Im Sommer 1961 war Walter Ulbricht 68 Jahre alt, seine Schaffenskraft schien ungebrochen. Bis tief in die Nacht hinein absolvierte der Staatsratsvorsitzende der DDR und Chef der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) Termin um Termin, Besprechung nach Besprechung. Auf langatmigen Parteiversammlungen, die manchen Funktionär rasch entschlummern ließen, registrierte er hellwach jedes Wort. Bei der Diskussion technischer oder ökonomischer Probleme zeigte er sich oft bis ins Detail informiert. Wegen seiner hölzernen Diktion und seiner Fistelstimme machten sich viele über ihn lustig, aber seine Position an der Spitze von Partei und Staat blieb unangefochten.

Drei Jahre zuvor erst war die letzte innerparteiliche Revolte gegen ihn gescheitert. Seine Gegner wie etwa der Berliner SED-Chef Karl Schirdewan besaßen einfach nicht Ulbrichts taktisches Gespür, Zielstrebigkeit und Skrupellosigkeit. Sein Verhältnis zu Nikita Chruschtschow , der Nummer eins im Moskauer Kreml, blieb gut. Die beiden kannten sich seit einer gemeinsamen Weihnachtsfeier – 1942 vor Stalingrad. Der Emigrant Ulbricht hatte damals versucht, deutsche Soldaten per Lautsprecher zum Überlaufen zu bewegen. 

Er saß fest im Sattel, aber andere Sorgen drückten ihn in jenem Sommer 1961. Mehrfach drängte er die Moskauer Führung, »die gegenwärtige Situation mit der offenen Grenze« zu korrigieren. Wie sich ein sowjetischer Diplomat erinnerte, erklärte Ulbricht Botschafter Michail Perwuchin, »die Lage in der DDR verschlechtere sich zusehends. Der wachsende Flüchtlingsstrom desorganisiere immer mehr das Leben der Republik. Bald müsse es zu einer Explosion kommen [...]. Er könne diesmal nicht garantieren, die Lage unter Kontrolle zu halten.« Auf einem Gipfeltreffen der Parteichefs der Ostblockstaaten vom 3. bis 5. August in Moskau bekam Ulbricht schließlich freie Hand. 

Die Leitung der praktischen Maßnahmen zum Mauerbau übertrug er dem 21 Jahre jüngeren Erich Honecker. Die beiden arbeiteten seit Mai 1945 zusammen, als der gerade aus NS-Haft befreite Honecker zur »Gruppe Ulbricht« gestoßen war, die im Auftrag der Roten Armee in Berlin neue Verwaltungen aufbaute. In den folgenden Jahren hatte sich Honecker als treuer Parteigänger Ulbrichts erwiesen. Der machte ihn dafür 1958 zum Vollmitglied des SED-Politbüros.

Auf Honeckers Befehl hin blockierten am 13. August ab ein Uhr nachts paramilitärische »Betriebskampfgruppen« alle Zugänge nach West-Berlin. Zunächst nur mit Stacheldraht, aufgrund einer Weisung Chruschtschows, der einen Konflikt mit den Westmächten fürchtete. Doch diese verhielten sich ruhig. »Vater seufzte vor Erleichterung«, schrieb Chruschtschows Sohn Sergej. Dann begannen die Arbeiten an der eigentlichen Mauer. Bald gab es die ersten Toten .

Ulbrichts Kalkül schien aufzugehen: Die DDR war zwangsstabilisiert, auf Abwanderungseffekte brauchte die SED-Führung keine Rücksicht mehr zu nehmen. Allerdings wusste er, dass der Mauerbau allein nicht die Lösung für die existenzielle Malaise der DDR sein konnte. »Die Arbeitsproduktivität«, erklärte er, »wird den Wettkampf der Systeme entscheiden. Letzten Endes siegt doch der Sozialismus über den Kapitalismus durch seine höhere Produktivität der Arbeit.«

Die Statistiken zeigten ein anderes Bild. Danach war die Arbeitsproduktivität in der DDR um 25 Prozent niedriger als in Westdeutschland. Tatsächlich war sie wohl noch niedriger. Ulbricht entschloss sich, zusammen mit einer Handvoll vertrauter Mitarbeiter ein umfangreiches Reformprogramm zu entwickeln. Damit begann unmittelbar nach dem Mauerbau in der DDR ein Experiment, über dessen Tragweite sich damals wohl kaum jemand im Klaren war. Doch wie Ulbricht als Erster und dreißig Jahre später dann Michail Gorbatschow erfahren musste: Das sozialistische System ließ sich nicht reformieren. Man konnte es nur konservieren oder abschaffen.