Berliner Immobilienmarkt Monopoly im Amtsgericht
Der Berliner Wohnungsmarkt zieht Spekulanten und Kapitalanleger aus ganz Europa magisch an.
Explodierende Mieten und moderate Preise versprechen hohe Renditen in der Partyhauptstadt und verdrängen Alteingesessene an den Stadtrand. Die Schnäppchenjäger etwa finden sich vorzugsweise bei Zwangsversteigerungen ein.
Mächtige Deckengewölbe, gesäßfeindliche Holzbänke, Bohnerwachsschwaden, die aus jägergrünem Linoleum aufsteigen – Irrtum ausgeschlossen: Wir befinden uns in einem Gebäude unter staatlicher Hoheit. Wer hier ins Amtsgericht Berlin-Mitte kommt, sucht entweder sein Recht oder hat es damit nicht genau genommen. Auf den Fluren vor Saal 0208 aber, dem größten des Gerichts, drängt sich regelmäßig eine dritte Gruppe: Menschen, die sich aus dem Augenwinkel taxieren, Paare mit Baby im Buggy, Jeansträger mit Kaffeebecher, alerte Unterhändler, die ständig telefonieren, grau melierte Männer mit Pepita-Hütchen. Sie alle wollen mitspielen beim Monopoly um Wohnungen und Häuser. Wem gehört die Stadt? Die Frage wird meistens hinter verschlossenen Bürotüren entschieden. Öffentlichkeit aber stellen die Berliner Amtsgerichte her, im Jahresschnitt rund achtmal an jedem Werktag. Hier trifft man vor allem die Schnäppchenjäger. So wie an diesem Dienstag im Saal 0208, Geschäftszeichen 30 K 101/99 – Zwangsversteigerung des Wohnungseigentums Driesenerstraße, Berlin Zentrum.
Rechtspfleger Christian Blödorn gehört zu den Regisseuren dieser Wohnungsauktionen. Als er vor elf Jahren in der Abteilung Zwangsversteigerungen anfing, saß er oft allein im Saal – allein mit sich und der Immobilie, die die Gläubiger eines finanziell gescheiterten Haus- oder Wohnungsbesitzers der Justiz zum Verkauf an den Meistbietenden übergeben hatten. »Bis vor fünf Jahren gingen die Wohnungen noch für 50, 60 Prozent des Verkehrswertes weg, den der Sachverständige ermittelt hatte«, erzählt Blödorn, »heute bieten die Leute fast immer deutlich drüber.« Sein Versteigerungsrekord: eine Wohnung im Szenezentrum Prenzlauer Berg. Auf 238.000 Euro hatte sie das Wertgutachten taxiert. Nach hitziger Pokerrunde gab der Rechtspfleger schließlich bei 400.000 Euro den Zuschlag. »Da gab es Szenenapplaus im Saal.«
Blödorn hat in den vergangenen Jahren »wellenartig alle Nationalitäten« im Saal gehabt. Skandinavier, Iren, Spanier, Russen, Polen. »Die Renditeerwartungen für Berliner Wohnungen haben sich mittlerweile bis nach Südafrika herumgesprochen«, sagt Reiner Wild vom Berliner Mieterverein.
Im Saal 0208 ist das begehrte Objekt 30K 101/09 an diesem Morgen knapp 100 Quadratmeter groß, drei Zimmer Altbau, 1. Stock rechts. »Zufriedenstellender Unterhaltungszustand«, urteilt das vom Gericht bestellte Wertgutachen. Die Wohnung ist seit Jahren vermietet, kostet 4,17 Euro netto kalt pro Quadratmeter, »einfache Wohnlage«. Aber eben in Nachbarschaft zum Szenequartier Prenzlauer Berg. Dort seien bis zu 12 Euro pro Quadratmeter erzielbar. Nach Monopoly-Kriterien also alles eine Frage der Zeit, bis die Driesenerstraße zum Opernplatz wird.
Herr D. aus Bremen ist zur Versteigerung angereist. Der pensionierte Ingenieur will seinem Sohn Wohneigentum sichern, »als Vorgriff aufs Erbe«. Eine Stuhlreihe hinter ihm sitzt im orangefarbenen T-Shirt sein potenzieller Rivale: Herr S., 35-jähriger Kundenberater aus Franken, der stets, wenn seine Firma ihn nach Berlin schickt, auf die Suche nach Immobilienschnäppchen geht, »für die Altersversorgung«, sagt er, »an die Rente glaub ich eh nicht mehr«. Auch Frau M., in öffentlichen Diensten, kommt regelmäßig ins Amtsgericht »die Marktlage beobachten, damit man im richtigen Moment zuschlagen kann. Aber die Preise«, klagt sie, »haben ja dermaßen angezogen, das ist nicht mehr normal.«
»Dafür kriegen Sie in Paris oder Rom gerade mal ein Klo«
»Die Zeit für Schnäppchen ist eigentlich schon vorbei. Die Immobilienpreise in Berlin galoppieren davon, das ist Wahnsinn. Seit der Finanzkrise wollen alle Leute in Betongeld anlegen«, sagt Hans-Jürgen Hintz. Er nennt sich Immobilien-Dienstleister und berät bei Kauf, Verkauf und Versteigerungen. An diesem Dienstag sitzt er undercover im Saal, als um 10.41 Uhr das offizielle Bietvefahren für Objekt 30K/10109 eröffnet wird. Weil das Monopoly-Spiel nicht in Fahrt kommt, hebt Herr Hintz die Hand, um den Kaufpreis »zu pushen«. Er bekommt von der Gläubigerbank eine Provision. 10.48 Uhr: Herr K., ein Mittdreißiger, dritte Sitzreihe Mitte, erhöht das Angebot für die Dreizimmerwohnung von 80.000 auf 103.000 Euro. Makler Hintz stöhnt leise: »Dafür kriegen Sie in Paris oder Rom gerade mal ein Klo.« Genau das ist Berlins Problem.
- Datum 09.08.2011 - 07:46 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 4.8.2011 Nr. 32
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in München, Hamburg, Frankfurt usw. auch anfangen, Zeltstädte zu bauen wie in Tel Aviv!
Und dann solch ein Jubelbericht Im Tagesspiegel, dessen Artikel gerne von der ZO übernommen werden:
http://www.tagesspiegel.d...
Bloß er weil Berggruen heißt und behauptet, er liebe Berlin, gilt das schon als Ausweis seiner ja, was eigentlich?! Interesse am Wohl der Stadt?
Liebe beweist sich durch Kaufen und dann die alten Mieter aus den luxussanierten Wohnungen Vertreiben?
Hier in Berlin gibt es mit den Einwohnern, die hier leben, wenig Rahm abzuschöpfen. Dann kommen halt nur die, die in jeder Weltstadt die Dritt- und Viertwohnung haben und für normale Bewohner wird es unerschwinglich. Prima Entwicklung und Wowi findet das gut. Ja, da kann er sich auf den Bällen endlich mit dem Welt-Jetset tummeln.
Die Verkaufsstatistiken der Notare von Paris haben einen Anstieg der Immobilienpreise in Paris für das Jahr 2010 von 27% aufgezeigt, dies bei einem durchschnittlichen Mietpreis von ca. 30 Euro pro m2 und Monat.
Somit: es kann alles noch schlimmer kommen.
Ich bin mehrmals im Jahr in Berlin und finde es einfach nur Schade, dass Berlin zur Stadt der Reichen mutiert.
Der Charme der Bezirke geht einfach verloren.
Vor Allem der Prenzlauer Berg, mit den kleinen Geschäften und Cafés.
Es ist eine richtige Unverschämtheit, die Bewohner quasi zu vertreiben!!!!!
Man sollte es erhalten und die ganzen Gutverdiener oder die, die ihre Fassaden oder Cafés aufmöbeln in ihre Schranken weisen.
Berlin ist kein Freilichtmuseum sondern eine sich entwickelnde Stadt.
...aber bitte definieren Sie die "Reichen".
Man sollte es erhalten und die ganzen Gutverdiener oder die, die ihre Fassaden oder Cafés aufmöbeln in ihre Schranken weisen.
Berlin ist kein Freilichtmuseum sondern eine sich entwickelnde Stadt.
...aber bitte definieren Sie die "Reichen".
So sollte der Tag beginnen: "Mächtige Deckengewölbe, gesäßfeindliche Holzbänke, Bohnerwachsschwaden, die aus jägergrünem Linoleum aufsteigen – Irrtum ausgeschlossen: Wir befinden uns in einem Gebäude unter staatlicher Hoheit."
Danke, danke, danke, Frau Gaserow! :-D
P.S. Sorry, dass mein Kommentar nichts Inhaltiches zum Artikel beisteuert.
Man sollte es erhalten und die ganzen Gutverdiener oder die, die ihre Fassaden oder Cafés aufmöbeln in ihre Schranken weisen.
Berlin ist kein Freilichtmuseum sondern eine sich entwickelnde Stadt.
das ist meine meinung und ich empfinde es als schade!
außerdem, wer aufgemöbelte cafés will, soll in anderen stadtteilen suchen ;)
das ist meine meinung und ich empfinde es als schade!
außerdem, wer aufgemöbelte cafés will, soll in anderen stadtteilen suchen ;)
des internationalen finanzkapitals marodiert seit spätestens 2004 durch berlin.
der artikel lenkt dabei mit unwichtigen und beschönigenden verweisen auf kleinanleger und sparer von den grossübernahmen durch amerikanische finanzinvestoren, skandinavische, extra zu diesem zweck gegründete ag´s und spekulierende töchter grosser deutscher versicherungskonzerne oder aktuell von milliardären ala berggruen
> http://www.tagesspiegel.d... ab.
die folge sind mieterhöhungen bis knallhart an die rechtliche grenze (und darüber), umwandlung von miet- in eigentums und ferienwohnungen und ausbleibende sanierungen im bestand.
unser haus (ostberliner innenstadt, baujahr 1907) ist ein beispiel. wir sind seit 1990 5 x weiterverkauft worden, sanierung in 21 jahren - null (die letzte war 1968, seitdem nur notreparaturen). da wir eine gewachsene hausgemeinschaft mit zusammenhalt sind und unsere wohnungen zum grössten teil selbst modernisiert haben (heizungs-, badeinbau, elektroinstallation) und wir unsere rechte kennen und vertreten, ist die möglichkeit für mieterhöhungen mittlerweile fast ausgeschöpft. vielleicht werden wir deshalb "weitergereicht". aber wir lassen uns nicht vertreiben.
[...]
Gekürzt. Bitte beachten Sie, dass laut Netiquette das Profil für die Veröffentlichung der privaten Website vorgesehen ist. Danke. Die Redaktion/vn
Makler Hintz stöhnt leise: »Dafür kriegen Sie in Paris oder Rom gerade mal ein Klo.« Genau das ist Berlins Problem.
In dem Artikel geht es darum, dass die Immobilienpreise in Berlin so extrem ansteigen. Am Ende wird allerdings gesagt, dass die Preise in Paris und Rom noch viel höher sind. Inwiefern ist das ein Problem für Berlin?
Zitat: "Inwiefern ist das ein Problem für Berlin?"
Das ist dahingehend ein Problem, dass der soziale Zusammenhalt (sofern es ihn noch gibt) nur weiter zerstört ist. Es gibt dann irgendwann nur "Ghettos" von Reichen und Armen. Die Innenstadt ist dann irgendwann nur noch teuer und "schicki micki" während am Stadtrand (wenn auch nicht in allen Stadtrandgebieten) das Elend herrscht.
Des Weiteren untermauert eine solche Wohnungspolitik die Leistungsgesellschaft in der nur Leute mit Geld geachtet werden.
Zitat: "Inwiefern ist das ein Problem für Berlin?"
Das ist dahingehend ein Problem, dass der soziale Zusammenhalt (sofern es ihn noch gibt) nur weiter zerstört ist. Es gibt dann irgendwann nur "Ghettos" von Reichen und Armen. Die Innenstadt ist dann irgendwann nur noch teuer und "schicki micki" während am Stadtrand (wenn auch nicht in allen Stadtrandgebieten) das Elend herrscht.
Des Weiteren untermauert eine solche Wohnungspolitik die Leistungsgesellschaft in der nur Leute mit Geld geachtet werden.
Ich erlebe die Gentrifizierung in Berlin-Kreuzberg seit nunmehr 7 Jahren (bin auch ein Hinzugezogener, noch dazu aus BW). Es ist teilweise erschreckend, wie sich das Bild der Leute in dieser kurzen Zeit verändert hat. Nordneukölln (Reuterkiez) ist nur noch ein Tummelplatz von jungen, "kreativen" Hipstern (mit reichen Eltern!), Spiessbürgern, die aus Städten wie München oder Stuttgart geflohen sind, um mal ein bisschen Action zu erleben. Das Problem ist nur, dass die Viertel durch die Verdrängung völlig langweilig werden, da eben das eigentlich interessante nicht mehr da ist. Dafür gibts umso mehr teure Cafes und Boutiquen. Der Vorgang tut mir ein wenig weh, ja, aber man muss ja nicht bleiben, oder? Sollen doch die Latte- und Bionadetrinker Ringelpietz mit Anfassen spielen und die Mietpreise explodieren lassen.
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