ZEITmagazin: Frau Fried, Sie sind eine erfolgreiche Bestsellerautorin, bald erscheint Ihr neunter Roman. Wie alt waren Sie, als Sie anfingen zu schreiben?

Amelie Fried: Ich habe mit elf angefangen, Tagebuch zu schreiben, und zwar ausgelöst durch das Buch Harriet – Spionage aller Art. Es handelte von einer Elfjährigen, die in ihrer Umgebung alle ausspionierte, weil sie so gerne verstehen wollte, wie die Menschen funktionieren. Alle ihre Erkenntnisse vertraute sie ihrem Tagebuch an. Das habe ich auch gemacht, bis ich Ende dreißig war. Als unser erstes Kind kam, begann ich mit dem Bücherschreiben.

ZEITmagazin: Gab es jemals eine Geschichte, die Sie an den Rand der Verzweiflung gebracht hat?

Fried: Oh ja! Das Buch Der Mann von nebenan geht auf einen Nachbarn zurück, mit dem wir Gartenzaun an Gartenzaun lebten. Dieser Mann hat uns viele Jahre gequält und einen solchen Terror entfaltet, dass wir kurz davor waren, dieses von uns sehr geliebte Haus wieder zu verlassen und wegzuziehen. Das Buch hatte eine Art therapeutische Funktion für mich.

ZEITmagazin: Worin bestand die Quälerei?

Fried: Man kennt ja diesen Typus des notorischen Querulanten, der immer an allem und jedem etwas auszusetzen hat. Wenn ein Blatt von einem unserer Apfelbäume über den Zaun in seinen Garten fiel, dann war das für ihn ein Grund, sich zu beschweren. Oder die Thujenhecke, die ihm eines Tages einfach nicht mehr passte, obwohl er selbst unsere Vorgänger genötigt hatte, sie zu pflanzen.

ZEITmagazin: Wer spricht jetzt: die Autorin?

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Fried: Nein, nein, wir reden noch von der Wirklichkeit. Richtig dramatisch wurde es, als wir einen genehmigten Anbau von 100 Quadratmeter Grundfläche aufstellten. Durch einen Fehler im amtlichen Lageplan ist dieser Anbau sage und schreibe 40 Zentimeter zu nah an sein Grundstück gerückt, und da kam seine große Stunde.

ZEITmagazin: Wie hat er die 40 Zentimeter überhaupt bemerkt?

Fried: Er ist eines Tages unter dem Gartenzaun durch. Unter dem Vorwand, die Thujenhecke zu messen, hat er einen Zollstock bis zu unserem Haus geschoben. Ich weiß nicht, was wir ihm alles an Entschädigung angeboten haben, aber er wollte den Abriss.