Wer beim Thema Schulden denkt, es gehe nur um Geld, der ist naiv. Tatsächlich geht es um Sinn, um Macht, um Angst und um Ehre. Mit ein wenig Schwung könnte man sogar sagen: Schulden sind der mathematische Ausdruck eines metaphysischen Problems. Die Sache ist, kurzum, ernst.

Es ist alles andere als Zufall, dass in diesen Wochen sowohl Europa wie auch die USA mit knapper Not den Schuldenfallen entwischen konnten , die sie sich selbst gestellt haben. Barack Obama mag sich im Schuldenstreit mit dem Kongress ein wenig Zeit erkauft haben. Aber Amerikas Verbindlichkeiten werden weiter steigen – trotz des nun vereinbarten, gigantischen Sparpakets. In Europa mögen die Regierungschefs in einem Kraftakt ein zweites Rettungspaket für Griechenland beschlossen haben. Aber an den Finanzmärkten wettet man bereits auf die nächste Rettungsrunde. Diese Ängste haben den Goldpreis auf ein neues Allzeithoch getrieben.

Mehr als 39 Billionen Dollar haben die Staaten weltweit an Schulden angehäuft. Es ist vor allem die zusätzliche Verschuldung, die sie nun in die Enge treibt. Gleichzeitig müssen die Regierungen immer neue Milliarden bereitstellen, um irgendwen zu retten: erst Banken, dann Unternehmen, jetzt sogar ganze Staaten.

Der Westen hat ganz offenkundig ein Problem, und dieses Problem ist eine Zahl mit 14 Stellen. Wie sind die immer noch reichsten Länder der Erde da hineingeraten? Beginnen wir mit dem, woran es nicht liegt: nicht allein an linker oder allein an rechter Politik, denn rechte wie linke Regierungen haben diese Schulden aufgehäuft. Auch die Konjunktur ist nicht schuld, die war mal so, mal so, und am Ende waren die Schulden immer höher. Es liegt auch nicht am europäischen Sozialstaat , denn sonst hätten die USA ja weniger Schulden. Nein, es muss einen Grund geben, der allen westlichen Ländern gemeinsam ist, und der Grund ist schlicht dieser: Seit zwei Jahrzehnten befindet sich der Westen in einem relativen Abstieg, der Automatismus von immer mehr Wohlstand bei immer weniger oder allenfalls gleich viel Arbeit ist zerbrochen. Dafür gibt es viele Ursachen, hier seien nur der Aufstieg der Schwellenländer, die Anti-Terror-Kriege und die von der Ökologie gezogenen Grenzen genannt.

Entscheidend ist, dass der gesamte Westen mit dieser neuen Lage nicht fertig wird, weder politisch noch kulturell, noch individuell. Unseren Kindern, das wissen wir, wird es nur noch dann besser gehen, wenn sie mehr arbeiten als wir. Ob wir ihnen das wirklich wünschen sollen, das wiederum wissen wir nicht. Damit ist der große Deal des westlichen Modells geplatzt: Auf Wachstum zu setzen war so etwas wie der Minimalkonsens der westlichen Gesellschaft, die Aussicht auf fortwährendes Wachstum beruhigte uns und erleichterte es ungemein, soziale Großkonflikte – wer bekommt wie viel vom Kuchen? – gar nicht erst aufkommen zu lassen. Denn Wachstum bedeutete, dass alle immer mehr bekommen konnten. Umso furchterregender ist es, wenn dieses Wachstum ausbleibt.

Darum hat der Westen diese Realität verdrängt, er hat sich selbst einen Wohlstand vorgespielt und genehmigt, den er nicht mehr besaß. Daher die Schulden, sie sind das Verdrängte, das nun immer öfter und immer heftiger zurückkehrt.

Die Schulden stehen ganz zu Recht im Zentrum der Politik, sie werden zu einem der wichtigsten Schlachtfelder der Macht. Darum ist das, was in dieser Woche in den USA geschehen ist , ein Menetekel, auch für die europäische, die deutsche, vor allem für die linke Politik. Denn der Kompromiss in letzter Minute war ein großer Sieg der Republikaner. Nicht nur wegen der taktischen Vorteile, die sie gegenüber Obama erzielen konnten. Es war die Frechheit, die da siegte. Obwohl die Republikaner in ihrer Regierungszeit enorme Schulden angehäuft haben – durch die Ausgaben für die von ihnen verantworteten Kriege sowie durch Steuersenkungen für Reiche –, haben sie es geschafft, Barack Obama als Schuldenkönig zu brandmarken. Auch wenn der gerade mal zweieinhalb Jahre im Amt ist.