diesen Lesern doch empfehlen ihren Wohnsitz dahin zu verlegen, wo es das nicht
gibt.

Generationenkonflikt

Das sie in der EG leben ist ja schön und beleuchtet den Generationenkonflikt sehr schön. Mein Vater lebt auch in der EG und hat aufgrund seines Alters keinen wirklich Ahnung welche Implikationen IT für die Gesellschaft hat und welche Möglichkeiten es gibt.
Ich lebe aber in der EU und bin nebenbei so etwas wie ein "digital native".
Auch ich sehe erstmal den Staat als einen Beschützer, aber ich will das der Staat die Mittel hat, die notwendig sind um dieser Rolle gerecht zu werden.
Vorratsdatenspeicherung gehört z.B. nicht dazu. Der Nutzen ist im Vergleich zu den Missbrauchsmöglichkeiten verschwindend gering (zumindest für den Staat, für die Content-Industrie sieht das anders aus).
Was die Einwohnermeldeämter angeht: Gibt es nicht immer Spinner die irgendwelchen Blödsinn fordern?
Nochmal zum Generationenkonflikt: Die Generation meiner Großeltern, die als Erwachsene staatlichen Terror und Willkür in der NS-Zeit erlebt haben, wären vermutlich deutlich kritischer gegenüber der Vorratsdatenspeicherung. Das Aussterben dieser Generation kann man gut in der FDP beobachten, welche sich komplett von einer sozialliberalen Partei zu einer wirtschaftsliberalen Partei entwickelt hat.

Tun Sie das wirklich?

Sie schreiben einerseits, dass Sie Ihre Meinung keinem anderen Nutzer aufdrängen möchten, andererseits sollte es aber "In jedem Fall {..} keine anonymen Anmeldungen von Rechner geben - die Behoerden sollten Zugriff auf die Anmeldeadresse haben"
Das klingt für mich doch ganz eindeutig nach Zwang..
Desweiteren verstehe ich nicht, wie man ein so hohes Vertrauen in den Staat setzen kann, andererseits so große Angst vor seinen Mitmenschen hat, dass man unterdrückte Nummern nicht annimmt. Falls ich Sie auf der Straße ansprechen wollte, müsste ich mich dann erst ausweisen?

Ein sehr richtiger Artikel, insbesondere die letzten

beiden Absätze legen sehr gut dar, wohin die Reise gehen würde.

Und die über den Klarnamen des Internets ermittelten Daten lassen eins weiterhin zu:

Den anonymen Leser.

Und was der aus der Information macht, welche Handlungen und Ziele er/sie hieraus ableitet, kann in der realen Welt auch anonym bleiben.

Ein unfaires Verhältnis.

Anonymer Leser?

Ich muss ihrer Auffassung leider widersprechen: Es gibt auch den anonymen Leser nicht mehr.
Dieser wird einerseits von staatlicher Seite abgeschafft (--> Vorratsdatenspeicherung) und auf der anderen Seite von Konzernen. Auf wie vielen Seiten gibt es heute schon einen Facebook- oder Google+ Button? Ohne das sie davon etwas merken wird wenn sie auf die Seite gehen im Hintergrund durch die entsprechenden Plugins im Browser der Besuch an Google / Facebook übertragen. Dieser Mechanismus ist nur die Spitze des Eisbergs.
Ihre Anonymität als Leser können sie also getrost vergessen.
Internetnutzer sollten sich darüber klar sein, dass sie nicht der Kunde von Google / Facebook / etc. sind, sondern das Produkt. Ein Kunde zahlt für den Service. Zahlen sie für Facebook oder Google?

Ghostery

...verhindert diese im Hintergrund "mitschreibenden" Dienste.
Seit ein paar Tagen gibts das auch für Opera. Habs eben installiert.

Noch was zum Artikel:
"..und verhindern, dass sich Sicherheitskräfte undercover einschleichen, um andere zu überwachen."

Das ist Quatsch. Noch kann google nicht verhindern, dass ich mich mit einem Phantasienamen anmelde, solange dieser nicht zu "unglaubwürdig" klingt.

Wenns so einfach wäre...

Ich bin mir über solche Plugins bewusst und nutze sich auch. Im Zweifelsfall benutze ich TOR oder zumindest eine Proxy, ich verschicke Mails verschlüsselt, usw.
Ich bin aber vermutlich nicht der normal User, sondern habe überdurchschnittliche Kenntnis über IT.
Genau aus diesem Grund gehöre ich zu den Warnern was staatliche Datenbanken wie Vorratsdatenspeicherung, Steuer-ID, ELENA, usw. angeht. Den meistens Mitmenschen ist nicht klar was für mächtige Instrumente dem Staat dabei in die Hand gegeben werden und wie hoch das Missbrauchspotential ist. Und im Gegensatz zu Google hat der Staat das Gewaltmonopol, was er wie in Ägypten und Iran auch hemmungslos einsetzt.
Was meine Daten und Persönlichkeitsrechte in der Hand von privat Unternehmen angeht, so bin ich oft zunehmend ratlos und resigniert. Die Gradwanderung zwischen usability und Datenschutz wird immer schwieriger.

@ Hräswelger

Ihre Ausführungen sind ziemlich schwer zu verstehen:
"Mein Beitrag orientierte sich mehr am unabhängigen nichtkommerziellen anonymen Leser.
Ich gebe mal ein einfaches Beispiel: Der Stalker."
Kapier ich nicht.
Stalker gab es übrigens auch früher schon und gegen Telefonterror konnte man z.B. Fangschaltungen bestellen. Wenn sie heute eine Strafanzeige machen, dann können die Staatsorgane problemlos Ähnliches im Bereich der IT veranlassen.
Dieser ganze Zugangsdatenphantasie (=Vorratsdatenspeicherung) können sie im Endeffekt vergessen: Leute die ein bisschen Ahnung von der Materie haben, werden es ohne Probleme nicht die erwünschten strafrechtlich relevanten Spuren hinterlassen.

@ treppenwitz # 18

"Ihre Ausführungen sind ziemlich schwer zu verstehen:"
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Es tut mir leid, wenn ich mich so unverständlich ausgedrückt haben sollte; ich versuch es einfach mal neu.

Der von mir gemeinte anonyme Leser, der vor seinem Computer mitliest was ein ´Nickname´ alles von sich gibt, z.B. `lebe allein, gehe tagsüber arbeiten, kaum Freunde, lebe in Dortmund´ etc., hätte kaum die Möglichkeit diese Informationen mißbräuchlich zu nutzen.

Wird aus dem ´Nickname´ ein ´Klarname´ wäre das erheblich anders.

Name, Wohnort, wann in der Wohnung anzutreffen, etc. wären für jedermann als Information ungeschützt zugänglich.

Will sagen, ss muß sich also in der Betrachtung des Problems `Klarname´ nicht nur um irgendwelche Unternehmen oder staatlichen Datensammler handeln, wenn die Forderung nach einem Klarnamen große Gefahren birgt, sondern auch für den privaten Lebensbereich ist es gefährlich.

Abschließend:
Wenn ich Ihren Klarnamen hätte, könnte ich zumindest sehr viel über Sie wissen, muß aber selbst bei Zeit-Online nicht angemeldet sein. Ich lese einfach nur mit, Sie wüßten aber nichts von meinem informationsgewinn; den ich wiederum nach meinem Gutdünken nutzen könnte.

#9/#12: Die sind zwar gut, aber reichen leider nicht mehr

wenn man diesem Artikel über neue "Super-Cookies" glauben darf, die die bisherige Sauerei mit den Flash-Keksen noch weit in den Schatten stellt:

Die Rückkehr der Zombie-Cookies
Security-Forscher haben unter dem romantischen Namen KISSmetrics eine bereits kommerziell eingesetzte Tracking-Technik entdeckt, die dem Internetbenutzer keine Chance auf irgendeine Anonymität lässt

Sicher kann man auch das wieder umgehen, aber dieser "Krieg" wird weitergehen.

Aber immerhin gibt es auch ein Tool, das die Vernetzung dieser ganzen Dienste anzeigt:

Nur als Beispiel:
VGWort.de tracked mich auf zeit.de und heise.de
Google.de tracked mich auf zeit.de
Und meine Bank tracked mich ebenfalls

socialnettes ...

... falls es in diesem mittlerweile Kommerz beladenen www überhaupt gibt, Ich kann mir nicht vorstellen, daß draußen in der "heilen" Welt, alle mit ihren Daten zu Beginn einer Ansprache offen darlegen.

Was wollen uns diese Befindlichkeiten vermitteln. Es ist leichter für die das "Marketing" betreibenden Firmen, ihren Klienten alle verfügbaren, persönlichen Daten übermitteln zu können. Solche eine "Blase" erhält dann Bio-Werte in US $. Gut es erspart ZEIT, aber wenn sich dieser niemand mehr bedienen mag, sieht mancher Verlag alt aus, da nutzt dann auch keine noch so versteckte "Werbung" im Netz.

Vergleichen wir das Netz mit der Realität draußen in der Welt, da muß sich der geneigte "Consumer" fragen lassen, ob er am Eingang einer Kneipe alle seine ihm bekannten Daten auf den Tresen legt, vereinfacht gesagt. Nur so schafft man Kommunkation im Alltag ab und BürgerINnen werden nur noch als "Verbraucher/Consumer" wahrgenommen. Klar, Namen sind dazu da, genannt zu werden. Wo jedoch unklar und immer unklarer wird, was damit geschieht und vor allen Dingen, wer die alle, zu welchen Zwecken auch immer, verarbeitet, der darf sich auch gerne ein "Synonym" zulegen. Das gibt es bereits seit Jahrzehnten im schreibenden Genre. Der Beispiele von Despoten, das sei einmal gesagt, dem müssen wir uns in einem freiheitlichen Lande keineswegs anschließen oder sind einige Staaten in Europa bereits auf dem Wege dorthin. Man könnte es wahrscheinlich ahnen, wenn man es schon nicht wissen will.

Der Artikel kommt zu früh

Diesen Artikel hätte man - zumindest in Bezug auf den erst wenige Wochen alten Dienst Google+ - frühestens ein einem Jahr schreiben sollen. Wie kann man ernsthaft von einen solchen Dienst die Lösung alter Menschheitsprobleme erwarten? Das gilt in gewisser Weise genauso für Facebook.

Im übrigen gab es (auf Google+) zu dem Thema Klarnamenpolitik vs. Pseudonyme viele ausführliche Diskussionen und eine Sache muss einfach klar sein:

In einer Diktatur, die in der Lage ist den Netz nahezu umfänglich zu kontrollieren (China ist nah dran) reicht es nicht nur ein unverfängliches Pseudonym zu zeigen. Vielmehr muss selbst der Anbieter wie Google nicht in der Lage sein auf staatliche Anfrage hin Daten zu liefern, die zu einer Identifizierung der Nutzers führen können.

Ein Google Mitarbeiter hat dazu interessant Gedankenspiele angestellt die wiederum die Frage aufwerfen, ob ein solcher Dienst - gäbe es ihn denn - nicht sofort in den entsprechenden Ländern blockiert würde.

Von daher: Die Revolution den Internetkonzernen aufzudrängen ist viel zu kurzsichtig.