Figo mag nicht mehr. Zwei Stunden lang ist er gelaufen, immer bergauf, von 800 auf 1100 Meter, über Asphalt und Schotter und Gras und Waldwege. Jetzt reicht es ihm, jetzt steht er da. Und kackt. Mitten auf die Straße. Ich ziehe an seiner Leine. »Komm, Figo!« Er starrt mich unverwandt an. Dass Esel störrisch sind, wusste ich. Was ich nicht wusste: dass sie so störrisch sind. »Los, Figo, komm schon!« Er geht zwei Schritte nach vorne. »Guter Figo!« Zwei Schritte nach links. »Ja, Figo!« Er steckt den Kopf in die Kräuter am Wegesrand. »Nein, Figo!« Figo kaut. Kurze Pause in den Alpen, auf dem Weg zur Tunetschalp, zum sanften Tourismus.

Denn die Ferien, die man hier oben, auf einem kleinen Biohof in den Bergen des Wallis, verbringen kann, sollen etwas ganz Besonderes sein. Das Angebot besteht unter anderem aus Trekking in Esel- oder Ziegenbegleitung, Melken, Käsen und Alpenkräuterkursen, drei Tage für gut 200 Euro: ein Erlebnis, so heißt es beim örtlichen Tourismusbüro unten im Tal, das einzigartig sei in der Region. Eine Gelegenheit, »Land und Leute« kennenzulernen, »ganz ursprünglich«.

Ganz ursprünglich! Mit der Sonne aufstehen, über taunasse Alpwiesen laufen, umgeben nur von Bergen und Tieren! Zugegeben – das einzige Tier, zu dem ich bisher engeren Kontakt hatte, war eine Hauskatze. Und in einer Welt ohne elektrisches Licht und warmes Wasser will ich nicht leben, jedenfalls nicht dauerhaft. Ich bin Städter, und ich bin es gerne. Andererseits: kein Internet, kein Handy, keine Hektik. Körperliche Arbeit in klarem Rhythmus, Zeit, um sich selbst und seinen Seelenfrieden zu finden – allein schon der Gedanke hat etwas Reinigendes. Und so habe ich mich angemeldet: zum Melken, zum Käsen und zum Auftanken.

»Hier oben wirst du wieder zum Geschöpf«, sagt Torsten

Mittlerweile sind die ersten zwei Stunden meines Urlaubs vorbei, körperlich gearbeitet habe ich schon jede Menge, aber Seelenfrieden scheint dabei bisher nur der Esel gefunden zu haben. Figo frisst immer noch. Neben ihm steht Priska, die mich im Tal abgeholt hat: 25, Kinderpflegefachfrau aus Luzern, Nasenpiercing und lautes Lachen. Priska ist eine der Freiwilligen, die die Tunetschalp bewirtschaften und sich um die Tiere und die Käseproduktion kümmern. Der Alpbauer selbst schaut nur alle paar Tage vorbei. Er hat noch einen anderen Hof und wenig Zeit.

Ich zerre am Seil. Nichts. Mein Rücken ist inzwischen schweißnass, mein Rucksack drückt, und meine Hand tut weh. »Ein Tipp«, sagt Priska: »Lass einfach die Leine locker, dann kommt er von selbst.« Ich lasse die Leine locker. Figo hört auf zu fressen, hebt den Kopf und schaut mich an. Dann, plötzlich, trabt er los, die Leine spannt, ich mache einen Satz, Figo trabt weiter, zwei Meter, fünf Meter. Dann steht er wieder. Und frisst.

Während der fünf Stunden, die wir brauchen, um die Tunetschalp zu erreichen, gibt es ein Picknick mit Käse, Wurst und Brot aus Eigenproduktion. Priska erzählt, sie habe schon letztes Jahr auf der Alp gearbeitet, mehrere Monate lang, von halb sechs morgens bis acht Uhr abends, für 15 Euro Aufwandsentschädigung pro Tag. »Und das reicht dir?« Priska nickt. »Weil ich mich frei fühle, wenn ich da oben auf der Wiese sitze und die Blumen rieche.« Ich blicke ins Tal hinunter. Ein Kirchturm glänzt im Sonnenschein, ein paar Häuser drängeln sich um ihn herum, rot und braun die Dächer, dazwischen schlängelt sich ein grünes Band, der Dorfbach, und die Vögel zwitschern. Für einen Augenblick schäme ich mich ein bisschen. Jammerlappen.

Hinter dem letzten Gatter, das Priska aufstößt, beginnt die Alp: 60 Hektar Land, ein unendlicher grüner Berghang. Grillen zirpen, ein Schmetterling huscht von Blüte zu Blüte, jeder Schritt wird von Dutzenden Grashüpfern begleitet. Irgendwann taucht ein Haus in der Ferne auf, mitten im Berg, mitten auf der Wiese. Hinter dem Haus stehen Tannen, vor dem Haus steht ein Jeep. Wäsche hängt an einer Leine. Priska sagt: »Die Tunetschalp.« Für einen Augenblick überkommt mich so etwas wie Zufriedenheit. Dann beginnt es zu nieseln.