WallisDer Städter und sein Alptraum

Kein Handy, keine Hektik? Auf der Tunetschalp im Wallis darf der Urlauber käsen und melken, bis die Beine zittern von Rudolf Novotny

Figo mag nicht mehr. Zwei Stunden lang ist er gelaufen, immer bergauf, von 800 auf 1100 Meter, über Asphalt und Schotter und Gras und Waldwege. Jetzt reicht es ihm, jetzt steht er da. Und kackt. Mitten auf die Straße. Ich ziehe an seiner Leine. »Komm, Figo!« Er starrt mich unverwandt an. Dass Esel störrisch sind, wusste ich. Was ich nicht wusste: dass sie so störrisch sind. »Los, Figo, komm schon!« Er geht zwei Schritte nach vorne. »Guter Figo!« Zwei Schritte nach links. »Ja, Figo!« Er steckt den Kopf in die Kräuter am Wegesrand. »Nein, Figo!« Figo kaut. Kurze Pause in den Alpen, auf dem Weg zur Tunetschalp, zum sanften Tourismus.

Denn die Ferien, die man hier oben, auf einem kleinen Biohof in den Bergen des Wallis, verbringen kann, sollen etwas ganz Besonderes sein. Das Angebot besteht unter anderem aus Trekking in Esel- oder Ziegenbegleitung, Melken, Käsen und Alpenkräuterkursen, drei Tage für gut 200 Euro: ein Erlebnis, so heißt es beim örtlichen Tourismusbüro unten im Tal, das einzigartig sei in der Region. Eine Gelegenheit, »Land und Leute« kennenzulernen, »ganz ursprünglich«.

Anzeige
Anreise

Mit dem Zug bis nach Brig, von dort mit der regionalen Matterhorn Gotthard Bahn noch 17 Minuten bis zur Station Mörel. Hier werden die Gäste in der Regel mit Eseln oder Packziegen abgeholt. Die reine Gehzeit zur Tunetschalp beträgt gut zwei Stunden, je nach Lasttier aber auch erheblich länger. Dafür muss man sein Gepäck dann nicht selbst schleppen.

Tunetschalp

Auf den Weiden der ersten zertifizierten Bio-Alp im Kanton Wallis grasen im Sommer Esel, Pferde, Ziegen, Schafe und Kühe. Wer sich hier einquartiert, kann aus verschiedenen Möglichkeiten seinen persönlichen Alpurlaub zusammenstellen. Angeboten werden zum Beispiel ein- oder zweitägige Eseltrekkingtouren mit Verpflegung (Preis je nach Arrangement). Auch selbstständige Wanderungen mit Eseln sind möglich sowie Trekkingtouren mit Packziegen.

Auf der Alp kann man Landwirtschaft ganz nah erleben – indem man zusieht oder mit anpackt: In der Käserei etwa lässt sich der Weg von der Milch bis zum Käse in allen Einzelschritten erlernen.

Für Familien bietet die Alp auch Kräuterkurse und Kindererlebnistage an. Im Winter gibt es Schneeschuhtouren.

Die Verpflegung besteht aus hofeigenen, saisonalen Produkten. Übernachtet wird je nach Vorliebe in der Walliseralphütte (chalet), in der bis zu sechs Personen Platz finden (80 Euro/Tag), oder im Stall im Stroh (23 Euro pro Person einschließlich Älplerfrühstück, auf Wunsch Raclette am offenen Feuer). Infos und Arrangements: Simon Bohnet, CH-3983 Mörel-Filet, Tel. 0041-79/4173715, www.eselaletsch.ch

Auskunft

Schweiz Tourismus, Rossmarkt 23, 60311 Frankfurt a.M. Tel. 00800/100 200 30 oder http://www.myswitzerland.com/de

Ganz ursprünglich! Mit der Sonne aufstehen, über taunasse Alpwiesen laufen, umgeben nur von Bergen und Tieren! Zugegeben – das einzige Tier, zu dem ich bisher engeren Kontakt hatte, war eine Hauskatze. Und in einer Welt ohne elektrisches Licht und warmes Wasser will ich nicht leben, jedenfalls nicht dauerhaft. Ich bin Städter, und ich bin es gerne. Andererseits: kein Internet, kein Handy, keine Hektik. Körperliche Arbeit in klarem Rhythmus, Zeit, um sich selbst und seinen Seelenfrieden zu finden – allein schon der Gedanke hat etwas Reinigendes. Und so habe ich mich angemeldet: zum Melken, zum Käsen und zum Auftanken.

»Hier oben wirst du wieder zum Geschöpf«, sagt Torsten

Mittlerweile sind die ersten zwei Stunden meines Urlaubs vorbei, körperlich gearbeitet habe ich schon jede Menge, aber Seelenfrieden scheint dabei bisher nur der Esel gefunden zu haben. Figo frisst immer noch. Neben ihm steht Priska, die mich im Tal abgeholt hat: 25, Kinderpflegefachfrau aus Luzern, Nasenpiercing und lautes Lachen. Priska ist eine der Freiwilligen, die die Tunetschalp bewirtschaften und sich um die Tiere und die Käseproduktion kümmern. Der Alpbauer selbst schaut nur alle paar Tage vorbei. Er hat noch einen anderen Hof und wenig Zeit.

Ich zerre am Seil. Nichts. Mein Rücken ist inzwischen schweißnass, mein Rucksack drückt, und meine Hand tut weh. »Ein Tipp«, sagt Priska: »Lass einfach die Leine locker, dann kommt er von selbst.« Ich lasse die Leine locker. Figo hört auf zu fressen, hebt den Kopf und schaut mich an. Dann, plötzlich, trabt er los, die Leine spannt, ich mache einen Satz, Figo trabt weiter, zwei Meter, fünf Meter. Dann steht er wieder. Und frisst.

Während der fünf Stunden, die wir brauchen, um die Tunetschalp zu erreichen, gibt es ein Picknick mit Käse, Wurst und Brot aus Eigenproduktion. Priska erzählt, sie habe schon letztes Jahr auf der Alp gearbeitet, mehrere Monate lang, von halb sechs morgens bis acht Uhr abends, für 15 Euro Aufwandsentschädigung pro Tag. »Und das reicht dir?« Priska nickt. »Weil ich mich frei fühle, wenn ich da oben auf der Wiese sitze und die Blumen rieche.« Ich blicke ins Tal hinunter. Ein Kirchturm glänzt im Sonnenschein, ein paar Häuser drängeln sich um ihn herum, rot und braun die Dächer, dazwischen schlängelt sich ein grünes Band, der Dorfbach, und die Vögel zwitschern. Für einen Augenblick schäme ich mich ein bisschen. Jammerlappen.

Hinter dem letzten Gatter, das Priska aufstößt, beginnt die Alp: 60 Hektar Land, ein unendlicher grüner Berghang. Grillen zirpen, ein Schmetterling huscht von Blüte zu Blüte, jeder Schritt wird von Dutzenden Grashüpfern begleitet. Irgendwann taucht ein Haus in der Ferne auf, mitten im Berg, mitten auf der Wiese. Hinter dem Haus stehen Tannen, vor dem Haus steht ein Jeep. Wäsche hängt an einer Leine. Priska sagt: »Die Tunetschalp.« Für einen Augenblick überkommt mich so etwas wie Zufriedenheit. Dann beginnt es zu nieseln.

Leserkommentare
  1. Dieses trotzige Bestehen auf dem Recht sich selbst zu limitieren und das noch toll zu finden fand ich schon immer lächerlich.

    Von Besuchern der Alpen hört man das alle Naselang, die verwechseln dummerweise Natur mit Einfalt und Stadt mit Leben.

    Ein Urlaub kann den entglittenen Sinn des Lebens häufig nicht nahebringen, daztu dürften schon Brüche erforderlich sein.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wer limitiert sich.

    Seit ich aus der Stadt aufs Land gezogen bin, weiß ich erst, wie gut das tut.

    Nun geht es einen Schritt weiter, vom Land in Stadtnähe so richtig aufs Land, gezielt ohne Fernseher und anderen technischen Schnickschnack.

    Ich kenne die Haltung der Staedter aus eigener, früherer verblendung.

  2. Es wäre interessant zu erfahren, ob die Tunetschalp eine Privatalp ist oder eine im Besitz einer Gemeinde oder Alpkorporation. Bauern, die eine eigene Alp besitzen, geht es in der Regel finanziel recht gut. Keine Ahnung, wie man sich da für einen symbolischen Betrag von SFr. 15.- pro Tag abrackern kann. Aber wer sich gerne ausnutzen lässt...

    Aber auch den Bauern, die ihr Vieh auf Alpen in Gemeinschaftsbesitz bringen, geht es üblicherweise nicht so schlecht, dass sie als Hilfsbedürftig angesehen werden müssen. Bauern, die in der Schweiz im Sommer ihr Vieh z'Alp bringen, erhalten extra Sömmerungsbeiträge (staatliche Hilfsgelder). Nett, wenn sich da irgendwelche Städter fast gratis als Arbeitskraft andienen. Der Bauer hat weniger Arbeit mit dem Vieh und erhält die staatlichen Gelder, der Städter hat die Grenzerfahrung. Meine Sache wärs da nicht freiwillig zu arbeiten.

    Was der Autor als Art ursprüngliche Idylle anpreist, nämlich der fehlende Anschluss an die Kanalisation, ist aus ökologischer Sicht ein grosses Problem. Wenn nur ein paar Leute auf der Alp sind, gehts ja noch einigermassen, aber sobald Touristen kommen, wirds problematisch. Oft gibts nämlich weiter abwärts Wasserfassungen, welche die Leute im Tal mit Trinkwasser versorgen - und da können die Fäkalien der Touristen zum echten Problem werden. Man sollte sich als Tourist an Orten wie der Tunetschalp massgeblich zur örtlichen Wasserverschmutzung beiträgt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der letzte Satz sollte eigentlich heissen: "Man sollte sich als Tourist an Orten wie der Tunetschalp BEWUSST SEIN, DASS MAN massgeblich zur örtlichen Wasserverschmutzung beiträgt.

    Als Einheimische (Talbewohnerin) bin ich der Meinung, dass Tourismus verboten werden sollte, wo kein Anschluss an eine Kanalisation vorhanden ist. Die Alpbesitzer verdienen sich ein Zubrot mit den Touristen auf Kosten der andern Talbewohner (die wesentlich mehr zur Wirtschaftsleistung der Talschaft beitragen, als die Bauern).

  3. Der letzte Satz sollte eigentlich heissen: "Man sollte sich als Tourist an Orten wie der Tunetschalp BEWUSST SEIN, DASS MAN massgeblich zur örtlichen Wasserverschmutzung beiträgt.

    Als Einheimische (Talbewohnerin) bin ich der Meinung, dass Tourismus verboten werden sollte, wo kein Anschluss an eine Kanalisation vorhanden ist. Die Alpbesitzer verdienen sich ein Zubrot mit den Touristen auf Kosten der andern Talbewohner (die wesentlich mehr zur Wirtschaftsleistung der Talschaft beitragen, als die Bauern).

  4. Wer limitiert sich.

    Seit ich aus der Stadt aufs Land gezogen bin, weiß ich erst, wie gut das tut.

    Nun geht es einen Schritt weiter, vom Land in Stadtnähe so richtig aufs Land, gezielt ohne Fernseher und anderen technischen Schnickschnack.

    Ich kenne die Haltung der Staedter aus eigener, früherer verblendung.

    • negve
    • 13. August 2011 20:40 Uhr

    300 Höhenmeter in 2 Stunden? Echt jetzt. Der Städter sollte tatsächlich öfters mal wandern oder sich bewegen...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    .... wie lesen konnte wer wollte.

    • negve
    • 14. August 2011 20:17 Uhr

    Ich bin Senn in der Schweiz. Besitze Esen, Maultiere, Schafe und Kühe. Und die Esel bremsen niemanden. Die Sturheit ist ein gerne zitiertes Phänomen.

    Sie können gerne mal mit dem Felix von Langwies in die Fondai wandern. Sie werden rot, nass und schlapp. Garantiert.

  5. .... wie lesen konnte wer wollte.

    Antwort auf "??????????????????????"
  6. Ich finde den Artikel sehr süß. Man möchte dem Autor zum Trost ein Bad einlassen.

    • carban
    • 14. August 2011 9:52 Uhr

    ich muss schon sagen,in der heutigen zeit ist es doch immer wieder erstaunlich was aus uns geworden ist,dass schon ein wenig schafkacke uns so aus der fassung bringt.ich wundere mich jedes mal wenn ich sehen muss dass die kinder von heute zum teil weder obst noch gemüsesorten benennen können,noch ein tier und wenn es nur im zoo ist,richtig zuordnen können.was passiert eigentlich wenn es mal durch zufall zu einer "katastrophe" kommt und weltweit keine stromversorgung mehr funktioniert und wir wieder auf uns und unsere hände angewiesen sind?müssen wir dann alle sterben weil kaum noch jemand weiss wie man käse,butter...und all diese dinge herstellt?gott bewahre dass die massentierhaltung abgeschafft wird und das nutztier wieder zum "geschöpf" wird und man sich plötzlich wieder bewusst wird dass ein leben ausgelöscht wird damit wir die billige keule aus dem discounter kaufen können.ist es wirklich erstrebenswert sich mit stolz städter zu nennen?

    via ZEIT ONLINE plus App

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Käse | Schweiz | Wallis | Alpen | Dresden | Luzern
Service