ZEITmagazin: Mr. Volcker, Sie gelten als einer der mutigsten Ökonomen der USA, doch als Ihr Enkel Ihnen vor ein paar Jahren sagte, dass er für eine Bank arbeiten wollte, waren Sie angeblich dagegen. Wo lag das Problem?

Paul Volcker: Das Problem war nicht, dass er für eine Bank arbeiten wollte. Ich hatte ihn gefragt, was er werden will. Finanzmathematiker, sagte er, komplexe Finanzprodukte entwickeln. So, so, sagte ich. Und was tragen die zum Wohl der Menschheit bei? Es hatte also nichts damit zu tun, dass er für eine Bank arbeiten wollte. Ich wollte nur nicht, dass er etwas mit dieser modischen Finanzmathematik zu tun bekommt.

ZEITmagazin: Und was ist so schlimm daran?

Volcker: Vieles davon basiert auf einer unglückseligen Theorie, die uns in den letzten Jahren in Schwierigkeiten gebracht hat. Finanzingenieure vergessen gern, dass Finanzmärkte keine mathematischen Gebilde sind, sondern menschliche. Und Menschen haben es nun mal an sich, dass ihr Verhalten nicht einfach statistisch oder mit volkswirtschaftlichen Theorien zu prognostizieren ist. Irgendwann hat sich das Versprechen der Finanzmathematiker, dass sie das Risiko streuen würden, in das Gefühl verwandelt, dass das Risiko davon weggeht. In Wahrheit wurde es verschleiert.

ZEITmagazin: Aber Ihr Enkel hat tatsächlich an dieses Versprechen geglaubt?

Volcker: Jetzt, wo er bei einem Start-up arbeitet, sagt er, dass er weiß, was ich gemeint habe.

ZEITmagazin: Seit Ihrer Zeit als Vorsitzender der amerikanischen Notenbank zwischen 1979 und 1987 gelten Sie als ein Held, dem die Menschen auf der Straße gratulieren, weil Sie die Inflation besiegt haben. Nach der Finanzkrise waren Sie der Mann, von dem Obama hoffte, dass er die Banken zähmen würde, ein Teil der Bankenregulierung, die Volcker-Rule, wurde nach Ihnen benannt. Was sagen Ihnen die Leute heute, wenn Sie sie auf der Straße erkennen?

Volcker: Meistens, dass sie froh sind, dass ich da bin, und ob ich einen Rat für sie habe, wie sie ihr Geld anlegen sollen

ZEITmagazin: Und haben Sie einen?

Volcker: Für Leute auf der Straße? Ich weiß nicht mal, was ich mir selbst raten würde.

ZEITmagazin: Deutsche diskutieren inzwischen in der Mittagspause, ob sie ihr Geld in Franken, Zloty, Norwegische Kronen oder Diamanten tauschen sollten. Was meinen Sie?

Volcker: Ich weiß, es sind schwierige Zeiten für Anleger . Ich kann nur sagen, dass ich die Un- sicherheit teile.

ZEITmagazin: 71 Prozent der Deutschen haben laut Umfragen wenig oder kein Vertrauen mehr in den Euro .

Volcker: Das ist traurig.

ZEITmagazin: Überrascht Sie das wirklich? Die Familie Ihrer Frau lebt in Deutschland...

Volcker: Ich rede mit meiner Familie nicht über ihr Vertrauen in den Euro . Ich dachte, dass sich die Deutschen an den Euro gewöhnt haben.

ZEITmagazin: Im Gegenteil: Viele glauben, dass der Euro ein Fehler war.

Volcker: Das alte Wechselkurssystem wäre in der Krise zerfetzt worden! Aber ja: Der Euro ist unter Druck, und um ihn zu halten, brauchte es mehr Integration und nicht weniger.

ZEITmagazin: Wie wird man die Jahre zwischen Lehman und Griechenland eines Tages in den Geschichtsbüchern beschreiben?

Volcker: Um es sehr deutlich zu sagen: Dies ist ein heroischer Moment für Europa und ein heroischer Moment für Deutschland. Die Zukunft des Euro hängt vor allem von Deutschland ab.

ZEITmagazin: Die Volcker-Rule sollte Geschäftsbanken vom spekulativen Eigenhandel abhalten – ein Verbot, das nach der großen Depression immerhin mehr als 50 Jahre lang Bestand hatte, bis es in den Neunzigern abgeschafft wurde. Was ist von Ihrem Vorschlag übrig geblieben, nachdem er letztes Jahr durch den Kongress gegangen ist?

Volcker: Täuschen Sie sich nicht, die Restriktionen des sogenannten Eigenhandels sind so stark wie von mir vorgeschlagen. Ich behaupte nicht, dass die Volcker-Rule alleine alle Probleme in Luft auflöst. Es sind eine Menge anderer Regeln nötig. Wenn man alles zusammennimmt, besteht Hoffnung, dass wir nicht noch mal einer Krise wie der letzten gegenüberstehen. Ich sollte jetzt nicht sagen, für den Rest meines Lebens, weil mein Leben vielleicht nicht mehr allzu lang sein wird. Hoffen wir, dass es in Ihrem Leben nicht noch einmal passiert.