Kurort Bad IschlKaiser, Kitsch und Koitus

In Bad Ischl kennen Geschäfte kein Tabu: Alljährlich feiern Monarchisten vor dem k.u.k.-Urlaubsdomizil die Auferstehung der Habsburgerzeit, und unweit der Sisi-Villa residiert der Pornokaiser der Republik. Besuch in zwei österreichischen Vergnügungswelten. von Lukas Kapeller

Die Kaiservilla in Bad Ischl im österreichischen Salzkammergut

Die Kaiservilla in Bad Ischl im österreichischen Salzkammergut  |  Wikimedia

Durch die Kaiservilla führt eine blonde Frau im Dirndl, noch keine zwanzig Jahre alt. »Im Roten Salon übte Sisi Turnen und Fechten«, erzählt sie in gekünsteltem Hochdeutsch. Ein paar deutsche Touristinnen nicken, was bedeuten soll: Weiß ich eh schon. Im 15-Minuten-Takt werden Reisegruppen durch die kaiserliche Landvilla in Bad Ischl gelotst. Sie hören Geschichten von Sisis Frisuren und trippeln vorbei an Geweihen, die Franz Joseph auf seinen Treibjagden erbeutete. Manche Zimmerdecke zeigt Risse, die Stuhlüberzüge sind deutlich abgesessen, unter den Füßen knirscht das Parkett wie eine altbackene Kaisersemmel.

Im Erdgeschoss sitzt Markus Habsburg in seinem dunklen Büro. Er macht kein Geheimnis daraus, wie viel Mühe ihm dies alles bereitet. Er spricht viel von den »Härten des Erbens«. Der 65-jährige Urenkel des Kaiserpaares ist ein altmodischer Mann. Er trägt ein Sakko mit Hirschknöpfen und rechnet noch in Schilling. Von jenen, die heute etwas zu sagen haben, fühlt er sich schlecht behandelt. »Ein Bauer darf seine Wiesen teilen, ich soll’s natürlich nach Möglichkeit nicht«, stöhnt er. 17 Hektar Parkanlage müsse er, der kleine Privatmuseumsbesitzer, erhalten. Habsburgs Blick verfinstert sich unter seinem weißen Scheitel. »Ist das die Republik, die sie wollten? Wo ein Bürger nicht mucksen darf?« Sie, die der Monarchie den Rücken gekehrt haben.

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Markus Habsburg bewohnt und verwaltet die Kaiservilla, was den Ischlern nur recht ist, denn hier lebt man vom verblichenen Prunk und braucht Originale. Im Sommer strömen 100.000 Besucher pro Woche in den Kurort, das ist Platz sechs unter den Tourismusmagneten Österreichs. Noch heute leitet sich alles davon ab, dass Kaiser Franz Joseph und Sisi über Jahrzehnte hierher auf Sommerfrische fuhren. Gepflegte Parks und Villen vor unbefleckter Bergkulisse – ein erprobtes Rezept, das Jahr für Jahr frisches Geld nach Ischl bringen soll. Jene Stadt, die sich anstelle der Bezirkshauptstadt Gmunden als wahres Zentrum des Salzkammerguts wähnt.

Nie ist hier mehr los als in dieser Woche im August. Die Stadt lädt zu Kaiser-Bummel, Kaiser-Golfturnier und Kaiser-Trabrennen, und zum Abschluss bei der Kaisermesse am 18. August, dem Geburtstag des Gebieters, wird die Stadtpfarrkirche wie jedes Jahr rappelvoll sein. Der Hochadel tritt zusammen, die Traditionsregimenter kommen aus Wien, aus Meran, aus den ehemaligen Kronländern. Bei der Haydn-Hymne singen alle mit, alle Strophen, und Markus Habsburg schreitet die Kompanien ab. Die leicht überalterten Truppen werden duldsam unter ihren Tschakos und Hüten schwitzen, die Federn werden wippen und die Goldbanner funkeln. Wie erst kürzlich bei dem Begräbnis von Otto Habsburg in der Wiener Innenstadt wird es wieder ein stolzes Schaulaufen der letzten Monarchisten sein.

Ohne die Habsburger Sommerfrische würde Bad Ischl nicht funktionieren, da scheinen alle 14.000 Bürger einig. »Blöd wär’ ma, wenn wir den Kaiser verleugnen würden«, sagen viele hier. Vom Bahnhof sieht man Südkoreaner mit ihren Trolleys nostalgiesüchtig zu den touristischen Kronjuwelen hasten: Kaiservilla und Konditorei Zauner. Dem Gast erscheint Ischl wie ein Habsburg-Disneyland, freilich mit alter Bausubstanz. Wie in jedem Vergnügungspark tuckert durch Bad Ischl ein Bummelzug mit zehn Stundenkilometern, dessen Lenker mit der monotonen Stimme eines Pratertrödlers vom Authentischen bis zum Tand alles anpreist: die Kurapotheke, wo die Kaiserin destilliertes Wasser zum Haare waschen kaufte, ebenso den Trachtenladen und das Wirtshaus. Ihre Waren versehen die Ischler gern mit zwei Attributen: »Original« oder »Kaiser«, manchmal auch im Doppelpack. In den Auslagen locken Ausseer Dirndln, allerlei k.u.k.-Mehlspeisen (frisch gebacken) oder ein Sisi-Badesalz.

Nur einer betreibt seine Geschäfte eher versteckt im Grünen, im bäuerlichen Vorort Sulzbach. Thomas Janisch, Geschäftsführer des Österreichischen Kontaktmagazins , kurz ÖKM , beliefert von Bad Ischl aus ganz Österreich mit Pornografie. »Begonnen hat es so richtig old-fashioned mit Anzeige und Chiffre-Nummer«, sagt der 47-Jährige, der mit grau meliertem Kurzhaarschnitt und ruhiger Stimme eher wirkt, als würde er Versicherungen verkaufen. Sein Vater, ein ehemaliger Redakteur der Kronen Zeitung, gründet das Pornoheft 1981. Die Idee: eine Partnerbörse, wo es nicht um seelische Harmonie geht, sondern unverblümt um Sex.

Seit Janisch senior nach Ischl zog, wo er eine rege Geschäftstätigkeit für Erregte entfaltete, liegt der Ort nicht nur auf dem Radarschirm der Sisi-Touristen, sondern auch der Pornoindustrie. Thomas Janisch, der den väterlichen Betrieb 2003 übernahm, meint sogar von einer viel längeren Tradition der Gegend ausgehen zu dürfen: »Bad Ischl war zu Kaisers Zeiten eine erotische Hochburg.« Dass Aristokraten und Wiener Kaufleute um die Jahrhundertwende amouröse Abenteuer mit den zahlreich anwesenden Wäsche-, Dienst- und Küchenmädeln oder den Sennerinnen des Salzkammerguts suchten, gilt als verbürgte Lokalfolklore, die kein Reiseführer extra erwähnen muss.

Leserkommentare
  1. 1. uh...

    eine altbackene kaisersemmel knirscht nicht. die ist zaeh wie leder. und eine frische knirscht nicht, die kracht. ;-)

  2. die ich vor drei Jahren besuchte, war wirklich gut. Ob die junge Dame "gekünsteltes" Hochdeutsch sprach, weiß ich nicht. Jedenfalls war die Führung interessant und kenntnisreich und auf die zahlreichen Fragen aus dem Besucherkreis wurde wohlinformiert und interessant geantwortet. Außerdem dauerte das ganze - wenn ich mich halbwegs richtig erinnere - etwa eine Stunde.

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