Traumforschung : "Sex? Eher selten"

Die Psychologin Ursula Voss über den Stoff der Träume – und was er über uns sagt.

DIE ZEIT:Frau Dr. Voss , einer verbreiteten Vorstellung nach knüpfen Träume eng an das reale Leben an. Stimmt das?

Ursula Voss: Ich bin da mittlerweile skeptisch. Im Rahmen einer Studie haben wir untersucht, wie sich die Träume von körperlich behinderten und nicht behinderten Menschen unterscheiden. 50 Probanden führten Tagebuch über ihre Träume. Vier der Versuchspersonen waren von Geburt an gelähmt, zehn taubstumm und 36 nicht behindert.

ZEIT: Und?

Voss: Es war verblüffend. Menschen, die in der Realität noch nie etwas gehört haben, träumten zum Beispiel von den Klängen eines Violinkonzerts. Gelähmte konnten im Traum gehen, Taubstumme hören und sprechen. In einigen Träumen waren Menschen auf einen Rollstuhl angewiesen, doch es handelte sich dabei um Träume von Nichtbehinderten. Auch Taubstummheit spielte manchmal eine Rolle – nicht aber bei taubstummen Probanden. Ein zentraler Bestandteil des realen Lebens behinderter Menschen, ihre Behinderung, kommt in ihren Träumen nicht vor. Anders gesagt: Was ein Mensch träumt, sagt erstaunlich wenig über ihn aus.

ZEIT: Kompensieren so Behinderte ihre Einschränkungen, indem sie den Wunsch nach Beweglichkeit, Sprech- oder Hörfähigkeit in der Fantasie ausleben?

Ursula Voss

Die Psychologin von der Universität Bonn verglich Träume behinderter und gesunder Menschen. Zurzeit erforscht sie den Einfluss verschiedener Hirnareale auf das Träumen.

Voss:Bereits Sigmund Freud behauptete, die Ersatzbefriedigung von Wünschen sei eine zentrale Funktion des Träumens. Wenn dem tatsächlich so wäre, müssten Behinderte auffallend häufig davon träumen, keine Behinderung zu haben. Doch das scheint nicht der Fall zu sein. Die Fähigkeit, sprechen, hören oder gehen zu können, spielte in den Träumen der behinderten Probanden keine wichtigere Rolle als bei den Nichtbehinderten. Nach unserer Einschätzung geht es beim Träumen also nicht um die Erfüllung von Wünschen.

ZEIT: Wer von Geburt an behindert ist, empfindet das vielleicht als so normal, dass im Traum nichts mehr verarbeitet werden muss.  

Voss: Das kann ich nicht völlig ausschließen. Alle unsere Versuchspersonen mit einer Behinderung betonten in den Vorgesprächen jedoch, dass sie ihre Einschränkungen als sehr belastend erleben und sich danach sehnen, nicht behindert zu sein.

ZEIT: Wenn wir träumen, sollen – symbolisch verschlüsselt – unsere geheimsten Wünsche sichtbar werden. Vielleicht waren Sie lediglich nicht in der Lage, die Symbole zu dechiffrieren?

Voss: Unter den vier Wissenschaftlern, die die Traumprotokolle untersuchten, war auch eine Psychoanalytikerin, die sich in ihrer therapeutischen Arbeit auf Freuds Theorie stützt. Auch sie konnte nicht erkennen, welche der Träume von Behinderten stammten. Ihre Trefferquote war sogar niedriger als diejenige der drei anderen: einer Verhaltenstherapeutin, einer Gesprächstherapeutin und eines Physikers ohne psychologische Ausbildung.

ZEIT: Manche Hirnforscher halten Träume für eine Art Nervengewitter, das zufällig und ohne jede tiefere Bedeutung abläuft.

Voss: Auch da bin ich skeptisch. Träume können sehr unterschiedlich sein. Ein wichtiger Faktor scheint mir, wie stark der Frontallappen – eine Hirnregion im Bereich der Stirn, die im Wachzustand eine wichtige Rolle bei rationalen Entscheidungen spielt – während des Träumens aktiviert wird . Viele Träume kommen mir wie unaufgeräumte Zimmer vor, in denen Kinder herumtoben und Kleider und Spielsachen aus den Schränken und Kommoden quellen. Manchmal aber mischt sich während des Traums der Frontallappen wie eine strenge Mutter ein und versucht Ordnung zu schaffen. Zumindest legen die Zwischenergebnisse unserer aktuellen Studie nahe: Interventionen des Frontallappens machen manche Träume nachvollziehbar und sinnhafter.

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Kommentare

29 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Ursache-Wirkung?

Interessantes Interview, danke dafür. Ich habe generell ein Problem mit Aussagen wie z.B. der folgenden:

"Manchmal aber mischt sich während des Traums der Frontallappen wie eine strenge Mutter ein und versucht Ordnung zu schaffen."

Woher will man hier wissen, was Ursache und was Wirkung ist? Was ist denn mit folgender Argumentation:

Wenn jemand einen Traum mit einer gewissen Eigenschaft träumt (die genau festzulegen wäre, genauer als "versucht Ordnung zu schaffen"), dann lässt sich häufig diese oder jene Hirnaktivität messen.

Denkbar wäre doch auch eine wechselseitige Verstärkung zwischen dem Trauminhalt und einer entsprechenden Hirnaktivität.

Weiß jemand mehr?

Genauere Erklärung?

Können Sie mir genauer erklären, wie Sie das meinen? Ich sehe da nämlich inhaltlich keinen Zusammenhang zu dem, was ich geschrieben habe. Das soll nicht heißen, dass es keinen geben könnte, ich sehe ihn nur wie gesagt nicht.

Der von Ihnen zitierte Teil wird doch in etwa gegen die Behauptung "Jeder Traum ist eine Wunscherfüllung" gebraucht und widerlegt diese tatsächlich zwar nicht, denn die Träume der Behinderten könnten ja immer noch Wunscherfüllungen (im Traum) sein, nur eben von anderen Wünschen als dem nicht mehr behindert zu sein. Tatsächlich meine ich aber schon, dass die von Ihnen zitierten Sätze, die Behauptung "Jeder Traum ist eine Wunscherfüllung" zumindest entkräften, denn auch Nichtbehindert zu sein, sollte doch wenigstens einmal als Wunscherfüllung geträumt werden, wenn es in Träumen wirklich um die Erfüllung von Wünschen geht. Logisch zwingend ist das aber nicht.

Was hat das mit Ursache und Wirkung zu tun und wie kann man argumentieren (darunter verstehe ich nicht nur behaupten, das kann man natürlich), dass Behinderte sich wünschen Nichtbehindert zu sein, eben weil sie das nicht (!) träumen?

Der Satz ist mir auch hängengeblieben

" Ein zentraler Bestandteil des realen Lebens behinderter Menschen, ihre Behinderung, kommt in ihren Träumen nicht vor. Anders gesagt: Was ein Mensch träumt, sagt erstaunlich wenig über ihn aus."

Anders interpretiert: Dass ein Mensch behindert ist, sagt (bis ins Unbewusste hinein) erstaunlich wenig über ihn aus.
Behindert ist er lediglich in unserer wach-leistungsorientieren Denke und Beurteilung.

Der Wunsch in der Neurolgie

Der erinnerte Trauminhalt leidet, wie alles ganz ganz ganz konkrete, daran, dass er sein Herstellung und damit die Kenntnis der relativen Bedeutung nicht mitbringt.

Freud hat die Verbindung seiner Analysen zur Neurologie des Gehirns auffalend knapp gehalten.

Deshalb sahen sich Deleuze/Guattari gezwungen: "Den Wunsch in die Neurologie und die Neurologie in den Wunsch" einzuführen, in ihre Psychoanlysekritik "Anti-Ödipus" von 1972.

Ich finde, für fast 40 Jahre und den sehr großen Mengen Neurlogen, Psychologen, Psychiater und Psychoanalytiker
gehen die Forschungn, von denen im Artikel berichtet wird, zwar in die Richtung des Anti-Ödipus.

Aber bei der "Wissenschaftspower" hätte da längst ein eigene
volle neue "Lehre" mit vielen Ergebnissen ganz anderer Tiefe, Reichweite, Konekretisierungen und konkreten Praxisbeschreibungen und Therapien stehen.

Die Psycholgen, Psychiater, Neurologen und Psychoanalytiker sind ganz erstaunlich "genügsam", was ihre Forschungen angeht.

Das liegt daran, dass sie die Psychopharmakapsychiatrie, eine Seitenabteilung der Chemie, nicht der Neurologie, in Ruhe lassen wollen.

Der "Wunsch" ist wohl etwas komplexer gefügt, als es als Erwartung im Experiment angenommen wird. Eine erstaunlich "naive" Erwartungsannahme, 40 Jahre nach Deuleuze & Guattari. Ebenso wie in der Neurologie die Amygdala für den Wunsch etwas mehr als "knapp" ist.