Seit Langem benutzen Menschen im Internet nicht ihre echten Namen, sondern Pseudonyme. Es ist sozusagen eine Tradition der Netzkultur. Manche ältere Nutzer führen ihre Onlinenamen, seit es das Internet gibt – seit zwanzig Jahren. Nun wird genau das infrage gestellt. Wie anonym dürfen Nutzer noch sein? Ist die Anonymität dafür verantwortlich, dass es im Internet so viele Hetzkommentare, so viel Betrug gibt? Würde es das Netz nicht zivilisieren, wenn sich alle Menschen mit ihrem echten Namen zu erkennen gäben, so wie im echten Leben auch?

Der Internetgigant Google will das Ende der Anonymität einläuten. Sein neues Soziales Netzwerk Google+ verlangt von allen Mitgliedern, dass sie sich mit ihrem offiziellen Namen anmelden. Wer das nicht tut, wird erst verwarnt und dann ausgeschlossen. Google+ ist erst wenige Wochen alt, aber es hat schon mehr als hundert Nutzer aus seinem Netzwerk hinausgeworfen, weil sie sich mit falschen Namen angemeldet hatten und von Google erwischt wurden.

Es gibt viele gute Gründe für diese neue Politik der Klarnamen: Sie verbessern das Verhalten der Nutzer, erschweren Mobbing und verhindern, dass sich Sicherheitskräfte undercover einschleichen, um andere zu überwachen. Vor allem übernehmen Menschen mehr Verantwortung für das, was sie schreiben, wenn sie unter ihrem echten Namen schreiben.

Anonymität hat aber nicht nur Nachteile. Manchmal schützt sie Menschen auch. Man sieht es, wenn man die Rolle von Facebook bei den arabischen Revolutionen betrachtet. Auch Facebook verlangt von seinen Mitgliedern, dass sie ihre Profile mit ihren echten Namen anmelden.

Der Ägypter Wael Ghonim, inzwischen weltberühmt als Gründer der einflussreichen Facebook-Gruppe We are all Khaled Said, wäre der Klarnamen-Regel beinahe zum Opfer gefallen. Seine Seite wurde einige Monate nach ihrer Gründung vorübergehend gesperrt, weil Ghonim sie unter einem Pseudonym angemeldet hatte. Ghonim, der selbst bei Google arbeitet, hatte Verbindungen zu Facebook, deshalb hat die Firma eine Ausnahme für ihn gemacht. Bei den Protesten in Ägypten spielte seine Facebook-Gruppe schließlich eine wichtige Rolle.

Ghonim hatte sich nicht unter seinem echten Namen angemeldet, weil er sich vor der Verfolgung durch das Mubarak-Regime schützen wollte. Seine Sorge war nicht unbegründet: Anfang des Jahres saß er fast zwei Wochen lang im Gefängnis, wahrscheinlich wegen seiner Facebook-Gruppe.

Ein anderes Beispiel ist das abgeschottete Syrien. Das Regime in Damaskus hatte Facebook jahrelang gesperrt und gab es im Februar frei – wahrscheinlich, um die unruhige Bevölkerung zu besänftigen. Das gab ihm aber auch die Möglichkeit, seine Bürger zu bespitzeln. Bald kursierten Gerüchte, dass Facebook-Aktivisten verhaftet und ihre Familien bedroht wurden. Ein Syrer, der vom Geheimdienst verhaftet worden war, berichtete, er sei bedroht und angewiesen worden, sein Facebook-Passwort beizubehalten. Wahrscheinlich wollte die Polizei seine Kontakte durch sein Konto heimlich beobachten.

Für Menschen, die in Diktaturen leben, stellt es ein Risiko dar, wenn sie im Netz identifiziert werden können. Sobald sie ein Profil in einem Sozialen Netzwerk wie Facebook oder Google+ anlegen, geben sie persönliche Daten preis. Diese werden von Konzernen verwaltet, die von autoritären Regierungen unter Druck gesetzt werden können. Im Extremfall bedeutet das, dass jemand sein Leben einem Privatunternehmen anvertraut.