Die Renaissance der Traumforschung begann mit heftigem Schwindel. Am 1. Februar 2001 saß Allan Hobson, der einflussreichste Schlafforscher der letzten Jahrzehnte, mit seiner Frau Lia beim Frühstück. Plötzlich drehte sich alles um ihn. Hobson, damals 68, presste seinen Kopf auf den Tisch, um das Gleichgewicht zu halten. Lia, eine Neurologin, erkannte die Symptome eines Schlaganfalls und brachte ihren Mann ins Krankenhaus. Eine Arterie in seinem Hirnstamm war geplatzt.

Der Schlaganfall brachte auch Hobsons Schlaf durcheinander. In den ersten zehn Tagen schlief er überhaupt nicht. Seine Träume blieben noch länger aus. Stattdessen hatte er im Wachen furchtbare Halluzinationen – so als wollte sein Gehirn dringend träumen. Sein erster Traum, 38 Tage nach dem Schlaganfall, kam just in jener Phase, in der er auch das Gehen wieder lernte. Das war kein Zufall, davon ist Hobson überzeugt – erst träumend habe sein Gehirn die grundlegenden Fähigkeiten wiedererlangt. Mittlerweile glaubt er sogar: "Ohne Träume gibt es kein Bewusstsein."

Ausgerechnet Allan Hobson ! Der Psychiater hatte die Träume einst mit aller Macht den bisherigen Traumdeutern entreißen wollen, er hat sie gar zum sinnlosen Abfallprodukt der Hirntätigkeit degradiert. Hobson war zumindest mitverantwortlich dafür, dass seriöse Wissenschaftler um dieses Thema einen großen Bogen machten. Jener Hobson also philosophiert heute darüber, dass man ohne Träume erhebliche Schwierigkeiten im Wachzustand bekommt. Und wenn eine Koryphäe umdenkt, folgen ihr häufig andere. Träume sind in den vergangenen Jahren in den Fokus der Forschung gerückt – nachdem sie viele Jahrzehnte lang links liegen gelassen wurden. Hirnforscher ergründen ihre physiologische Grundlage. Psychologen untersuchen ihre Form und ihren Inhalt, Psychiater ihren Einfluss auf unser Seelenleben. Der aktuelle Forschungsstand der verschiedenen Disziplinen lässt ein Bild entstehen, in dem das Träumen nicht weniger ist als ein eigener Bewusstseinszustand.

Wie alltäglich und zugleich seltsam dieses Phänomen doch ist! Seit Urzeiten machen sich die Menschen Gedanken darüber, was ihnen Nacht für Nacht im Kopf herumspukt . Die frühen Kulturen verstanden Träume als göttliche Ratschläge und Warnungen. Noch im Mittelalter galten sie als Vorboten künftiger Ereignisse. Zum Gegenstand systematischer Untersuchung wurden sie jedoch erstaunlich spät, an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Erst Sigmund Freud ersetzte die alte Deutung des Traums als übersinnliche Botschaft .

Sein Schlüsselerlebnis hatte Freud im Sommer 1895, er behandelte gerade eine Patientin namens Irma, doch die Therapie stockte, er konnte ihr nicht helfen. Eines Nachts hatte er einen merkwürdigen Traum, der ihn nicht losließ. Ein befreundeter Arzt setzte Irma eine Spritze. Dann kam ihm die Erkenntnis: Hinter der nächtlichen Szene musste eine sexuelle Wunschvorstellung stecken , wenngleich verschlüsselt! Die Injektion stand dabei für den Geschlechtsakt. Dass er sich zu Irma hingezogen fühlte, hatte er sich wach nie eingestanden. Im Traum lebte sein Unbewusstes offenbar einen unterdrückten Wunsch aus – verzerrt bis ins Unkenntliche, um die Kontrollinstanz im Gehirn, den "inneren Zensor", zu überlisten. Die nächtliche Fantasie hatte ihn auf die wichtigste Idee seines Lebens gebracht: Träume als unbewusste Wünsche zu interpretieren. Irmas Injektion ist die erste Geschichte, die er in seinem Hauptwerk Die Traumdeutung analysierte. Träume und ihre Analyse waren für ihn der "Königsweg zum Unbewussten".

Was dem epochalen Werk allerdings fehlte, waren Begründungen. Dabei hatte sich der Nervenarzt Freud, der in Wien die Scherenmuskeln von Krabben untersucht und in Paris Kinderhirne seziert hatte, ursprünglich ein ambitioniertes Forschungsprogramm im Sinn gehabt: "psychische Vorgänge darzustellen als quantitativ bestimmte Zustände aufzeigbarer materieller Teile und sie damit anschaulich und widerspruchsfrei zu machen". Doch für einen solchen Brückenschlag zwischen Psychologie und Physiologie fehlte zu seinen Lebzeiten einfach das Instrumentarium. Notgedrungen musste er sich auf die Interpretation beschränken – und seine Theorie wie eine Offenbarung in die Welt setzen. Nichtsdestoweniger sollte sie jahrzehntelang die Psychologie dominieren.

Auch in den 1960er Jahren noch, als Allan Hobson begann, an der Harvard University Medizin zu studieren. Seine Abschlussarbeit schrieb der angehende Psychiater über Freud und Dostojewskij. Bald aber kamen ihm Zweifel am Paradigma von den chiffrierten Botschaften aus dem Unbewussten. Genährt wurden sie durch ein drastisches Experiment: In den 1970er Jahren pflanzte Hobson gemeinsam mit seinem Kollegen Bob McCarley Katzen Elektroden ins Hirn und zerstörte Nervenbahnen in ihrem Hirnstamm – die Tiere verloren den besonders traumreichen REM-Schlaf (benannt nach der typischen heftigen Augenbewegung, rapid eye movement) .