Orbán nutzt die Missstände, um seine Ideologie zu verbreiten
Gekündigt wurden: Träger des ungarischen Pulitzerpreises, Moderatoren, die über Ungarn hinaus bekannt sind, aufstrebende, mit Preisen ausgezeichnete Jungtalente. Befördert wurden: Journalisten, die plötzlich Nachrichtensendungen verantworten, obwohl sie sich vorher vor allem mit Boulevardformaten auskannten. Oder Redakteure wie der 32-jährige Dániel Papp, ehemaliger medienpolitischer Sprecher der rechtsradikalen Jobbik-Partei, der kürzlich einen Beitrag über den Grünen-Politiker und Orbán-Kritiker Daniel Cohn-Bendit verfälschte. In dem Beitrag wird Cohn-Bendit gefragt, ob er der Meinung sei, dass sexuelle Belästigung von Kindern zu den europäischen Grundrechten gehöre. Cohn-Bendit antwortete dem Journalisten ausführlich – doch in dem Beitrag scheint der Politiker wortlos den Raum zu verlassen, ohne Antwort. Papp wurde nicht entlassen. Man hat ihn zum Chef der zentralen Nachrichtenredaktion gemacht.
Der grauhaarige Herr A. bestreitet nicht, dass es Kündigungen geben musste. Kaum jemand der Entlassenen bestreitet das. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Ungarn ist ein aufgeblähter teurer Apparat, der wenige Zuschauer bringt, aber dafür Ineffizienz, Korruption, Finanzierungsprobleme, schlechte Ausrüstung, und das mit mehr als 3000 Mitarbeitern. 1996 wurde das alte Mediengesetz verabschiedet; seitdem unternahm keine Regierung ernsthafte Versuche, die Strukturen zu verbessern – und die Parteipolitik herauszuhalten. Auch die Sozialisten nicht.
Nun packt Viktor Orbán die Sache an, so wie er Sachen stets anpackt: Er macht einen echten Missstand aus – und nutzt ihn, um seine Ideologie zu verbreiten. Im April vergangenen Jahres hat seine Partei Fidesz eine Zweidrittelmehrheit im Parlament gewonnen. Seitdem fühlt sich Orbán berufen, seine Ideologie der »nationalen Einheit« in Ungarn wahrzumachen. Er hat eine neue Verfassung verabschieden lassen, er hat das Verfassungsgericht geschwächt, er hat die wichtigsten Institutionen – Rechnungshof, Medienbehörde, Gerichte – mit seinen Leuten besetzt. Seine Macht würde selbst dann noch pulsieren, wenn Orbán abgewählt würde.
Im Winter hat er ein Mediengesetz durchgesetzt, das seit Juli vollständig gilt und die alten Rundfunkstrukturen auflöst. Alle Journalisten der öffentlich-rechtlichen Sender sind fortan dem MTVA, jenem Mediendienstleistungs- und Vermögensfonds, unterstellt. Die bisherigen Senderstrukturen existieren noch – als Skelette. 49 Redakteure arbeiten in jedem Medienunternehmen, sie nehmen allenfalls die Beiträge ab. Die Produktion, das Programm, all das wird vom MTVA zentral in Auftrag gegeben. Und die Nachrichten produziert der MTVA für alle Sender ebenfalls durch seine eigene Agentur.
Und die Privaten? Zwei Sender, die als regierungskritisch gelten und sich durch ein Rede- und Diskussionsprogramm auszeichnen, wissen derzeit nicht, ob ihre Lizenzen verlängert werden und zu welchen Bedingungen. Staatliche Werbeaufträge fehlen ihnen schon eine ganze Weile.
Frau C. ist Ende 30, wirkt unsicher, arbeitet bei den Öffentlich-Rechtlichen und erzählt, dass sie keine Ahnung habe, wie sie die Sendeplätze in den nächsten Wochen bespielen soll. Mit einem Mal seien die Kollegen weg, selbst geplante Beiträge lägen unfertig da.
Sie ist froh, sagt Frau C., dass sie ihre Arbeit behalten kann. Andererseits ist es in diesen Tagen keine Auszeichnung, nicht gekündigt zu werden.
Ein Treffen an einem verregneten Sommertag in Budapest, mehrere Dutzend Journalisten sind da, fast alle entlassen. Misstrauisch blicken sie auf die, die gekommen sind, obwohl sie noch Arbeit haben – ein Ausdruck von Solidarität? Oder doch irgendein Maulwurf, der später berichten wird, wer so da war? Ein junger Reporter, noch völlig frei – keine Familie, keine Hypothek, aber viel Talent –, ist stolz auf seine Kündigung, als bestätigte sie ihm, dass er alles richtig gemacht habe. Er zeigt auf die Menge entlassener Journalisten vor sich, lacht und sagt: »Die gehören zu den Besten. Damit hat sich Viktor Orbán die gefährlichste Bastion gegen sich selbst geschaffen.«
Und die wächst. Im September folgen die nächsten Entlassungen. Betroffen diesmal: etwa 400 Mitarbeiter.
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- Datum 05.08.2011 - 15:20 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 4.8.2011 Nr. 32
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ist mittlerweile zum Problemfall geworden.
Ich erwarte als EU-Bürger, daß Europa endlich politische demokratische Strukturen entwickelt, die eine echte Partizipation der Bürger Europas an Entscheidungsprozessen gewährleistet.
Auch damit man diesen sektiererischen Rechtspopulisten endlich ihre regionalen Rechtsbeugungen und -aushöhlungen verunmöglichen kann.
Die Demokraten Europas ermöglichen diesen Quatschköpfen erst die Demontage des Rechtsstaates und tragen somit Verantwortung für diesen Prozeß.
Das muß aufhören.
das ist das problem der ungarn.
da ungarn seit 2004 eu-mitglied ist, darf die eu natürlich gerne was dazu sagen.
es wird nichts ändern.
aber es würde den ungarn mut machen, die bereit sind gegenzuhalten.
westerwelle sucht ja profil und läßt kein mikro aus.
auf nach ungarn ...
so eine Regierung innerhalb der EU zu haben. Eigentlich müßte das EU-Parlament protestieren. Das ist alles so traurig....
In Österreich damals gab es wenigsten eine Reaktion von seiten der EU. Aber jetzt muß man ja fast annehmen unsere eigenen Regierungen beneiden den Herr Orban ein wenig.
ist die Dummheit, die in allen Staaten grassiert. Vielerorts gibt es starke Rechtsrucke. Ich frage mich: Wer wählt die aus welchem Grund? Naja, aus der Geschichte hat ja eh noch nie jemand wahrhaftig gelernt. [Ironie] Erfahrungen mit gleichgeschalteten Medien haben die betroffenen europäischen Staaten ja auch sicher nie gemacht, schon gar nicht Ungarn. Die Leute fanden das alle toll, deswegen wollen sie die auch wiederhaben![/Ironie]
...
Ich bin Befürworter eines gemeinsamen Europas, aber die EU als politische Institution liefert gerade in solch schwierigen Fragen eine katastrophale Performance. Es stellt einfach alle, meist unerwähnten Wohltaten der EU in den Schatten, wenn offensichtliche Vollpfostenregierungen wie die ungarische das grundsätzliche Wertefundament Europas ungehindert aushöhlen können - und das stimmt mich wütend und traurig zugleich.
....bis die Medien in wesentlichen Themen so reibungslos einseitig die kulturellen Paradigmen der Region vertreten wie hier.
.
... da heute in Ungarn macht, hat früher dort, als Ungarn noch Pufferstaat war, "Säuberungen" geheissen.
Interessant ist daran, dass offensichtlich heute mit wirtschftlichem Druck durch sittenwidrige Vertragsklauseln das Schweigen der Betroffenen EFFEKTIVER erzwungen werden kann als mit den politischen Sanktionen der regierenden Sowjetmarionetten aus der Komekon-Zeit.
Die ostentative "Nichtreaktion" der Europäischen Union ist dabei ein schlimmerer Sargnagel für die Zukunft eines auch im Inneren ernst zu nehmenden Europa als alle Schuldenkrisen zusammen.
Wie wäre es denn wenn westliche Online-Plattformen (z.B. Zeit.de) diesen ungarischen Journalisten ein Forum zur Publizierung Ihrer staatskritischen Meinungen anbieten würden?
Das dürfte rechtlich interessant werden. Ich bezweifle aber, dass das möglich ist. Andererseits wäre es schon dreist, wenn die ungarische Regierung als Reaktion darauf den Zugang zu deutschen Domains sperren würde. Irgendwann ist einfach ein Punkt erreicht, an dem eine EU nicht mehr wegsehen kann.
Interessante Idee, aber wer bezahlt die Journalisten? Die Zeit? Wohl kaum. Davon abgesehen dürten die Redakteure wohl kaum unter Klarnamen publizieren, da sie sonst hohe Geldbußen riskieren würden. Wie wäre es stattdessen damit ungarische Blogger finanziell zu unterstützen? Vielleicht mit einer Stiftung "Freies Ungarn", welche von deutschen Verlagen gegründet wird und durch Spendengelder finanziert wird.
Das dürfte rechtlich interessant werden. Ich bezweifle aber, dass das möglich ist. Andererseits wäre es schon dreist, wenn die ungarische Regierung als Reaktion darauf den Zugang zu deutschen Domains sperren würde. Irgendwann ist einfach ein Punkt erreicht, an dem eine EU nicht mehr wegsehen kann.
Interessante Idee, aber wer bezahlt die Journalisten? Die Zeit? Wohl kaum. Davon abgesehen dürten die Redakteure wohl kaum unter Klarnamen publizieren, da sie sonst hohe Geldbußen riskieren würden. Wie wäre es stattdessen damit ungarische Blogger finanziell zu unterstützen? Vielleicht mit einer Stiftung "Freies Ungarn", welche von deutschen Verlagen gegründet wird und durch Spendengelder finanziert wird.
Das dürfte rechtlich interessant werden. Ich bezweifle aber, dass das möglich ist. Andererseits wäre es schon dreist, wenn die ungarische Regierung als Reaktion darauf den Zugang zu deutschen Domains sperren würde. Irgendwann ist einfach ein Punkt erreicht, an dem eine EU nicht mehr wegsehen kann.
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