Walter Ulbricht : Der Mann, der die Mauer baute

Er tat alles, um die DDR zu retten: Nach dem 13. August 1961 wagte Staatschef Walter Ulbricht sogar Reformen. Porträt eines deutschen Kommunisten.

Im Sommer 1961 war Walter Ulbricht 68 Jahre alt, seine Schaffenskraft schien ungebrochen. Bis tief in die Nacht hinein absolvierte der Staatsratsvorsitzende der DDR und Chef der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) Termin um Termin, Besprechung nach Besprechung. Auf langatmigen Parteiversammlungen, die manchen Funktionär rasch entschlummern ließen, registrierte er hellwach jedes Wort. Bei der Diskussion technischer oder ökonomischer Probleme zeigte er sich oft bis ins Detail informiert. Wegen seiner hölzernen Diktion und seiner Fistelstimme machten sich viele über ihn lustig, aber seine Position an der Spitze von Partei und Staat blieb unangefochten.

Drei Jahre zuvor erst war die letzte innerparteiliche Revolte gegen ihn gescheitert. Seine Gegner wie etwa der Berliner SED-Chef Karl Schirdewan besaßen einfach nicht Ulbrichts taktisches Gespür, Zielstrebigkeit und Skrupellosigkeit. Sein Verhältnis zu Nikita Chruschtschow , der Nummer eins im Moskauer Kreml, blieb gut. Die beiden kannten sich seit einer gemeinsamen Weihnachtsfeier – 1942 vor Stalingrad. Der Emigrant Ulbricht hatte damals versucht, deutsche Soldaten per Lautsprecher zum Überlaufen zu bewegen. 

Er saß fest im Sattel, aber andere Sorgen drückten ihn in jenem Sommer 1961. Mehrfach drängte er die Moskauer Führung, »die gegenwärtige Situation mit der offenen Grenze« zu korrigieren. Wie sich ein sowjetischer Diplomat erinnerte, erklärte Ulbricht Botschafter Michail Perwuchin, »die Lage in der DDR verschlechtere sich zusehends. Der wachsende Flüchtlingsstrom desorganisiere immer mehr das Leben der Republik. Bald müsse es zu einer Explosion kommen [...]. Er könne diesmal nicht garantieren, die Lage unter Kontrolle zu halten.« Auf einem Gipfeltreffen der Parteichefs der Ostblockstaaten vom 3. bis 5. August in Moskau bekam Ulbricht schließlich freie Hand. 

Die Leitung der praktischen Maßnahmen zum Mauerbau übertrug er dem 21 Jahre jüngeren Erich Honecker. Die beiden arbeiteten seit Mai 1945 zusammen, als der gerade aus NS-Haft befreite Honecker zur »Gruppe Ulbricht« gestoßen war, die im Auftrag der Roten Armee in Berlin neue Verwaltungen aufbaute. In den folgenden Jahren hatte sich Honecker als treuer Parteigänger Ulbrichts erwiesen. Der machte ihn dafür 1958 zum Vollmitglied des SED-Politbüros.

Auf Honeckers Befehl hin blockierten am 13. August ab ein Uhr nachts paramilitärische »Betriebskampfgruppen« alle Zugänge nach West-Berlin. Zunächst nur mit Stacheldraht, aufgrund einer Weisung Chruschtschows, der einen Konflikt mit den Westmächten fürchtete. Doch diese verhielten sich ruhig. »Vater seufzte vor Erleichterung«, schrieb Chruschtschows Sohn Sergej. Dann begannen die Arbeiten an der eigentlichen Mauer. Bald gab es die ersten Toten .

Ulbrichts Kalkül schien aufzugehen: Die DDR war zwangsstabilisiert, auf Abwanderungseffekte brauchte die SED-Führung keine Rücksicht mehr zu nehmen. Allerdings wusste er, dass der Mauerbau allein nicht die Lösung für die existenzielle Malaise der DDR sein konnte. »Die Arbeitsproduktivität«, erklärte er, »wird den Wettkampf der Systeme entscheiden. Letzten Endes siegt doch der Sozialismus über den Kapitalismus durch seine höhere Produktivität der Arbeit.«

Die Statistiken zeigten ein anderes Bild. Danach war die Arbeitsproduktivität in der DDR um 25 Prozent niedriger als in Westdeutschland. Tatsächlich war sie wohl noch niedriger. Ulbricht entschloss sich, zusammen mit einer Handvoll vertrauter Mitarbeiter ein umfangreiches Reformprogramm zu entwickeln. Damit begann unmittelbar nach dem Mauerbau in der DDR ein Experiment, über dessen Tragweite sich damals wohl kaum jemand im Klaren war. Doch wie Ulbricht als Erster und dreißig Jahre später dann Michail Gorbatschow erfahren musste: Das sozialistische System ließ sich nicht reformieren. Man konnte es nur konservieren oder abschaffen.

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Kommentare

26 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Spekulationen

Eventuell wäre auch die DDR schneller zusammengebrochen und die Wiedervereinigung noch unter Brandts Zeiten gekommen.

Eventuell hätte aber auch die Maurer sich auf das wesentliche (neue Wohnungen) fokusieren können, wie Ulbricht, dies im Rahmen seines berühmtesten Zitates "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten" erwähnt hat. Aber die DDR hatte wohl zu viel Angst vor einem Wettbewerb der Systeme. Eine Rückgewinnung der Flüchtlinge durch ein überzeugenderes und für die Bürger besseres system war wohl selbst in SED Führungszirkeln als Phantasterei abgetan worden.

Sicher wären aber viele Unschuldige Flüchtlinge nicht inhaftiert bzw. beim Fluchtversuch gar erschossen worden.

Die Sowjetunion hätte keinen Zusammenbruch der DDR

zugelassen, so lange sie nicht selbst am Ende war.

Die gewaltsame Abschottung war konsequent, schon weil für humanere Lösungen die Ressourcen und vor allem der Wille fehlte.

Ich habe 1968 bei der Niederschlagung des Prager-Frühlings gesagt, dass damit die letzte Chance für den Kommunismus ruiniert worden war. Dazu musste man kein Prophet sein.

Abschottung "nötig"?

Die Abschottung konnte nur "nötig" werden, weil die SED schon lange kein Interesse mehr am Wohlbefinden der Bevölkerung hatte. Schon Walter Ulbricht war also ein Totengräber des real-existierenden Kommunismus.
Der Beweis, dass der Kommunismus als Gesellschaftsform funktionieren kann muss noch erbracht werden. Aber bitte nicht wieder mit Stacheldraht, Mauern und Gewehren.

Die SED war das Problem

Hermann Kreutzer, der ehemalige Vorsitzende des Kurt-Schumacher-Kreises, der wie nicht wenige SPD-Mitglieder sowohl bei den Nationalsozialisten, als auch bei den Sowjetsozialisten im Gefängnis gesessen hat, bezeichnete des öfteren Ulbricht als "Politgangster", da insbesondere das Leben in DDR in den fünfziger Jahren in materieller und rechtsstaatlicher Hinsicht katastrophal war. Todesurteile wurden sehr schnell verhängt und betrafen eben nicht nur NSDAP-Täter, sondern auch deren Opfer. Ausserdem erwartete die Sowjetunion junge Arbeitskräfte und die wurden dann prompt geliefert, wenn sie nicht vorher in Westen flüchteten. Den SED-Führern ging es nicht um die DDR, sondern nur um den von den Sowjets garantierten eigenen Machterhalt, da sie ansonsten eine vollkommen andere Politik hätten betreiben müssen. Wenn man sich das Ergebis dieses Wahnsinns anschaut -und das müssen wir tun, da allzu zuviel "kopiert" wird- dann dann stellt sich die Frage: Wie konnte man Milliarden für dieses menschenverachtende Bauwerk, für die angebliche Sicherheit und für das sogenannte "Soziale" verschwenden, wenn am Ende alles innerhalb von wenigen Tagen zusammenfällt und nur eine hochverschuldete Kloake mit orientierunglosen Menschen zurückbleibt?

Verharmlosende Geschichtsschreibung in der "Zeit"

Allmählich muß man sich Sorgen um "Die Zeit" machen.

Dem Autor sei versichert, daß von Walter Ulbricht mehr in Erinnerung bleibt als "Erinnerung an den Mann, der die Mauer baute"

Da ist die Erinnerung der in der sowjetisch besetzten Zone systematisch die politische Konkurrenz ausschaltete.

Da ist die Erinnerung an den Mann, der den Aubau der Stasi betrieb. Erich Mielke diente schon unter Walter Ulbricht.

Da ist die Erinnerung an den Mann, der nach der Niederschlagung des Aufstandes 1953 die politischen Säuberungen anordnete und überwachte.

Da ist noch vieles mehr.

Dieser Artikel fällt auch durch seine Auslassungen auf. Da wird auf Änderungen in der Kulturpolitik hingewiesen. Die Kultusministerin hieß seit 1963 Margot Honecker. Erich Honecker war ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen. Es ist schlicht unvorstellbar, daß die Wirtschaftsreformen ohne Mitwirkung Honeckers durchgeführt wurden.

Der Artikel erweckt den Eindruck als sei Ulbricht in seinen späten Lebensjahren zu anderen Einsichten gekommen und tragisch gescheitert. Diese Spekulation mutet abenteuerlich an. Auch für Walter Ulbricht hatte die Partei immer Vorrang.

Die Haltung zum Aufstand der Polen 1956 bleibt ebenso unerwähnt wie die Haltung der DDR im Prager Frühling 1968.

Ich fand den Artikel wohltuend sachlich

Man muss nicht mehr ständig mit Schaum mit dem Mund die Geschicht aufarbeiten, der kalte Krieg ist entschieden, die DDR vorbei und kommt nie wieder.
Für Betroffene und Zeitzeugen ist es natürlich immer eine persönliche und emotionale Angelegenheit. Aber langsam sollte die Zeit gekommen sein, die Geschichte sachlich aufzuarbeiten.
Ich hoffe das erfolgt auch bald für die Vereinigung 1990, aber das ist wohl noch zu nah an der Gegenwart

Politverbrecher

Nur seine Ideologie zählte, Andersdenkende wurden gnadenlos verfolgt. Er sperrte sein eigenes Volk ein. Er hatte keine wirkliche Legitimation.
Für mich ein Verbrecher, gleichzusetzen neben Lenin, Stalin, Hitler. Schade nur, dass er den Zusammenbruch seines Systems nicht erleben konnte. In der Hölle gibt es weder Rundfunk noch Fernsehen.

Da wäre ich nicht so sicher

In der Hölle gibt es bestimmt den öffentlichen Rundfunk und Ulbricht muß sich jeden Tag alle Wiederholungen ansehen. Bis er sich wundert warum alle seine Genossen Westfernsehen sehen wollten. Dann wird auf die Wiederholungen der Privaten umgeschaltet. - Komisch. - Plötzlich findet man das DDR-Fernsehen gar nicht mehr so schlecht. ... Dann er scheint plötzlich Karl-Eduard von Schnitzler und Ulbricht muß sich alle Folgen des Schwarzen Kanal ansehen und die Unterschiede zum aktuellen Nachrichtenwesen ausarbeiten. - Eine teuflische Aufgabe....