Der Kampf um den Titel begann für den CDU-Politiker Roland Wöller am 5. November 2007. An jenem Montag ging ein Päckchen ein im Dekanat der Philosophischen Fakultät der TU Dresden . Im Umschlag lag eine 17 Jahre alte Magisterarbeit aus Bonn: Die Anfänge des Forschungsbeirates für Fragen der Wiedervereinigung Deutschlands. Das Werk, forderte sein Verfasser, solle man sich genauer ansehen.

Seit diesem Tag vor fast vier Jahren könnte für Roland Wöller, heute Kultusminister Sachsens , eine Magisterarbeit aus der Wendezeit gefährlich werden. Die Arbeit ist – nach Hinweisen aus der Blogger-Szene – seit einer Woche ein Thema im Freistaat, auf den Fluren der Ministerien und in den Newsrooms der Redaktionen wird die Frage diskutiert: Hat etwa auch Wöller, der 41-jährige Aufsteiger der sächsischen Union, der VWL-Professor, dieser Karrieremann mit besten Verbindungen in die Bundespolitik – hat dieser Minister, der Vorbild für Zehntausende Schüler sein soll, wirklich Teile seiner Dissertation abgeschrieben?

Der Forschungsbeirat für Fragen der Wiedervereinigung Deutschlands 1952–1975, so heißt Wöllers Promotion. Eingereicht am Lehrstuhl für Wirtschaftsgeschichte, verteidigt am 19. Dezember 2002 an der Philosophischen Fakultät, benotet von den Gutachtern mit der zweitbesten Note »magna cum laude«. Zu Unrecht? Ist die Arbeit ein Plagiat? Schummelei? Schludrig gemacht?

Der Versuch, die Aufregung um Wöllers Promotion zu ergründen, führt nach Berlin. Jener Mann, der dafür gesorgt hat, dass Sachsens Kultusminister seit einer Woche geradezu panisch Krisen-PR betreibt, sitzt in einem Café vor der Bundesbehörde, in der er arbeitet. Bernd Adolph ist ein großer, schlanker Mann. Er lächelt nicht. »Es geht um das Gefühl, da habe jemand seine Karriere auf eineinhalb Jahren meiner Arbeit aufgebaut«, sagt er. Adolph hat die TU Dresden im Jahr 2007 über seinen Verdacht informiert.

Das Thema seiner Arbeit interessiert den 47-Jährigen bis heute. Er sagt, er habe sich gefreut, als vor ein paar Jahren neue Literatur erschien – Wöllers Dissertation. Er hat sich das 50 Euro teure Buch bestellt, dann darin gelesen. Und schnell habe er gespürt: »Das kommt dir bekannt vor. Das hast du nicht nur schon mal gelesen. Das hast du auch schon mal geschrieben.«

Der Verdacht war begründet. Zu diesem Schluss kam, wie erst jetzt bekannt wurde, Ende 2007 der Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät der TU Dresden. Zwar sei Wöller »kein Täuschungsvorwurf im akademischen Sinne« zu machen, schrieb der damalige Studiendekan Anfang 2008 in einem Brief, der an Wöllers Privatadresse ging, an den »sehr geehrten Herrn Staatsminister«. Allerdings halte man »die Menge der Übereinstimmungen« zwischen Magisterarbeit und Dissertation »für bedenklich«, Wöller habe »im konkreten Einzelfall nicht im hinreichenden Maße« mit dem Original übereinstimmende Stellen kenntlich gemacht. Eine Ohrfeige für einen Bildungsminister. Aber keine Aberkennung seines Titels.

»Als ich diesen Brief las, war ich sehr zerknirscht und getroffen, weil mir tatsächlich Fehler unterlaufen sind«, sagt Wöller im Interview (siehe unten). Er sagt das so oft, dass es wie auswendig gelernt klingt. Die Prüfung, das zu betonen sei ihm wichtig, ergebe deutlich, dass ihm kein Plagiat vorzuwerfen sei.

Aber wie verlief diese Prüfung? Es ist beschwerlich, das Plagiatsverfahren, das die TU Dresden 2007 einleitete, zu rekonstruieren. Sechs bis sieben Professoren und Dozenten, sagt der Kunsthistoriker Bruno Klein, seien involviert gewesen. Klein war Chef des Promotionsausschusses der Philosophischen Fakultät, heute ist er ihr Dekan. Er selbst habe die Arbeiten nebeneinander gelegt und verglichen. Es habe lebhafte Diskussionen gegeben, sagt Klein. Am Ende sei einhellig entschieden worden – Rüge, aber keine Aberkennung. Jedoch: Externe Gutachten seien nicht angefertigt worden, sagt Klein. Und ein Urheberrechts-Jurist, der damals als Experte herangezogen wurde, betont: »Ich habe die Arbeit nicht gelesen.« Allenfalls einige wenige Fundstellen, auf die man ihn hinwies, habe er untersucht. Diese seien in jedem Falle »grenzwertig« gewesen: schlecht zitiert, also auf den ersten Blick abgeschrieben. Aber kein Verstoß gegen das Urheberrecht. »Die Arbeit ist von mir nicht abgesegnet worden«, sagt der Jurist.

Einer, der 2007 an der Untersuchung beteiligt war, sagt arglos: »Damals war eher die Stimmung, das auf ganz kollegiale Art zu bereinigen.« Und ein Dozent, der am Lehrstuhl für Wirtschaftsgeschichte arbeitete, als Wöller dort promoviert hat, berichtet über das Plagiatsverfahren: »Mein Eindruck war, dass die Universität dazu tendierte, die Sache schnell abzuschließen.« Es gibt an der TU Dresden einen Ombudsmann als Hüter der wissenschaftlichen Redlichkeit, doch er wurde damals nicht über die Prüfung informiert.